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Ich bin nicht gerade der positivste Denker unter der Sonne. Ich glaube nicht, dass immer alles immer besser wird – sogar die Sonne stirbt irgendwann. Und ich glaube nicht, dass das „Gesetz der Anziehung“ alle Probleme löst – höchstens die der Anbieter, die ihre geheimsten Geheimnisse in diesem Bereich teuer verkaufen.

Das Leben ist – auch – Leiden und das wird auch so bleiben. Da können wir dem Dauer-Happy-Sein noch so sehr hinterherrennen mit verzweifeltem Grinsen.

Aber: Ich könnte ein bisschen mehr ehrlichen Optimismus vertragen und Du vielleicht auch.

Die Wissenschaft bekräftigt mich darin. Sie beschäftigt sich in den letzten Jahren zunehmend mit diesem Thema und sagt: Positives Denken ist nicht nur Hokus Pokus für Baum-Umarmer (nichts gegen Bäume umarmen, ich find’s nur deprimierend, dass die mich nie zurückumarmen). Positives Denken wirkt wirklich. Und zwar länger als jedes Lächeln vorm Spiegel. Nachweislich verändert es unser Gehirn – und unsere Fähigkeiten, unsere Gesundheit, unser Leben.

Besondere Beachtung fand die Forschung über positive Psychologie von Barbara Fredrickson von der University of North Carolina, über die der Blogger James Clear schreibt.

Was negative Gedanken mit Deinem Gehirn machen

Negative Gedanken erfüllen grundsätzlich einen Zweck. Deshalb müssen wir das „negativ“ in Anführungsstriche setzen.

Angenommen, Du bist in einem Wald, nachts, komplette Dunkelheit (vielleicht ist der Mond schon vor der Sonne gestorben). Du umarmst gerade einen Baum. Plötzlich: ein Geräusch! Es kommt näher, und da steht er vor Dir, der große Bär, die großen Krallen ausgefahren.

Im Gehirn entstehen negative Gedanken und Gefühle – vor allem Angst. Der Forschung zufolge haben sie nur einen Zweck. Sie sollen eine bestimmte Handlung auslösen. In diesem Fall rennst Du um Dein Leben. Alles andere wird egal. Du bist komplett fokussiert auf den Bären, auf die Angst und auf die Flucht.

Negative Gedanken verengen Deinen Geist. In diesem Moment siehst Du nicht mehr, dass es noch andere Optionen als das Davonsprinten gäbe und dass diese womöglich sogar besser wären. Möglichst ruhig rückwärts gehen zum Beispiel, oder einen Stock greifen und den Bären neckisch in den Bauchspeck kneifen (ich bin kein Zooologe, keine Ahnung, ob das in tatsächlich besser wäre).

Unser Gehirn jedoch ignoriert all diese Möglichkeiten, es verschließt sich.

In früheren Zeiten war das überlebensnotwendig. Heute geht es nur noch selten um Leben oder Tod. Dennoch läuft dasselbe im Gehirn ab.

Wenn wir uns mit jemandem streiten, uns in Gedanken immer mehr aufschaukeln und einschießen, bis die Wut in uns alles Denken zerkocht hat. Oder wenn wir schon beim Anblick der vielen To-Dos so gestresst sind, dass wir mit gar nichts anfangen, sondern nur erstarren. Es ist wie mit dem Bären: Wird die negative Emotionen zu stark, versteifen wir und der Handlungsspielraum fällt von 1 auf 0.

Oder wenn wir abnehmen wollen, aber an nichts denken können als daran, wie fett wie sind und wie wenig Willenskraft wir doch haben, und dass das alles eh nichts bringen wird und wir bestimmt bald platzen, mitten in der U-Bahn oder im Büro und die Leute sich unser Fett aus dem Gesicht wischen. So, dass wir auch dort entweder gar nichts tun, oder panisch und kopflos in die nächstbeste Sinnlos-Diät rennen, weil nur noch das 14-Tage-Gurkensuppen-Abnehmprogramm uns angeblich den Sommer retten kann.

In jedem dieser Fälle verengt sich unser Geist. Er konzentriert sich auf die negativen Gedanken und Gefühle, auf die Wut, die Überforderung die Angst. Es verschließt sich vor der äußeren Welt. Unser Überlebensinstinkt ist dann am Werk und blendet sämtliche andere Optionen aus, die wir haben. Die Lage erscheint uns ausweglos, wir sind gefangen in einem Netz aus Negativem, das sich weiter und weiter zusammenschnürt.

Was positive Gedanken mit Deinem Gehirn machen

Für ein Experiment teilte Fredrickson Teilnehmer in fünf Gruppen ein und zeigte ihnen verschiedene Filmausschnitte:

  • Gruppe 1 und 2 sahen Videos, die positive Emotionen hervorriefen. Gruppe 1 solche, die erfreuten, Gruppe 2 solche, die zufrieden machten.
  • Gruppe 3 war die Kontrollgruppe und bekam Videos zu sehen, die keine oder neutrale Emotionen auslösten.
  • Gruppe 4 und 5 zeigte man Videos, die zu negativen Emotionen führten. Gruppe 4 solche, die Angst machten. Gruppe 5 solche, die wütend machten.

Hinterher sollten sich die Teilnehmer selbst in Situationen vorstellen, in denen sie die jeweiligen gerade erlebten Emotionen verspüren würden, und aufschreiben, was sie tun könnten. Jeder Teilnehmer bekam dazu ein Blatt mit 20 Zeilen, die immer begannen mit „Ich würde …“.

Den Teilnehmern, die mit negativen Emotionen konfrontiert wurden, fielen deutlich weniger Handlungsmöglichkeiten ein, denen mit den positiven Emotionen deutlich mehr als der Kontrollgruppe.

Wenn wir positive Emotionen erleben wie Freude, Zufriedenheit oder Liebe, sehen wir mehr Möglichkeiten im Leben. Egal, ob wir dazu einen Film auf einem Bildschirm angeschaut oder einen inneren Film aus Gedanken und Bildern.

Damit fängt der Spaß jedoch erst an. Er hört nicht nach den wenigen Sekunden oder Minuten auf, sobald der Film vorbei ist. Denn dieses Mehr an Möglichkeiten führt auch dazu, dass wir mehr ausprobieren und somit mehr Fähigkeiten entwickeln, die uns im ganzen weiteren Leben zur Verfügung stehen können. Wie ein Kind viel lernt, das draußen voller Freude spielt und die Welt erkundet, und alles ist bunt und vielfältig, und das Kind lernt soziale Fähigkeiten, lernt klettern und kreative Lösungen fürs Sandburgen bauen – viel mehr als das Kind, das aus Angst vorm bösen Mann zuhause in der Ecke hocken bleibt. Für letzteres Kind spielt die Zukunft keine Rolle, es denkt nur an die aktuelle Bedrohung.

Zwar mag die positive Emotion schnell vorüber gezogen sein, der Gewinn durch das Erlernte bleibt so jedoch dauerhaft.

Fredrickson nennt das die „Erweitern und Aufbauen“-Theorie, weil wir mit positiven Gedanken – und daraus folgenden Emotionen – zum einen unseren Geist erweitern, zum anderen unsere Fähigkeiten und Ressourcen aufbauen … und damit im Übrigen auch noch erfolgreicher im Leben werden.

Wie Du positives Denken trainieren kannst

Wie können wir das positivere Denken nun stärken, wenn uns sonst die Gedanken nach unten ziehen und die Mundwinkel auf Kniehöhe hängen?

Hier vier Wege, die Fredrickson und Clear empfehlen:

  1. Alles, was Dir Freude macht. Die meiste Zeit in der Woche sind wir „produktiv“, hocken an Schreibtischen, in Meetings, erledigen private Notwendigkeiten. Klar, denn das, wo uns das Herz aufgeht, das steht nicht auf der To-Do-Liste. Schließlich scheint alles andere so viel dringender. Dabei würde uns mehr Zeit mit Freudvollem so gut tun. Was auch immer das für Dich ist. Flöten, kochen, wandern, puzzeln, zu mir nachhause kommen und putzen (von mir aus auch nackt). Tun wir etwas gern, denken wir dabei positiver, fühlen uns positiver, denken noch positiver und so weiter, eine Aufwärtsspirale kann entstehen.
  2. Alles, was neu ist – und Dir Freude machen könnte. Wann hast Du das letzte Mal etwas ganz Neues ausprobiert? Tauchen, tanzen, jodeln … oder einfach eine unbekannte Route auf dem Fahrrad oder zu Fuß? Diese kleinen Abenteuer beleben uns und weiten den Geist.
  3. Meditieren. Fredrickson hat mit ihren Kollegen (wie schon andere Forscherteams zuvor) herausgefunden, dass Menschen, die täglich meditieren, mehr positive Gedanken und Emotionen erleben – und mehr Fähigkeiten entwickeln. Noch drei Monate nach dem Experiment waren die, die meditieren lernten, achtsamer, seltener krank, sozial besser eingebettet und empfanden mehr Sinn im Leben.
  4. Schreiben. Schreiben kann uns heilen. Und es kann uns helfen, das Positive zu stärken. James Clear führt eine Studie an, bei der 90 Studenten in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Gruppe 1 schrieb für drei Tage täglich über ein besonders positives Ereignis in ihrem Leben (das konnte auch länger zurückliegen), Gruppe 2 sollte gar nichts tun. Auch hier fanden sich noch drei Monate nach dem Experiment beeindruckende Unterschiede: die schreibende Gruppe war in besserer Stimmung und musste seltener zum Arzt – und das nach nur drei Tagen Schreibübung.

Wir haben es also selbst in der Hand, sind nicht auf ewig zum Dasein als Trauerklops verdammt … und müssen genauso wenig Scheiße Gold nennen und uns alles schön reden, um positiver zu sein.

Ich geh jetzt mal meine übliche Runde spazieren. Aber auf der anderen Straßenseite als sonst. Ich alter Abenteurer! Drückt mir die Daumen.

 

Siehe auch Wie Dankbarkeit Dein Gehirn verändert und Forschung: Das macht Liebe mit dem Gehirn eines Kindes.

 

Photo: CiaoHo