Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Romy Hausmann

Perfekte Stubsnase. Perfekter Scheitel. Ein Gesicht wie gemeißelt, nach goldenem Schnitt. Immer zwei Kilo unter Idealgewicht bleiben, erst dann bist Du so richtig „ideal“. Muskeln musst Du haben, definiert sollst Du sein, sexy gemacht (oder wenigstens krass). Und gute Laune, hörst Du? Gute Laune ist wirklich essentiell. Egal, ob Dein Hamster gerade gestorben ist oder Deine Frau sich nach über zwanzig Jahren von Dir getrennt hat. Wer will schon jemanden mit schlechter Laune um sich haben? Also verkneif Dir den Schmerz. Kauf Dir einfach nen neuen Hamster und nenn ihn „Yolo“. Melde Dich bei Tinder an und wisch den Liebeskummer nach rechts, aber pronto.

Du willst doch gemocht werden, oder?

Du willst doch dazugehören…

Die Anforderungen sind hoch, der Druck ebenso. Perfektion überall. Kein Platz für Hautunreinheiten, krumme Nasen, dicke Hintern (außer man ist Kim Kardashian), lichtes Haar, Trauer oder Schwäche.

Kein Platz für „Makel“ aller Art.

Also polieren wir unsere Oberflächen, schleifen die Kanten raus, hobeln hier und da schon mal ein ganzes Eckchen weg. Wir lassen uns operieren, wenn es die Portokasse erlaubt, überschminken unsere Pickel, photoshoppen und filtern, bis kaum mehr etwas von uns übrig bleibt. Äußerlich wie innerlich. Und das alles bloß, um ja nicht durch die eigene oder die gesellschaftliche „Qualitätskontrolle“ zu fallen. Anders zu sein. „Fehlerhaft“.

„Du wärst ja ganz hübsch ohne diese fette Narbe auf Deiner Stirn“ … das habe ich unzählige Male gehört, nachdem ich als Kind beim Rumhampeln auf einem Stuhl gegen die Kante der Anrichte gefallen bin. Blut, Blaulicht, Ambulanz. Ein paar grobe Stiche, Mitte der Achtziger und zudem in der DDR galt da eher noch das Prinzip: Egal, wie’s aussieht, Hauptsache der Kopf ist wieder zu. Das Schicksal war besiegelt: Ich würde für den Rest meines Lebens Pony tragen. Und ich trug Pony, annähernd freiwillig sogar. Denn das war schließlich immer noch besser als die Hänseleien meiner Klassenkameraden zu ertragen. „Krater-Kopp“, sehr witzig, danke.

Ich bin gut so wie ich bin… nur fühle ich mich nicht so

Es ist leicht zu sagen: Scheiß auf das Perfektions-Diktat! Steh zu Deinen Makeln, steh zu Deinen Schwächen, steh zu Dir. Du bist gut, wie Du bist. In der Theorie wissen wir das vielleicht sogar. Nur vergessen wir es leider auch schnell wieder, wenn wir in der Praxis – im täglichen Leben, in der Arbeit, in der Schule, im Freundeskreis, in den sozialen Netzwerken – überall und ständig auf Menschen treffen, die uns mit unseren „Fehlern“ konfrontieren.

Dazu braucht es keine offensichtlichen Hänseleien, kein lautstarkes „Krater-Kopp!“ einmal quer über den Pausenhof gebrüllt. Manchmal reicht schon allein der Anblick der superschlanken Kollegin im Minirock, während man selbst nur Jeans mit extrahohem Stretch-Anteil tragen kann (und selbst die kneifen und zwicken bei jedem Atemzug). Da legen sie los, die inneren Stimmen, und schreien: Mängelexemplar!

Wenn Dir das bekannt vorkommt, dann ist es Zeit für etwas Japanisches. Nein, kein Frustfressen beim Sushi-Mann! Sondern eine Technik aus dem Kunsthandwerk, an die Du Dich vielleicht das nächste Mal erinnern magst, wenn Du Dir aus irgendeinem Grund „mangelhaft“ vorkommst.

Kintsugi – Die Kunst des Goldklebens

Beim Kintsugi geht es um kaputtes Geschirr. Die Schüssel mit dem Sprung. Die Tasse, bei der der Henkel abgebrochen ist. Der Teller, der zu Boden fällt und in Scherben endet. Kintsugi ist eine japanische Goldklebetechnik, die seit dem 15. Jahrhundert angewandt wird, um zerbrochenes Geschirr zu reparieren.

Statt die kaputte Tasse möglichst unauffällig wiederzusammenzusetzen und zu hoffen, dass niemand die Klebestellen bemerkt (oder die Tasse gleich ganz wegzuwerfen), werden die Risse beim Kintsugi sogar noch mit Gold veredelt und so erst recht sichtbar gemacht. Aus dem Makel, den die Tasse hatte, wird jetzt etwas Wunderschönes. Kunst. Ein Unikat.

Beim Kintsugi geht es nicht nur um kaputtes Geschirr.

Es geht um Dich und mich. Es geht um unsere „Makel“. Um die Risse, die wir uns im Laufe unseres Lebens zuziehen. Um die kleinen Sprünge in Körper und Seele. Um die Ecken, die der Schmerz herausbricht und die wir auf Teufel komm raus zu kaschieren versuchen, um ja nicht durch das Raster zu fallen. Die überschminkten Narben. Das Quetschkorsett, das die Extrapfunde zusammendrückt. Die supi-trupi-gute Laune, die wir spielen, während uns eigentlich zum Heulen ist.

Beim Kintsugi geht es ums Annehmen, um Akzeptanz. Darum, das Beste aus uns zu machen – nicht trotz, sondern mitsamt unserer vermeintlichen Makel. Um einen neuen Blickwinkel.

Ja, Horst hat eine riesige Nase. Die kann hässlich sein. Oder Teil eines Charaktergesichts.

Ja, Annikas Körper ist nach ihrer Krebserkrankung und den vielen Operationen mit Narben übersät. Die können sie entstellen. Oder sie sind ein Zeichen von Stärke. Annika hat den Krebs überstanden. Ihre Narben erinnern sie jeden Tag daran, dass sie eine Kämpferin ist.

Ja, Dein Partner hat Dich verlassen und jetzt ist er da, der große, grässliche Schmerz. Du kannst versuchen, ihn mit Tinder zu betäuben. Klappt vielleicht auch ganz gut für eine Nacht. Oder Du akzeptierst den Schmerz. Lässt ihn zu. Nimmst ihn an. Betrachtest Dir den Scherbenhaufen und beginnst dann Stück um Stück, Dich wiederzusammenzusetzen.

Der Schmerz mag Spuren hinterlassen, richtig tiefe Risse vielleicht sogar, aber er „veredelt“ Dich auch mit seinem sehr eigenen, seltsamen Gold: Er macht Dich weiser und stärker. Er lässt Dich wachsen.

Ja, aber…

Nicht alles lässt sich so mir nichts, dir nichts wieder zusammenkitten, schon klar. Manchmal braucht es einen supermegaheftigen Spezialkleber. Viel Zeit und Geduld, um die Einzelteile sorgsam zusammenzusetzen. Und vielleicht auch noch die zusätzliche ruhige Hand eines Freundes, die Dir beim Kleben hilft, wenn Deine eigenen Hände zu stark zittern.

Genauso wenig lässt sich aus jeder Scheiße Gold machen, auch klar. Aber manchmal reicht ja auch schon Bronze. Das wirkliche, echte Verständnis darum, dass Du nicht sein musst wie all die anderen Tassen im Schrank, auch, wenn sie noch so krass und sexy sind. Dass gerade Deine Sprünge und Risse Dich und Dein Leben so einzigartig machen.

P.S.: Pony steht mir nicht. Ich trage inzwischen Narbe. Und habe seither immer sehr praktisch eine Entschuldigung für eventuelle Verrücktheiten parat. Schließlich bin ich ja als Kind mal sehr schlimm auf den Kopf gefallen…

Mehr unter Wie man seelische Wunden heilen kann und unter Wie man sich selbst akzeptieren kann.

Photo: Crack in cup / Shutterstock