Es gilt, den Abgrund des Liebesmangels ganz und gar auszuloten. Den Selbsthass zu kultivieren. Hass für sich selbst, Verachtung für die anderen. Alles zu vermischen. Eine Synthese zu machen. Im Tumult des Lebens stets auf der Verliererseite zu stehen. Das Universum wie eine Diskothek. Eine große Anzahl Frustrationen anzuhäufen. Lernen, Dichter zu werden, heißt verlernen zu leben.
– Michel Houllebecq („Lebendig bleiben“)

Du möchtest Dein Leben verschwenden? Meiner eigenen Erfahrung aus der Vergangenheit nach sollte es so gelingen:

  1. Klammere Dich an die Vergangenheit wie ein Baby an Mamas Brust: nuckle an den alten Geschichten, saug sie wieder und wieder auf, nähre Dich von ihnen. Ja … so ist gut. Bäuerchen nicht vergessen.
  2. Bemitleide Dich für alles, was Dir widerfahren ist. Schluchze, schniefe, verzweifle an Deinem Schicksal. Man, es ist aber auch ALLES ganz ganz schlimm, nicht wahr?
  3. Denke nicht nach über das, was Du wirklich willst, über Dich und Deine Werte und Leidenschaften.
  4. Denke nach. Dann denke weiter nach. Und weiter. Lass Dich nicht dazu hinreißen, auch mal zu handeln.
  5. Pflege Deine Ängste … gib ihnen stets neuen Stoff. Du bist doch kreativ genug für die wildesten Horrorszenarien, setze sie ein, Deine Kreativität. Erschaffe Drama.
  6. Lass kein neues Wissen und keine neuen Erfahrungen an Deinen alten Ängsten knabbern.
  7. Versuche erst zu ernten, dann zu säen. Sei der cleverste Bauer und stolz auf Deine winzigen Kartoffeln, die Du ohne harte Arbeit aufgetrieben hast.
  8. Folge. Der Masse. Dem Weg des geringsten Widerstands. Dem Geld. Nur nicht Deinen Träumen.
  9. Lass die anderen für Dich entscheiden … die Eltern, die Freunde, den Partner, die Schule, die Politik, die Gesellschaft, Deinen Chef und die Kollegen.
  10. Falls Du doch mal aus eigenem Antrieb aufstehst und losgehst, dann auf jeden Fall nur halbherzig. Oder viertelherzig. Den Rest Deines Herzens brauchst Du fürs Selbstmitleid.
  11. Leg Dich auf den Boden, wenn Stürme und Gewitter aufziehen … und bleibe liegen, auch wenn sie längst vorbei sind. Liegen bleiben, hab ich gesagt!
  12. Kauf Dir immer mehr Dinge, am besten auf Pump. Du brauchst eigentlich gar kein größeres Auto, und das Haus kannst Du Dir gar nicht leisten, wenn Du’s Dir recht überlegst? Scheiß drauf. Raus mit der Kohle. Schmeiß die Fuffies in den Club. Oh yeah, das tut gut … diese wohlige Selbstversklavung. Herrisch. Äh, herrlich.
  13. Gib Dir Mühe, Deine Mitmenschen zu beeindrucken. Liebe Dich kurz, wenn Du’s geschafft hast. Verachte Dich, wenn Du keine Bestätigung bekommst.
  14. Kümmere Dich mehr darum, was andere tun, als um Deine eigenen Angelegenheiten. Führe ein Hausvertrauensbuch wie die Stasi-Spitzel. Was macht denn der Nachbar schon wieder … ist das etwa ein einziger Müllsack, in den er jeglichen Müll wirft, anstatt zu trennen?
  15. Vergleiche Dich nur mit denen, die vermeintlich weiter sind als Du. Schau‘ nie zurück auf Deine eigenen Erfolge.
  16. Konzentriere Dich auf das, was Du nicht hast. Wenn Deine Gedanken mal abschweifen in Richtung Zufriedenheit – gebiete ihnen schnell Einhalt.
  17. Sei neidisch. Das Schwein hat’s doch echt nicht verdient, das ganze Glück, das ihm so zufliegt.
  18. Vergib niemandem. Auch nicht Dir selbst. Nieeeemaaals!
  19. Atme flach, bewege Dich so wenig wie möglich, verstopfe Deinen Körper mit Drecksfraß.
  20. Töte Lebendigkeit in Dir ab. Unterdrücke Deine Gefühle. Sediere Dich mit Alkohol, Zigaretten, ausgiebigem Porno-Schauen, stundenlangem Assi-Fernsehen.
  21. Versuche, mehr Assi-Fernsehen zu schauen, als ich in meinem bisherigen Leben. Dass ich nicht total verblödet bin in den Jahren, in denen sich mein Tagesablauf nach Talk-, Gerichts- und Reality-Shows gerichtet hat, wundert mich manchmal echt, ehjyyyy!!
  22. Akzeptiere nichts: es ist zwar gerade so, wie es eben ist, aber das darf doch einfach nicht wahr sein. Warte darauf, dass alles so ist, wie es Deiner Meinung nach sein sollte. Wie Blumentopf reimte: „Denn ich bin erst zufrieden, wenn alle kriegen, was sie auch verdienen … ist denn das zu viel verlangt?“
  23. Stemme Dich gegen die Veränderung.
  24. Lüge die an, die Dir viel bedeuten. Und vor allem: Dich selbst. Ist doch toll, so wie’s ist, oder? Die Schulden, der Scheißjob, das verkümmerte Sozialleben, und abends CSI Darmstadt auf RTL2 als einziges Abenteuer. N‘ Träumchen.
  25. Funktioniere, tagein, tagaus, immer wieder dieselben Bewegungen, Gedanken, Handlungen. Ro-bo-ter-ha-ft. Und wenn die Gelenke mal quietschen und streiten, mach sie mit Alkohol wieder gefügig. Und we-it-er-geht-es.
  26. Suche Dir ein Umfeld zusammen, das Dich kleinhält. Anlügt. Ins Knie fickt.
  27. Nimm keine Hilfe an. Du bist doch nicht einer von den Losern, die nicht alles allein packen, oder?
  28. Biete keine Hilfe an. Du willst Dich doch nicht ausnutzen lassen, oder?
  29. Meide die Stille wie ein verängstigter und von Albträumen geplagter kleiner Junge die Dunkelheit.
  30. Meide das Vergnügen wie ein Priester den Sex (nachdem man ihn kastriert hat). Freizeit ist nur dazu da, damit Du Dich am nächsten Tag wieder im Büro verausgaben kannst. Hobbies und Spaß sind was für Spinner.
  31. Verachte Dich dafür, dass Du nicht perfekt bist und es nie sein wirst. Münze die Verachtung in den verbitterten Kampf um, trotzdem noch die Perfektion zu erreichen.
  32. Du liebst jemanden? Sag’s ihm nicht. Insbesondere, wenn ihr schon länger zusammen seid. Vernachlässige ihn. Nimm ihn als selbstverständlich an, bis er unverständlicher Weise selbstständig seinen Koffer packt.
  33. Nimm das Leben ernst genug, um daran zu leiden, aber nicht ernst genug, um Deine kurze Zeit auf der Welt zu feiern.

Wenn Du einen Tipp hast, wie man das eigene Leben noch besser verschwenden kann, dann her damit.

 

Photo: Thomas Leuthard