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Text von: Romy Hausmann

Kindheit. Freiheit. Unbeschwertheit. Jede Pfütze mitnehmen. Endlose Gänseblümchen-Ketten flechten. Mit stoischer Gelassenheit am Schorf eines aufgeschlagenen Knies herumpulen. Schneeflocken mit der Zunge auffangen. Staunen, wundern und immer nur glücklich sein. „Die Kindheit ist die schönste Zeit“, packen wir die inneren Bilder später oft in einen schlichten Satz. Sagen ihn jetzt zu unseren eigenen Kindern mit der Erfahrung von heute, vom Standpunkt eines Erwachsenen aus. „Genieße es, Kind. Irgendwann ist es vorbei. Dann musst du deinen launischen Chef ertragen und immer nur Rechnungen bezahlen.“

Dabei scheinen wir die Dinge manchmal zu verklären. Das Schlechte auszusieben. Zu vergessen, wie schwer es mitunter ist, ein Kind zu sein. Wir haben die Monster längst verdrängt, die unter dem Bett gelauert und uns jeden Abend eine Riesenangst eingejagt haben. Wir haben vergessen, wie schlimm es sich angefühlt hat, als Letzter in die Völkerball-Mannschaft gewählt zu werden. Dass einem das kleine Herz geplatzt ist, wenn der beste Freund einen versetzt hat, und der Termin für die Mathearbeit nächste Woche einem Hinrichtungs-Datum gleichkam. Vor allem aber, dass sich all diese kindlichen Ängste und Sorgen genauso echt angefühlt haben, wie die, denen wir heutzutage als Erwachsene begegnen.

„Quatsch, da ist nichts unter dem Bett.“ „Stell Dich nicht so an.“ „Ach, das wird schon wieder.“

Mehr lässt unser Repertoire oft gar nicht zu, weil wir überfordert sind oder schlicht ratlos. Was sagt man seinem ängstlichen Kind? Wie können wir ihm (besser) helfen, mit seinen Sorgen umzugehen?

Die amerikanische Psychologin Renée Jain ist Expertin für Resilienz und hat ein Angst-Linderungs-Programm speziell für Kinder entwickelt. Sie rät Eltern zu folgenden 10 (An-)Sätzen:

„Ich hab Dich lieb. Bei mir bist Du sicher.“

Angst ist das Gefühl, in Gefahr zu sein. Der Körper steht unter Hochspannung, Adrenalin ist ein perfekter Stromleiter. Das Gegenprogramm: Sicherheit geben. Ich bin für Dich da, kleiner Mensch. Ich halte Dich fest. Entspann Dich.

„Kannst du die Angst malen?“

Wir Großen wissen selbst, wie schwer es sein kann, Gefühle in Worte zu fassen. Manche Gefühle sind einfach viel zu groß, um in ein kleines Wort zu passen. Und manche sind so seltsam, dass erst noch ein Wort dafür erfunden werden müsste. Renée Jain empfiehlt, die Kinder malen zu lassen. Das Monster unter dem Bett, das auf Papier gebannt womöglich sogar ganz lustig aussieht, wenn man ihm noch ein paar bunte Haare und Glubschaugen verpasst. Die Dinge sichtbar zu machen, nimmt ihnen oft schon ein wenig ihres Schreckens.

„Was wird als nächstes passieren?“

Angst macht kurzsichtig. Bündelt den Fokus auf diese eine furchterregende Sache. Ich habe mich als Kind ein komplettes Schuljahr lang vor Donnerstag, dritte Stunde gefürchtet. Heimatkunde bei Frau K. (K. wie „Kann-mich-nicht-leiden-und-ruft-mich-garantiert-wieder-dann-auf-wenn-ich-keine-Ahnung-habe“). In meinem Kopf gab es keine vierte Stunde und das Ende des Schultags schon gleich gar nicht. Alles (gefühlt mein Leben) endete mit Heimatkunde bei Frau K. – und machte diese dritte Stunde damit noch umso größer und schlimmer.

Hätte ich die Frage beantworten müssen, was als nächstes käme, wäre mir eingefallen, dass wir in der vierten Stunde Deutsch hatten, mein Lieblingsfach, und dass ein schulfreier Nachmittag vor mir liegen würde, an dem ich meine Freundinnen treffen konnte. Kurz: Dass es neben meiner Angst noch etwas anderes gab, etwas Schönes.

„Was kann ich für Dich tun?“

Die Angst macht das Programm, das Kind fühlt sich machtlos. Überlassen wir ihm die Regie und bieten uns als „Kabelträger“ an, geben wir ihm etwas Stärke zurück. Und womöglich weiß das Kind schon selbst, welche Art von Hilfe es jetzt von uns braucht: eine Umarmung, einfach nur ein bisschen Ruhe oder eine konkrete Lösung.

„Lass uns Deine Angst kurz aufs Regal legen, während wir Dein Lieblingslied anhören, auf den Spielplatz gehen oder eine Geschichte lesen. Dann holen wir die Angst wieder vom Regal runter.“

Ängstliche Kinder haben laut Renée Jain oft das Gefühl, dass sie ihre Sorgen mit sich herumtragen müssen wie einen Sack voller Steine. Das ist anstrengend und lässt keinen Raum mehr für etwas anderes, etwas, das Spaß macht und entspannt. Daher empfiehlt die Psychologin, bewusst „Angst-Pausen“ einzulegen, um neue Kraft zu tanken und durch den kurzzeitigen Abstand einen neuen Blick auf die Sorgen zu gewinnen. Und wir Erwachsene wissen doch selbst, was Distanz manchmal bewirken kann: So wird auch aus dem größten und unbezwingbarsten Berg auf die Ferne ein Toblerone-Hütchen.

„Lass uns gemeinsam zählen.“

Die Leute im Bus. Die roten Autos auf der Straße. Unsere Schritte. Oder einfach unsere Atemzüge. Durch Zählen wird die Aufmerksamkeit weg von der Angst auf etwas anderes gerichtet: wir meditieren. Das hilft Kindern nachweislich nicht nur dabei, Angst, Stress, Unruhe und Anspannung loszulassen, sondern stärkt überdies die Konzentrationsfähigkeit und fördert klares Denken.

„Wir helfen Teddy.“

Ängstlichen Kindern kann es helfen, ihre Sorgen abzugeben. Vielleicht an Teddy oder ein anderes Lieblingskuscheltier. Jetzt überlegen wir gemeinsam, wie wir Teddy helfen können. So lernen Kinder auf spielerische Weise, Probleme aus einer neutraleren Position zu betrachten und dadurch Lösungen zu finden.

„Wenn Deine Angst eine Farbe hätte, welche wäre das?“

Ähnlich wie beim Malen kann die Frage nach der „Farbe der Angst“ Kindern helfen, ihre Gefühle besser (oder überhaupt erst mal) zu beschreiben. Sie reduziert etwas sehr Komplexes, für Kinder kaum Greifbares auf etwas ganz Einfaches, das sie kennen. Dadurch haben Eltern die Chance weiterzufragen („Warum ist Dein Gefühl Neon-Frosch-Moos-Grün? Woher hat es diese Farbe?“) – und dem Auslöser so auf den Grund zu gehen.

„Lass uns spazieren gehen.“

Bewegung ist ein Stress-Killer, löst verkrampfte Muskeln und flutet das Gehirn mit den sogenannten „Glücks“-Hormonen Dopamin, Serotonin und Endorphin. Auch Seilspringen oder eine Weile auf einem Sitzball herumhopsen hat diesen Effekt.

Sogar in der therapeutischen Angst-Bewältigung wird Sport eingebaut, nachdem bereits mehrere Studien (u.a. eine der University of Georgia) belegt haben, dass sich das Beschwerdebild von Angst-Patienten durch Bewegung erheblich verbessert. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass körperliche Betätigung die vielleicht beste Medizin ist, die ein Arzt seinen Patienten zum Abbau von Ängsten verschreiben kann”, sagt Matthew Herring, Autor der Georgia- Studie.

„Weißt Du noch damals, als…?“

Zum ersten Mal aufs Fahrrad ohne Stützräder. Zum ersten Mal alleine bei Oma übernachten. Der erste Tag im Kindergarten oder in der Schule. Bestimmt gab es schon zig andere Situationen, die dem Kind Angst gemacht haben. Es jetzt daran zu erinnern (und damit auch daran, dass es eben diese zig Situationen schon gemeistert hat), stärkt das Selbstvertrauen. Und das ist eine Superkraft beim Kampf gegen die neue Angst.

Vielleicht kommen uns viele dieser Sätze so selbstverständlich vor, dass wir sie gar nicht (oder viel zu selten) aussprechen. Weil wir davon ausgehen, unsere Kinder wüssten schon, dass wir sie lieben und für sie da sind, wenn sie Angst haben. Und im besten Fall (hoffentlich!) ist das auch so: Sie fühlen sich geliebt und sicher, 24 Stunden am Tag, ihr ganzes Leben lang. Aber denken wir an uns selbst: Brauchen wir als Erwachsene nicht auch ab und zu ein ausgesprochenes, warmes Wort? Eine Bestätigung?

Vielleicht fallen uns noch bessere Sätze ein, wenn wir es mit den Worten der Autorin Ayesha Siddiqi halten: „Sei die Person, die Du gebraucht hättest, als Du noch jünger warst“.

Mehr unter Wie man KEINEN Narzissten erzieht in 7 Schritten und unter Forschung: DAS macht Liebe mit dem Gehirn eines Kindes.

Photo: Afraid child von Shutterstock