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Text von: Romy Hausmann

Mein Sohn ist ein ganz besonderes Kind. Das weiß ich schon seit dem Tag seiner Geburt. Er war viel hübscher als die anderen Babys auf der Station. Er hatte diese Ausstrahlung. Dieses wunderbare, einnehmende Wesen, von Anfang an. Und seitdem ist er der Bravste, Schönste, Schlauste und sowieso Begabteste von allen. Ein Kind, das Applaus, ach was, Standing Ovations für das schönste erste A-ah verdient hat, das jemals in einem Töpfchen gelandet ist. Das sich die letzten beiden Kindergartenjahre eigentlich hätte sparen können, um direkt mit vier schon eingeschult zu werden. Das Tore hält wie Manuel Neuer, und dessen schiefe Blockflöten-Töne so ziemlich das Innovativste sind, was die Welt musikalisch gerade so zu bieten hat.

Ich schätze, dass Du jetzt heftig mit dem Kopf schüttelst, nachdem Du das eben gelesen hast. Besonders, wenn Du selbst Mutter oder Vater bist. Ich kann ja gar nicht das tollste Kind der Welt haben, denn das hast ja schließlich Du! Und das ist völlig normal. Wir sind Eltern, wir sind stolz auf unseren Nachwuchs. Das eigene Kind ist immer das Beste, Schönste, Schlauste und Begabteste – und damit geradezu prädestiniert, sich zu einem Narzissten zu entwickeln. Bämm. Da haben wir’s.

Erst kürzlich haben die Universitäten von Amsterdam und Ohio herausgefunden, dass Narzissmus weitgehend anerzogen ist, nicht etwa angeboren. Durch uns, die Eltern. Durch unsere felsenfeste Überzeugung, das eigene Kind sei dieser eine, gottgleiche Sonderfall, das Ausnahmetalent, die Hochbegabung auf zwei Beinchen (Model-Beinchen, versteht sich). Wir überhäufen unsere Kinder mit Lobhudelei – und sie glauben uns. Vergöttern sie, bis sie sich selbst für Götter halten.

Mutti hat’s doch immer nur gut gemeint…

Wir meinen es nicht böse, im Gegenteil. Wir wollen unseren Kindern doch nur zeigen, dass wir sie lieben. Ihre Leistung schätzen. Wollen sie bestärken und motivieren. Wollen sie selbstbewusst machen und fit für eine Welt, die oft schön ist, aber auch manchmal grausam. In der nun mal Leistung zählt und Mittelmaß selten eine Option ist. Nur kann das eben auch ziemlich schiefgehen und am Ende haben wir der Welt nicht mehr beschert als einen weiteren Egoisten, ein neues Fräulein „Duckface“ oder den nächsten notorischen Ellenbogen-Rempler.

Und noch schlimmer: Wir verhelfen unseren Kindern nicht zu Größe, sondern vielmehr zu großen Problemen. Narzissten sind anfälliger für Depressionen und Suchterkrankungen. Sie neigen zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten, wenn man ihnen die Bewunderung vorenthält, an die sie sich gewöhnt haben. Narzissten haben es in Gruppen schwer, werden langfristig als unsympathisch wahrgenommen und am Ende sogar oft aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, wie die Uni Münster festgestellt hat. Für ein Kind, das mindestens neun Jahre zur Schule geht und sich ebenso lange in einer Klassengemeinschaft zurechtfinden muss, eine düstere Prognose. Ganz zu schweigen von der Zukunft. Narzissmus gilt es als nicht heilbar.

Hier sieben (auch von Psychologen von Pädagogen empfohlene) Schritte, wie man KEINEN Narzissten erzieht.

1. Nein sagen

Ich bin ehrlich: Ich sage viel lieber „Ja“.

Weil ich die coole Mama sein will. Weil „Ja“ mir (zumindest kurzfristig) ein zufriedenes Kind beschert. Mama, darf ich noch ein bisschen Schokolade? – Eigentlich hattest Du schon eine ganze Tafel, aber was soll’s: Ja. – Mama, darf ich noch eine halbe Stunde Fernsehen? – Hui, es ist schon fast neun und morgen ist Schule, aber, na gut: Ja. – Mama, darf ich die Katze anzünden? – Äh, Moment…

Die Krux ist: Ich mache es mir leicht, nicht meinem Sohn. Denn in seinem Leben wird er über kurz oder lang sowieso mit „Nein“ konfrontiert werden, mit Regeln im Allgemeinen. Und er muss lernen, damit klarzukommen. Ein „Nein“ ist eine Hilfestellung. Auch wenn das bedeutet, dass wir es als Erwachsene einfach mal aushalten müssen, wenn der Nachwuchs sich brüllend im Supermarkt auf den Gang wirft, weil er heute kein Ü-Ei abgreift.

2. Aufgaben im Alltag

Kinder lernen nur, dass sich nicht ständig alles um sie dreht – wenn sich nicht ständig alles um sie dreht. Nein, Mama kann Dich jetzt nicht bespaßen, Mama macht jetzt nämlich den Abwasch. Gerade bei den alltäglichen Pflichten (wie im Haushalt oder beim Einkaufen) sollte man Kinder ruhig miteinbeziehen. Mit kleinen Aufgaben lernen sie Selbständigkeit und Verantwortung. Und statt des typisch narzisstischen Ich-ich-ich-Gefühls entwickelt sich durch das Mithelfen ganz automatisch ein Wir-Gefühl.

3. Verlieren lernen

Der Klassiker: Das Brettspiel-Dilemma. Ich habe gewürfelt und würde gewinnen. Die Aussicht: mittelschwere Eskalation beim Kind. „Kinder haben beim Spielen oft existenzielle Gefühle“, sagt die Sprachheiltherapeutin Kerstin Bahrfeck-Wichitill von der TU Dortmund. „Sie haben Angst davor, Schwäche zu zeigen, ausgelacht zu werden oder einer Situation ausgeliefert zu sein.“ Aber: Sie müssen es lernen, auch zukunftsorientiert im Hinblick auf Niederlagen im späteren Leben. Laut Pädagogen ist es ratsam, den Blick der Kinder einmal gezielt auf „Verlierer“ oder Situationen zu richten, in denen jemand schlecht dasteht. Zum Beispiel auf den Fußballprofi, der einen Elfmeter verschießt, und im nächsten Spiel trotzdem wieder auf dem Platz steht. In diesem Sinne: Mensch, ärgere Dich nicht…

4. Keine Vergleiche

Vergleiche sind der absolute Killer. Das wissen wir Erwachsenen doch am besten. Der dämliche Nachbar, der viel weniger arbeitet als ich und trotzdem einen Porsche fährt, während mein kleiner, alter Polo mir quasi unter dem Hintern wegbricht. Aus Vergleichen entstehen oft negative Gefühle wie Neid und Frustration.

Bei Kindern ist das nicht anders: Mein Sohn hat erst mit sechs Jahren schwimmen gelernt, während sein bester Freund schon mit vier durchs Wasser geschossen ist wie ein Olympiaschwimmer auf Speed. Der wöchentliche Schwimmkurs war eine Tortur. „Jetzt stell Dich doch nicht so an, der Leon kann das doch auch!“ Solche Sprüche kommen dann allzu schnell von uns Großen – und sind völlig falsch. Wichtiger ist, den Kindern zu vermitteln, dass man nicht immer der Erste und Schnellste sein muss. Dass jeder im Leben andere Grundvoraussetzungen hat. Dass es darum geht, sein eigenes Bestes zu geben und sich auf seine Art anzustrengen. Der Rest kommt über kurz oder lang von allein.

Den Schwimmkurs haben wir übrigens nach einigen Wochen abgebrochen. Gelernt hat mein Sohn das Schwimmen schließlich ganz entspannt im Sommerurlaub, im Hotelpool.

5. (Vor-) Lesen

Narzissten mangelt es an Empathie, der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. (Vor-) Lesen dagegen fördert diese Fähigkeit nachgewiesenermaßen.

Ganz konkret zeigt eine Studie, dass Kinder, die mit Harry Potter aufwachsen, toleranter gegenüber Minderheiten wie Migranten und Homosexuellen sind. Harry, der Zauberschüler mit Blitz-Narbe und Brille, kämpft nicht nur gegen dunkle Mächte, sondern setzt sich auch unermüdlich für die „Schlammblüter“ ein (seine Schulkameraden, die von den nicht-zaubernden „Muggeln“ abstammen).

6. Vorbild sein

Kinder ahmen nach. Also leben wir ihnen doch einfach vor, wie wir uns die Welt vorstellen. Im besten Fall ist das eine Welt, in der es egal ist, ob jemand Klos putzt oder in einer Badewanne voller Geldscheine sitzt. In der die Hautfarbe egal ist, das Geschlecht, die Herkunft. In der keiner grundsätzlich der gottgleiche Sonderfall ist oder prinzipiell durchs Raster fällt. Lass uns freundlich, respektvoll und fair sein – zu allen, nicht nur zu unseren Kindern. Eltern, die zu jedem unhöflich sind außer zu ihren Kindern, vermitteln dementsprechend, dass es Menschen von unterschiedlicher Bedeutung gibt – wichtige (nämlich ihre Kinder) und unwichtige (alle anderen).

7. Die richtige Bewertung

„Eltern fühlen sich heute mehr unter Druck“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff aus Bonn. „Sie wollen aber unbedingt, dass es ihrem Kind besser geht. Deshalb bekommen Kinder immer mehr.“ Mehr Lob, mehr Applaus, mehr materielle Belohnungen. Dies untergrabe jedoch die Lern- und Leistungsbereitschaft. „Wir müssen uns klar sein, dass diese Menschen nicht lebenstüchtig sind“, macht der Psychiater noch mal klar. Das ist nicht das, was wir Eltern wollen. Aber es ist das, was wir letzten Endes erreichen.

Machen wir uns klar, dass unsere Kinder nicht unsere Statussymbole sind. Nicht die Wiedergutmachung unseres eigenen gefühlten Versagens. Keine Götter. Bringen wir ihnen stattdessen ein gesundes Selbstwertgefühl bei. Bringen wir ihnen bei, dass sie mit anderen auf Augenhöhe sind. Weder darüber noch darunter. Sagen wir ihnen, dass sie gut sind, so wie sie sind. Ohne Stellschrauben. Lassen wir sie das Tor verschießen. Stehen wir nicht am Spielfeldrand mit den anderen Eltern und machen mit bei „Mein Haus, mein Auto, mein Kind“. Setzen wir uns stattdessen auf die Bank und sehen unseren Kindern dabei zu, wie sie Spaß haben. Lassen wir sein, was sie sind: „Einfach nur“ Kinder.

Mehr unter: Das passiert, wenn Du Deinem Kind zu viel Zeug schenkst und unter Forschung zeigt: DAS macht Liebe mit dem Gehirn eines Kindes.

Photo: pawpaw67