Was die Lebensaufgabe (Bestimmung, Berufung) ist und warum sie so wichtig für uns ist, hast Du vielleicht schon hier gelesen. Unter Wie man seine Lebensaufgabe in 30 Minuten findet habe ich eine Technik vorgestellt, die Dir die Augen öffnen und Tränen hinein treiben kann. Sie basiert auf der Sprache des Herzens.

Weil nicht jeder etwas mit diesem Vorgehen anfangen kann, möchte ich Dir noch einen zweiten Weg vorstellen, wie Du Deine Lebensaufgabe finden kannst. Sie basiert auf beiden Sprachen, der des Herzens und der des Verstands. Wenn Du eher ein rationaler Typ bist, Dich die erste Übung nicht weitergebracht hat oder Du sie von Vornherein schon zu schräg fandst, um sie auszuprobieren, können Dir die folgenden Fragen helfen, Deine Lebensaufgabe mittels analytischer Betrachtung zu finden.

Die Lebensaufgabe wird Dir Orientierung, Kraft und Halt geben, Dich an Orte führen, an die Du mit simplen Vorsätzen oder Zielen kaum gelangen wirst. Ohne Lebensaufgabe ist es sehr viel schwerer, über sich hinaus zu wachsen, die Welt zu verändern und Menschen in Dein Leben holen zu können, die selbst brennen, inspirieren, aus ganzem Herzen lieben und leben, etwas bewegen.

#1 Was tust Du mit Liebe, was liegt Dir am Herzen?

Womit verbringst Du Deine Zeit am liebsten, wenn Du frei bist?

Malen? Schreiben? Reden? Musizieren? Schneidern? Entwerfen? Skateboarden? Gärtnern? Basteln?

Oder, aus verschiedenen Blickwinkeln anders gefragt:

Wofür würdest Du Dich am liebsten ehrenamtlich engagieren, wenn Du es noch nicht tust?

Was würdest Du Deinen Mitmenschen am liebsten von Dir geben?

Worin wärst Du am liebsten die Nummer 1 auf der Welt?

#2 Worüber willst Du immer mehr wissen?

Gibt es Themen, über die Du immer mehr lernen willst. Themen, bei denen Du nie das Gefühl hast, jetzt mal genug zu wissen?
Schaust Du Dir eine Kochsendung nach der anderen an, liest immer wieder Bücher und Zeitschriften übers Heimwerken, Gesundheit, Sport, Spiritualität, Psychologie oder andere Wissenschaften, sprichst Du auf Partys immer gern über etwas, um vom Anderen mehr darüber zu erfahren?

Oder, anders gefragt: zu welchem Bereich würdest Du in einer Bibliothek gehen, wenn Du dort ein paar Stunden verbringen müsstest (Toilette und so zählen nicht)?

Was Dich so sehr interessiert und worüber Du mehr und mehr wissen willst, ist das, was nicht nur Dein Herz, sondern auch Dein Verstand liebt.

#3 Wann bist Du inspiriert und kreativ?

Gibt es Tätigkeiten, bei denen Schaffenskraft und gute Ideen nur so aus Dir heraussprudeln? Könnte es sein, dass sich bei diesen Tätigkeiten eine Pforte öffnet, durch die etwas durch Dich real wird, das größer ist als Du selbst?

Fließen etwa die Farbe, Noten, Rezepte, Geschichten, Gedichte eher von selbst aufs Papier als dass Du sie Dir mühsam ausdenken müsstest?

Was auch immer es ist, das Dich kreativ sein lässt, ist ein Zeichen. Ein großes sogar.

#4 Was fällt Dir immer wieder auf?

Wenn Du durch die Stadt läufst, fernsiehst oder im Büro bist – was fällt Dir dann immer wieder auf? Wie schlecht (oder auch fantastisch) die Schaufenster dekoriert sind, wie lieblos Eltern mit ihren Kindern umgehen, wie sehr die Menschen ihre Seele oder ihren Körper vernachlässigen, wie amateurhaft Werbetexte geschrieben werden oder wie lausig Deine Kollegen ihre Reden und Argumentationen aufbauen?

Sicher hast Du Dich schon mal gefragt, warum um alles in der Welt bestimmte Verhalten oder Ergebnisse nicht auffallen.

Das, was Dir regelmäßig ins Auge springt, das, was Du besser, schärfer und schneller siehst als die meisten anderen Menschen, all das können Hinweise auf Deine Lebensaufgabe sein.

Vielleicht gibt es ja einen Grund dafür, dass ausgerechnet Dir ausgerechnet diese Dinge auffallen?

#5 Wofür bekommst Du Komplimente?

So manche kleinen und großen Talente sind uns entweder nicht bewusst, oder wir stempeln sie vor uns selbst ab als „ach, das kann doch jeder“ oder „naja, so toll ist’s nun auch nicht geworden“. Komplimente von anderen weisen uns auf eigene Talente hin. Insbesondere solche Komplimente, die wieder und wieder auftreten.

Die Lebensaufgabe vereint immer zwei Dinge: Leidenschaft und Fähigkeit. Es reicht nicht, etwas gern zu tun. Da kann man die Welt noch so gern mit seinem Gesang zu einem besseren Ort machen wollen, wenn die Stimme selbst nach Jahren des Trainings lausig ist, kann dies nicht die Lebensaufgabe sein (vielleicht ist es dann eher das Komponieren und Songtexten).

Während die ersten Fragen überwiegend auf die Leidenschaften abzielten, sind Komplimente objektive Hinweise darauf, dass in einem etwas Großes schlummert (oder bereits erwacht ist).

#6 Was würdest Du tun, wenn Du wüsstest, Du könntest nicht scheitern?

Der Verstand kann unser Freund und unser Feind sein. Unser Freund, weil er uns von gefährlichen, unsinnigen Vorhaben abhält. Und unser Feind, weil er Gefahren und Unsinn oft falsch einschätzt und uns so auch von Vorhaben abhält, die uns wachsen lassen und unser Leben sowie die Welt schöner machen würden.

#7 Was willst Du in Deinem nächsten Leben tun?

Noch einen Schritt weiter geht diese Frage. Mit ihr umschleichst Du Deinen kritischen, mit Gehtnichts und Darfnichts und Sollnichts vollgestopften Verstand noch leiser. Die Frage, was Du im nächsten Leben gern tun würdest, kann Dir die Lebensaufgabe offenbaren, indem sie die Matschgedankenmaschinerie beruhigt, gewissermaßen lahmlegt. Denn er braucht sich bei dieser Frage nicht einschalten und Dich von vornherein abhalten, weil nach ihm ja allein Deine Ideen und Träume absoluter Schrott seien, die sich niemals umsetzen ließen.

Also: wenn Du Deine Augen schließt und Dir Dein nächstes Leben vorstellst … wie würdest Du es verbringen, wer würdest Du sein?

Und was davon ist auch für dieses Leben schon nicht ganz ausgeschlossen?

Demnächst ein Kaiser, Tiger oder Elefant oder eine Elfe zu werden ist vermutlich schwierig, aber welche Deiner Träume könntest Du schon in diesem Leben verfolgen?

 

Photo: Jason Rogers