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Text von: Romy Hausmann

Einfach gehen, wenn man genug hat. Wenn das Feuer erloschen und nur noch ein traurig dampfendes Häuflein Asche übrig ist. Wenn Zeit abgelaufen ist wie das Datum auf der Milchpackung, die seit drei Monaten geöffnet im Kühlschrank rumgammelt und die keiner mehr trinken will. Oder sollte. Nicht immer im Leben ist Weitermachen eine Option und „Bloß nicht aufgeben!“ der passende Schlachtruf.

Da ist die Beziehung, die nirgendwo hinführt.

Der Mitarbeiter, der gekündigt werden muss.

Der Job, den man selbst kündigen will.

Die Mitgliedschaft in einem Verein, die nur noch pro Forma ist.

Die Ehe mit Klaus, der einfach nicht aufhören kann, untreu zu sein.

Die Freundschaft, die nur noch einseitig ist. Oder vielleicht sogar ein Familienband, das längst überstrapaziert ist.

Manchmal ist es einfach vorbei.

Trotzdem hasse ich Abschiede. Ich bin schlecht darin. Allein der Gedanke, einem anderen Menschen mit meiner Entscheidung das Herz zu brechen, bricht meins gleich mit. Ich will nicht gemein sein, undankbar oder egoistisch wirken. Also habe ich lange Zeit den scheinbar einfachsten Weg gewählt, Dinge zu beenden. Ich habe Beziehungen und Freundschaften „ausschleifen“ lassen. Oder ich habe absichtlich Ärger gemacht und Unruhe gestiftet, bis man genug von mir hatte. Die Abschiedskarte also einfach weitergespielt, bis ich am Ende die Verabschiedete sein konnte. Ja, ich schätze, ich habe viel getan – nur eins nicht: Ich habe keinen sauberen Schnitt gemacht. Bis ich merkte, dass ein Neuanfang schwierig, manchmal sogar unmöglich ist, wenn man an anderer Stelle verbrannte (oder vergammelte) Erde hinterlassen hat.

Und vielleicht kommt Dir das auch bekannt vor: Es ist der Job, der Dich nervt. Die größte Herausforderung Deines Tages besteht darin, vor Langeweile nicht von Deinem ergonomischen Stuhl zu kippen und möglichst unbemerkt die Sabberspuren von Deiner Computertastatur zu entfernen, die Du bei Deinem letzten Nickerchen hinterlassen hast. Du willst nur weg, hast vielleicht sogar schon ein neues Ufer in Aussicht. Eine besser bezahlte Arbeit, mit aufregenderen Aufgaben. Also fängst Du an, Origami-Elefäntchen aus den Dokumenten zu falten, die Du eigentlich bearbeiten solltest. Du pöbelst gegen Deine Kollegen und schläfst mit der Frau Deines Chefs. Nicht lange und – hurra! – Du hältst die Kündigung in der Hand. Bist frei für den neuen Job und neue spannendere Zeiten. Und Du kommst Dir so schlau dabei vor. Bis Du feststellst, dass Dein neuer Chef und Dein alter sonntags immer miteinander auf dem Golfplatz stehen und miteinander befreundet sind. Dass Branchen eigentlich verdammt klein sind, Mikrokosmosse, in denen geredet und selten vergessen wird. Jetzt hast Du ein Problem. Ein viel größeres, als wenn Du ehrlich zu Deinem alten Chef gewesen wärst und eine anständige Kündigung geschrieben hättest. Selbst auf die Gefahr hin, dass Dein Chef Dich im ersten Moment für einen undankbaren Sack gehalten hätte.

Was uns davon abhält, Abschied zu nehmen

Es ist aber nicht nur Feigheit oder Bequemlichkeit, die uns zu schlechten Abschiednehmern macht. Wir Menschen sind Sammler, Loslassen ist grundsätzlich nicht unsere größte Stärke. Frag‘ mal die Frau (hust!), die immer noch eine Klamottenmenge, mit der man eine halbe Kleinstadt ausstatten könnte, in ihrem Keller hortet. Obwohl sie inzwischen längst nicht mal mehr mit einem Arm in die schmalen Hosenbeinöffnungen passt. „Loslassen“ assoziieren wir zuerst einmal mit Verlust, und Verlust kann doch gar nichts Positives sein – denken wir zumindest.

Und es gibt noch mehr Gründe, an etwas festzuhalten, was eigentlich – genau wie die Klamotten in Größe 34 – längst nicht mehr zu unserem Leben passt.

Vielleicht hat der Mensch, den wir verlassen wollen, schon einmal in seinem Leben jemanden verloren und diese Erfahrung nie so wirklich verwunden. Wir wollen nicht diejenigen sein, die den Schorf von einer alten Wunde kratzen, bis sie wieder frisch blutet. Also bleiben wir, aus (womöglich falsch verstandenem) Verantwortungsgefühl. Vielleicht auch aus Mitleid.

Oder wir bleiben, weil uns das Unbekannte Angst macht. Den alten Job kündigen, schön und gut. Aber was, wenn ich draußen, auf dem fett besetzten Arbeitsmarkt keinen neuen finde? Wie soll ich meine Miete bezahlen? Oder was, wenn ich Klaus verlasse, die untreue Sau, und niemand anderen mehr finde? Für den Rest meines Lebens alleine bleiben muss? Mir dreißig Katzen anschaffen muss, um wenigstens etwas Gesellschaft zu haben?

Und manchmal ist man auch einfach müde zu gehen. Es wäre die inzwischen bereits zehnte Trennung und man hat einfach keinen Bock mehr. Da klingt „Neunanfang“ nicht aufregend, sondern eher wie eine furchtbare, chronische Krankheit, die vielerlei Beschwerden mit sich bringt. „Die treibt auch jeden Mann in die Flucht.“ „Der behält auch keinen Job.“ Die gesellschaftliche Diagnose: Versager(in).

Nein, bitte geh‘ nicht…

… leichtfertig. Aus einer Laune heraus. Ohne darüber nachzudenken, wie es weitergehen könnte. Unbekanntes macht oft nur Angst, solange man es nicht ein paarmal durchgespielt hat. Sich Hilfe geholt hat. Mit Menschen geredet hat, die bereits einmal einen Neuanfang gewagt haben. Möglichkeiten recherchiert hat, im Internet oder in Büchern. Einen neuen Ort einfach mal besucht hat, bevor man ihn als furchterregenden Moloch abstempelt.

Nein, wirf‘ nichts Gutes einfach so weg, nur weil es mit der Zeit ein paar Knackser oder Macken bekommen hat. Vielleicht lässt es sich ja doch noch reparieren.

Und vor allem: Geh‘ nicht unsauber. Schreib‘ die Kündigung. Sei ehrlich zu den Menschen, die Deinen Abschied betreffen. Mir wurde nach zwei Jahren mal von heute auf morgen die Beziehung per Email „gekündigt“. Ich habe ein ganzes weiteres Jahr gebraucht, um diese Art und Weise überhaupt erstmal zu begreifen und kann Dir sagen, ich hätte das Trennungsgespräch lieber gemeinsam auf der Couch geführt. Ich hätte geschrien und geheult und es wäre ein schrecklicher, schmerzhafter Tag für mich gewesen. Aber im Endeffekt hätte ich das wahrscheinlich leichter verkraftet als diese Email.

Lauf, Forest, lauf!

Es ist Zeit zu gehen, wenn jeder Tag nur noch ein Kampf ist. Wenn Du körperlich oder psychisch leidest. Wenn es Dich auffrisst, Dich und alle Deine Gedanken. Egal, was die Leute sagen. Und auch, wenn es wehtut und Dir Angst macht. Alles ist Veränderung. Nichts bleibt. Und Abschiede gehören dazu, unweigerlich. Das Leben selbst macht es uns vor, indem es den Tod „erfunden“ hat. Daran können wir nichts ändern, wir können nur Frieden damit schließen.

Ja, ein Abschied tut weh.

Noch schmerzhafter ist nur ein verschwendetes Leben.

Also, sei tapfer. Fair. Realistisch.

Und erinnere Dich daran: Du DARFST fortgehen und es hinter Dir lassen.

Mehr dazu im Podcast mit der Folge „Wann Du etwas aufgeben solltest (und wann nicht)“ und im myMONK-Buch zum Loslassen lernen in 6 Wochen.

Photo: woman going away von Jetrel / Shutterstock