Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Romy Hausmann

Stamm-Fahrgast im Hamsterrad. Ein müder, alter Esel mit schweren Satteltaschen. Der Weg zum Gipfel ist steil, unbefestigt und scheinbar endlos. Sonntags reicht schon allein der Gedanke an morgen, Montag, um Dir den Tag zu versauen. Zurück ins Büro, hinter die Theke oder’s Fließband, zurück in die Praxis, den Laden oder wo auch immer Du gefühlt Deine Freiheitsstrafe absitzen musst. Das Gesicht Deines Chefs verschwimmt in Deinen Träumen mit dem von Freddy Krüger. Du musst weg, Du musst raus. Noch mal neu anfangen, irgendwo anders, nur nicht hier.

Ich arbeitete gerade für eine Werbeagentur, als mich Gefühle wie diese an den Laptop trieben, um ein Word-Dokument mit dem Titel „Kündigung“ anzulegen. Vor dem ich dann Stunden um Stunden saß und das sich einfach nicht füllen lassen wollte. Der Cursor blinkte im Takt von „Nun mach schon!“, aber meine Finger waren wie blitzgelähmt, sobald sie der Tastatur nahe kamen. Wie sollte ich meinen Ausstieg begründen? „Chef, ich fühle mich nicht wohl in Ihrer Firma. Das Arbeitsklima ist beschissen. Ich sehe keine Aufstiegsmöglichkeiten. Ich habe 20 Kilo zugenommen, weil meine sinnlosen Tätigkeiten mich frustrieren und nur noch Pizza mich trösten kann. Ich habe kein Leben mehr, dafür aber Rückenschmerzen, weil ich viel zu viele Überstunden auf meinem nicht-ergonomischen Schreibtischstuhl abschuften muss.“

So in etwa hätte sich die Wahrheit gelesen. Nur war ich ja leider auch darauf angewiesen, dass mein Chef mir ein möglichst gutes Arbeitszeugnis schrieb, denn einen neuen Job hatte ich noch nicht. Und genau das belastete mich zusätzlich: Ohne Perspektive eine feste, einigermaßen gut bezahlte Stelle kündigen zu wollen, kam mir vor, als würde ich die Heilige Kuh schlachten. Zuerst einmal brauchte ich also Klarheit.

Diese 3 Fragen halfen mir dabei:

1.    Bin ich WIRKLICH bereit, die Kuh zu schlachten? Mit allen Konsequenzen, zum Beispiel…

… finanziell?

In meiner Vorstellung war ich längst zu „Höherem“ berufen, als mir tagtäglich Werbeslogans für Hornhaut-Pflaster auszudenken. Aber wir sind ja bekanntlich nicht bei „Wünsch dir was“, sondern bei „So isses“. Und bei diesem Spiel macht die Realität die Regeln: Wir brauchen Kohle. Müssen unsere Miete bezahlen, den Kühlschrank füllen, unsere Familien durchbringen. Ohne einen neuen Job in Aussicht müssen wir vorstrecken, die Zeit, bis wir eine neue Stelle gefunden haben, irgendwie auf eigene Kosten überbrücken. Können und wollen wir das wirklich?

… oder gesellschaftlich?

Deine Mutter ist stolz auf Dich, weil Du so unheimlich adrett aussiehst mit Deinem gestreiften Schlips und dass Du Karriere bei der Bank machst, hat sie sich schon gewünscht, als Du noch die Schäufelchen im Sandkasten gezählt hast. Unsere Eltern, Partner, Freunde – wahrscheinlich werfen nicht alle Konfetti, um unseren Entschluss zu feiern. Sich ständig erklären müssen, vielleicht sogar Vorwürfe zu ertragen und dazu die ewigen Fragen („Uuuuund? Hast Du jetzt endlich was Neues?“) wird Kraft kosten. Sind wir bereit, das auszuhalten?

2. Geht es mir um meine Zukunft oder „nur“ um den Moment?

Selbst die, die wir für ihre Karrieren bewundern und für glücklich halten, würden manchmal am liebsten alles hinschmeißen – und einige tun es sogar. Der US-Schauspieler Hayden Christensen zum Beispiel legte seine Karriere jahrelang auf Eis – trotz seines Erfolgs als junger Anakin Skywalker in den Star Wars Episoden II und III und den vielen, darauffolgenden Rollenangeboten. Stattdessen zog er nach Kanada, um auf einer Farm zu arbeiten. Der Grund: Der schnelle Hollywood-Ruhm habe sich einfach nicht richtig angefühlt. In einem Interview sagte er dazu: „Star Wars war ein Geschenk, das mir Chancen und eine Karriere offenbarte. Aber es fühlte sich irgendwie zu leicht an. Ich wollte nicht durchs Leben gehen mit dem Gefühl, bloß auf irgendeiner Welle geritten zu sein.“ Erst nach vier Jahren kehrte Christensen in seinen alten Job als Schauspieler zurück.

Wer hat schon einen Job, der ihn ernsthaft, wirklich und wahrhaftig jeden Tag zu 100% auf Neue ausfüllt? Manches, was uns stört, hat vielleicht nur mit momentanen Rahmenbedingungen zu tun. Dieses eine Projekt, das schlecht läuft. Diese eine Phase, in der der Chef unausstehlich ist, weil sein Scheidungstermin kurz bevorsteht. Alles nervig, aber doch „nur“ akut und eigentlich kein Grund, im Kurzschluss gleich das Handtuch zu werfen. Oder geht es tatsächlich um unsere Zukunft? Können wir uns mit dem Job oder der Firma grundsätzlich nicht (mehr) identifizieren? Dann ist es Zeit zu gehen.

3. Habe ich einen (groben) Plan?

Keine Hornhaut-Pflaster mehr für mich, okay. Aber was stattdessen? „Einfach mal weitersehen“ und „Kommt schon irgendwas“ ist ein Luxus, den sich die wenigsten von uns leisten können. Ich für mich wusste: so lange meine Vorstellung von der Zukunft nur ein müdes, unbestimmtes Schulterzucken bliebe, wäre ich noch nicht so weit, meinen alten Job hinzuschmeißen.

Was soll nach der Kündigung kommen? Eine komplette Auszeit? Ein neuer Job in derselben Branche? Etwas völlig anderes? Die Selbständigkeit? Manchmal müssen wir erst die alte Tür zu machen, damit sich eine neue öffnet. Aber nicht ins komplette Nichts zu springen, sondern zumindest einen groben Plan zu haben, uns über Möglichkeiten zu informieren und die Fühler auszustrecken, gibt Sicherheit und motiviert.

Alle Fragen: Check. Und wie kündige ich nun?

Karriere-Coach Priscilla Claman rät Folgendes: „Halte Deine Kündigung kurz. Schiebe den Grund für Deinen Ausstieg nicht auf die Firma oder auf die Leute, die dort arbeiten, sondern bleibe bei Dir. Es ist Dein persönlicher Wunsch, Dich zu verändern und weiterzuentwickeln. Schreibe ein Kompliment an die Firma in Deine Kündigung.“ Zum Beispiel: „Ich bedanke mich bei der Werbeagentur XY, dass ich auf dem Feld der Hornhaut-Pflaster so viel lernen durfte.“

Frust hin oder her, Priscilla Claman sagt, Schuldzuweisungen und Anklagen gehören nicht in so ein Schreiben. Und laufende Projekte und Aufgaben gehören abgearbeitet und ordentlich an die Kollegen übergeben. Nur so können wir ein schlechtes Arbeitszeugnis oder schlechte Referenzen vermeiden.

Ich habe meine Kündigung geschrieben. Sie abgegeben. Mein Bestes getan bis zum Tag X. Es wäre gelogen, zu behaupten, ich hätte nicht zwischendurch immer mal wieder angefangen zu zweifeln. Dann dachte ich an Steve Jobs und seine Rede, die er vor der Stanford Universität gehalten hat. Darin sagte er: „In den vergangenen 33 Jahren habe ich jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich selbst gefragt: Wenn heute der letzte Tag in meinem Leben wäre, würde ich das tun, was ich mir heute vorgenommen habe zu tun? Und jedes Mal wenn die Antwort für mehrere Tage hintereinander „Nein“ war, wusste ich, dass ich etwas verändern muss.“

Jede Veränderung, jede Kündigung kostet Mut. Doch nur, wenn wir ihn aufbringen, werden wir erfahren, was da draußen noch möglich ist für uns.

Mehr unter 7 seltsame Fragen, die Dich zu Deiner Berufung führen  und unter 12 Anzeichen, dass Du Deinen Job an den Nagel hängen solltest.

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