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Text von: Romy Hausmann

1941 muss der junge jüdische Nervenarzt Viktor Frankl eine Entscheidung treffen: Er hat ein Visum für die USA. Er könnte mit seiner Frau vor den Nazis fliehen, in ein anderes Land, in ein freies Leben, in eine rosige Zukunft. Nur müsste er dafür seine Eltern in Österreich zurücklassen, deren Schicksal einigermaßen abzusehen ist. Viktor entscheidet sich. Familienzusammenhalt wiegt für ihn schwerer als sein persönliches Glück. Er will seinen Eltern beistehen, wenn die Nazis kommen – als Sohn und als Psychiater.

Im September 1942 ist es so weit: Die Familie wird verhaftet, deportiert – und dabei getrennt.

Im Konzentrationslager kümmert sich Viktor nun um Mithäftlinge, von denen einige selbstmordgefährdet sind. Später schreibt er in seinem Buch „Der Wille zum Sinn“ dazu: „Es ging darum, ihnen begreiflich zu machen, dass es da noch etwas gab, das auf sie wartete. Dass es da noch etwas gab, was das Leben von ihnen erwartete.“ Für einen der Mithäftlinge ist es sein Kind, das im Ausland lebt. Für einen anderen, einen Wissenschaftler, sind es seine Forschungen, an die er anknüpfen will. Viktor ist sich damals schon sicher: Sinn ist wichtiger als Glück, überlebenswichtig.

Der Unterschied zwischen Glück und Sinn

2013 forschte ein Team der Uni Stanford unter dem Sozialpsychologen Roy Baumeister nach den Unterschieden zwischen einem glücklichen und einem sinnerfüllten Leben. Bei dieser Studie befragte man 400 Amerikaner im Alter von 18 bis 78 Jahren, inwieweit sie ihr Leben als glücklich und/ oder sinnerfüllend empfinden. Dabei bezogen die Forscher auch Variablen wie Familien- und Einkommensverhältnisse, Stress, Berufssituation und Konsumverhalten mit ein. Herauskam, dass ein glückliches Leben und ein sinnerfülltes Leben sich teilweise überschneiden können, letztlich aber doch sehr unterschiedlich sind.

„Glück ohne Sinn charakterisiert ein relativ flaches, selbstsüchtiges oder gar egoistisches Leben, in dem die Dinge wie von allein gut laufen, Bedürfnisse und Wünsche leicht befriedigt werden und Anstrengungen vermieden werden“, sagt Roy Baumeister. Besonders in finanzieller Hinsicht: Ja, laut den Ergebnissen macht der neue, ultraflache HD-Fernseher tatsächlich glücklich. Das neue Auto auch. Zumindest vorübergehend. Studienteilnehmer dagegen, die über weniger Geld verfügten oder gar chronischen Geldmangel hatten, empfanden ihr Leben als weniger glücklich.

Ein Gefühl für Sinn wiederum entstehe erst, wenn Menschen einen Teil ihrer Zeit und ihrer Energie anderen geben bzw. sogar Opfer bringen für andere. „Es liegt in der Natur des Menschen, sich um andere zu kümmern“, sagt Baumeister. „Das macht das Leben sinnvoll – aber es macht uns nicht zwangsläufig glücklich.“ Es gehe vielmehr darum, etwas „Richtiges“ zu tun, etwas, das wertvoller und dauerhafter ist als der kurze, schnell abgenutzte Glücks-Kick, den der neue HD-Fernseher auslösen kann. Die kranke Mutter nach deren Herzinfarkt zu pflegen und ihr den Löffel zu halten, wenn sie es selbst nicht kann. Ein Kind großzuziehen. Seine Freizeit für etwas Gemeinnütziges einzusetzen. Kurz: „Etwas zu dienen, das höher ist als das Selbst.“

Ein sinnerfülltes Leben spendet Trost in schwierigen Situation

Die Stanford-Studie hält fest: Menschen, die eher für den gegenwärtigen Moment leben, sind glücklicher. Menschen, die sich mehr Gedanken über die Zukunft machen und sich genauso mit Erfahrungen in der Vergangenheit beschäftigen, erleben mehr Sinn in ihrem Leben. Gerade schwierige oder leidvolle Erlebnisse verringern zwar das Glück, können jedoch das Gefühl für Sinn im Leben steigern.

„Wenn es im Leben überhaupt einen Sinn gibt“, schreibt auch Viktor Frankl in seinem Buch, „dann muss es auch im Leiden Sinn geben.“

Ein sinnerfülltes Leben wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus

Ein Forscherteam der University of North California teilte im Rahmen einer weiterführenden Studie 80 Männer und Frauen in zwei Gruppen ein: Für die erste Gruppe entstand ein Glücksgefühl vor allem durch die unmittelbare Befriedigung eigener Wünsche, oft gekoppelt an Konsum. Die Forscher nannten diese Gruppe „Die Nehmer“. Die zweite Gruppe war die, die ihren Beitrag an der Gemeinschaft höher bewertete als die eigene Bedürfnisbefriedung. Sie bekam den Namen „Die Geber“.

Anschließend untersuchten die Forscher beide Gruppen auf ihre Immungenetik hin. Das Ergebnis: Der Organismus der „Nehmer“ (Gruppe 1) war darauf geeicht, schneller Entzündungen und Blutgerinnungsprozesse einzuleiten und wies weniger Abwehr gegen Viren und Bakterien auf. Bei den „Gebern“ (Gruppe 2) war es genau andersrum.

Konkret bedeutet das: Die „Nehmer“ sind schlechter gegen Infekte geschützt. Zudem erhöhe die Neigung zu Entzündungen gleichermaßen das Risiko für Gefäßverschlüsse und Arteriosklerose, Schlaganfälle und Herzinfarkte.

Die Erklärung dafür sei in der Evolutionsgeschichte zu finden. Die Forscher sehen den Steinzeit-„Nehmer“, der sein eigenes Wohl über das der Gemeinschaft stellt, als Einzelgänger durch die urzeitliche Wildnis streunen. Da er im Falle von Verletzungen ohne den Rückhalt einer Gruppe auf sich allein gestellt gewesen wäre, habe sich sein Immunsystem in erster Linie darauf eingestellt, blutende Wunden schnellstmöglich zu verschließen. Bei den „Gebern“ mit den höheren Sozialkontakten habe sich sinnvollerweise eine Abwehr gegen die ein oder anderen Fremdkeime entwickelt.

In der Studie machten die reinen „Geber“ nur ein Viertel der Versuchspersonen aus. Der Rest, ganze 75%, zeigte überwiegend die Immuneigenschaften der „Nehmer“.

Uff. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber mich hat dieses Ergebnis erschreckt. Gleichzeitig fühlte ich mich irgendwie ertappt. Ich gehöre auch zu denen, die vor „Glück“ schreien, wenn der Postbote mit dem riesigen Paket vom Online-Warenhaus vor der Tür steht. Eine, die viel zu selten etwas tut, das nicht nur ihr selbst zugutekommt, und sich wegen der jährlichen 10-Euro-Spende an den Tierschutzverein bereits fühlt wie Supergirl (mit schicken neuen Strumpfhosen aus dem Paket vom Online-Warenhaus, versteht sich). Ja, ich bin glücklich (meistens, manchmal, an Tagen, an denen der Postbote kommt) – und trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass mir das einfach nicht genügt.

Wie wir mehr Sinn in unseren Alltag holen können

  • Die digitale und photogeshoppte Welt mal für eine Weile verlassen. (Ich zum Beispiel bleibe allzu gerne in den sozialen Medien hängen, nach dem Motto: „Nur mal kurz gucken, was meine Freunde so machen.“ Am Ende verbringe ich Stunden damit, Bilder vom Mittagessen von Leuten zu liken, die ich eigentlich gar nicht kenne.) Stattdessen rausgehen, in die Natur, unter Menschen. Zuhören. Hilfe anbieten – auch wenn es im ersten Moment nach weniger Spaß klingt, mit dem Kumpel, der gerade umzieht, schwere Kisten zu schleppen, als den Samstag gemütlich auf der Couch mit Facebook und Co. zu verbringen. Teilnehmen am „echten“ Leben. In schwierigen Momenten nicht auf kurze „gefakte“ Glücks-Kicks setzen, z.B. durch Frustkäufe (meine frühere Sucht nach Handtaschen kam wohl nicht von ungefähr). Stattdessen selbst einmal um Hilfe zu bitten, um das offene Ohr eines Freundes.
  • Gerade für die unter uns, die arbeitsbedingt den Großteil ihrer Zeit am PC mit immer nur virtuellen Ergebnissen verbringen, kann es das Sinnempfinden schärfen, in der Freizeit zum Ausgleich etwas „Greifbares“ zu erschaffen. Einen Kuchen zu backen. Am Motorrad rum zu schrauben. Das Wohnzimmer zu streichen.
  • Dankbarkeit praktizieren: Wahrscheinlich (hoffentlich) geht es den meisten von uns auch so schon ziemlich gut. Gesund zu sein. Satt zu sein. Geliebt zu werden. Sich all dessen einmal bewusst werden.

Viktor Frankl…

1945, als das Konzentrationslager befreit wird, hat Viktor Frankl als Einziger seiner Familie überlebt. Doch aufgegeben hat er deshalb nicht. Als Logotherapeut, Existenzanalyst, Universitätsprofessor und Buchautor arbeitet er unermüdlich daran, Menschen an ihren Sinn zu erinnern – und das vielleicht gerade darin das größte Glück überhaupt liegt:

„Wir erfinden unseren Auftrag in dieser Welt nicht, sondern wir entdecken ihn. Er liegt in uns und wartet darauf, verwirklicht zu werden. Jeder hat eine persönliche Berufung oder Mission im Leben. Jeder muss einer bestimmten Aufgabe nachkommen, die auf Erfüllung drängt. Der Auftrag jedes Menschen ist genauso einzigartig wie die Chance, ihn zu erfüllen.“

Im September 1997 stirbt Viktor Frankl mit 82 Jahren. Nach einem sinnerfüllten Leben.

Mehr unter 5 Wege, dem Leben mehr Sinn zu geben und unter Warum Du Dein Geld für Erlebnisse ausgeben solltest, nicht für Dinge.

Photo: Calm sea / Shutterstock