Text von: Romy Hausmann

Vielleicht kennst Du’s: Eigentlich freust Du Dich. Über die beiden blauen Striche im Sichtfeld des Schwangerschaftstest, mit dem Deine Partnerin begeistert aus dem Bad kommt und herumwinkt. Über die Beförderung Deines besten Freundes, für die er so lange und hart gearbeitet hat. Über die große Chance, die sich Dir bietet. Und das tust Du auch, klar, doch plötzlich schwingt da noch etwas anderes mit. Die beiden blauen Striche bringen eine Verantwortung mit sich, die Dir Angst macht. Schlaflose Nächte, nervige Eltern-WhatsApp-Gruppen, eine größere Wohnung, die nun angemietet und bezahlt werden muss. Dein bester Freund wurde befördert und nicht Du, dabei hast Du doch mindestens genauso hart dafür gearbeitet, wenn nicht gar härter. Wahrscheinlich kauft er sich von seinem neuen, fetten Gehalt erst mal einen Porsche, der alte Angeber. Und Deine eigene große Chance, die zündet ohnehin gleich mal ein inneres Panik-Feuerwerk. Was, wenn Du es verkackst? Am Ende dastehst wie ein Idiot? Der Herausforderung gar nicht gewachsen bist?

Gefühle sind selten klar und rein, kommen dafür umso öfter im Rudel und bringen dabei Kollegen mit, die die ganze Party versauen. Ich will mich einfach nur freuen in diesem Moment, doch die Freude wird getrübt von Zweifeln, Ängsten, Sorgen, Neid und Co. – und dafür schäme ich mich. Ärgere ich mich über mich selbst. Und zwar so lange, bis ich mich nur noch schäme und ärgere, mir vorkomme wie der schlimmste Mensch auf Erden und dabei prompt vergesse, dass ich doch eigentlich eben noch einen Grund zur Freude hatte.

Was also stimmt nicht mit mir, Herr Doktor?

Die Antwort ist erst mal beruhigend: Alles gut, ich bin einfach nur ein Mensch (und zwar ein ziemlich gewöhnlicher – nicht der schlimmste auf Erden, puh.)

Die Diagnose: Meta-Emotionen.

Meta… was?

Meta-Emotionen sind laut Definition Emotionen, die wiederum durch Emotionen verursacht werden. Sie entsprechen der Art und Weise, wie wir uns dabei fühlen, bestimmte Gefühle zu haben.

Uns zum Beispiel darüber ärgern, dass wir uns ärgern.

Uns dafür schämen, traurig zu sein.

Uns vorkommen wie die letzten Arschlöcher, jemanden zu beneiden.

Dabei beeinflussen diese Meta-Emotionen das ursprüngliche Gefühl maßgeblich, machen es manchmal (insbesondere, wenn es sich um ein positives Gefühl wie Freude gehandelt hat) gar rissig oder schlimmstenfalls ganz kaputt. Wenn wir nicht verstehen, was Meta-Emotionen bedeuten und woher sie kommen, tun wir uns im Umgang damit oft schwer. Und das ist nicht nur ein Problem, das wir mit uns selbst auszutragen haben, sondern beeinflusst auch stark unsere Beziehungen. Klar: Wer schafft es schon, nach außen hin gelassen zu bleiben, wenn man gerade innerlich eskaliert?

An anderen fällt uns sowas leichter auf: Vielleicht hast Du ja auch so einen Kollegen, der scheinbar grundlos von einer auf die nächste Sekunde wütend wird und rumpöbelt (über den Flurfunk munkelt man bereits von einem Aggressions-Problem). Oder eine Freundin, die plötzlich mit den Türen knallt, obwohl doch gerade noch alles höchst romantisch zwischen euch war. Oder ein Familienmitglied, das wie auf Knopfdruck verstummt und sich in sich zurückzieht. All diese Reaktionen können darauf hinweisen, dass jemand in diesem Moment nicht mit seinen Meta-Emotionen klarkommt.

Wie Meta-Emotionen entstehen

Sorry, Mutti – mal wieder – aber tatsächlich werden wir in Sachen Meta-Emotionen größtenteils durch unsere Eltern bzw. das Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind, geprägt. Bereits als Kinder lernen wir also, wie wir Gefühle zu empfinden haben. Dazu veröffentlichte der amerikanische Psychologe und Beziehungsforscher John M. Gottman 1996 eine wissenschaftliche Studie, in der er verschiedene Arten elterlicher Erziehungs-Ansätze im Umgang mit Gefühlen kategorisierte.

Kritisch seien laut Gottman diese drei:

Der abweisende Umgang

„Stell Dich nicht so an!“ „Ist doch nicht so schlimm!“ „Jetzt hör aber mal auf zu heulen, kleiner Klaus, nur weil die anderen Kinder Dir das Schäufelchen weggenommen haben!“ Also Eltern, die das ursprüngliche Gefühl ihres Kindes ignorieren oder leugnen – vornehmlich, wenn es sich dabei um ein negatives Gefühl wie Trauer oder Wut handelt. Das tun sie natürlich nicht, weil sie grundsätzlich ignorante Arschlöcher wären, sondern weil sie negative Gefühle von ihren Kindern fernhalten oder möglichst schnell lindern wollen. Der Klassiker ist die Mama, die ihren kleinen Klaus einfach nicht weinen sehen kann, weil es ihr selbst das Herz bricht – dabei aber vergisst, dass der kleine Klaus in einem gewissen Maß schlichtweg auch lernen muss, negative Gefühle auszuhalten und damit umzugehen. Denn genau das, sagt Gottman, sei essenteil für das innere Wachstum und die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes.

Der missbilligende Ansatz

Anders als beim abweisenden Ansatz, wo es darum geht, ausschließlich negative Gefühle auszublenden, geht es beim missbilligenden Ansatz um jede Art von Gefühlen, also auch die positiven. Da stört der lautstarke Wutausbruch. Da stören die Tränen. Da stört aber auch jedes Lachen. Kinder, die in einer solchen Umgebung aufwachsen, beginnen die eigenen Gefühle als unangemessen zu betrachten, versuchen sie zu unterdrücken – oder im Gegenteil: nutzen sie erst recht, um ihre Eltern zu manipulieren. So nach dem Motto: „Wenn Du willst, dass ich still bin, schuldest Du mir was.“ Ein Ü-Ei, ein neues Paar Turnschuhe, das IPhone 5000.

Das Laissez-faire-Prinzip

Die Gefühle des Kindes werden zwar wahrgenommen, sind in jeglicher Form „erlaubt“ – jedoch setzen die Eltern im Umgang bzw. beim Ausleben dieser keine Grenzen. Wenn Klein-Klaus also wütend ist, dann kann es schon mal passieren, dass er seinen Bruder schlägt – und Mutter schaut tatenlos zu.

(Am besten und gesündesten lernen Kinder laut Gottman übrigens von Eltern, die selbst fähig sind, über ihre Gefühle zu sprechen, das auch dem Nachwuchs zugestehen und ihm gleichzeitig auch helfen, die Auswirkungen bestimmter Gefühle zu verstehen. Zum Beispiel: „Du darfst wütend sein, das ist okay. Deinen Bruder zu schlagen, weil Du wütend bist, ist dagegen nicht okay, denn das tut ihm weh.“)

Abhängig von der Art unserer Erziehung werden also unsere Meta-Emotionen beeinflusst. Die gute Nachricht: Wir können selbst als Erwachsene noch lernen, uns „umzuprogrammieren“. Abrücken von der Wut, die in uns brennt. Von der Scham, die an der Freude kratzt. Von der Angst, die uns lähmt, obwohl doch eigentlich alles okay ist. Von den Gefühlen hinter den Gefühlen, die es uns selbst und unseren Beziehungen manchmal so schwer machen.

Wie wir es schaffen, mit Meta-Emotionen umzugehen

Meta-Gefühle haben keinen Aus-Knopf, aber wir können uns – mit dem Wissen um ihre Entstehung – darin üben, sie wahrzunehmen ohne ihnen allzu viel (zerstörerischen) Raum zu erlauben. Können lernen, sie gut sein zu lassen, indem wir einen Schritt zurücktreten und uns die Situation bewusst machen.
Ein paar tiefe Atemzüge nehmen.

Dann: Nachspüren? Welche Gefühle sind da? „Ah, da ist Angst.“ „Schau an, da ist Wut.“

Dann: Aufmerksam sind für das, was da gerade in uns abspielt und woher es möglicherweise kommt. Hörst Du hinter dem Gefühl Deine strengen Eltern flüstern? Oder sind es noch ganz andere Baustellen, die in diesem Moment um Beachtung schreien? Ängste, um die Du Dich kümmern solltest? Vergrabene Sorgen?

Schaffen wir es nämlich, das ursprüngliche Gefühl von unseren Meta-Emotionen zu trennen, wird unser Blick wieder klarer. Sparen wir uns die Selbstzerfleischung und die ein oder andere lautstark ins Schloss geworfene Tür. Und haben vielleicht wieder mehr Platz für die guten Gefühle in uns.

Mehr unter 5 Gründe, warum wir das Glücklich-Sein nicht zulassen und unter Die 4 Stufen emotionaler Entfremdung.

Photo: Melancholic von Antonio Guillem / Shutterstock