Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Mona liegt im Bett. Genauer: Im Sterbebett. Sie ist 89 Jahre alt.

„Was bereust Du in Deinem Leben am meisten, Mona?“

„Weißt Du, ich hatte eigentlich ein ziemlich gutes Leben. Aber ich hätte mich selbst glücklicher sein lassen sollen. Viel zu selten hab ich mir das gegönnt. Immer hab ich gearbeitet, und wenn’s nichts zu arbeiten gab, hab ich mir Sorgen gemacht oder etwas anderes getan, damit es mir ja nicht allzu lange allzu gut geht. Heute bedaure ich das sehr.“

Diese Frage nach der Reue stellte die Krankenschwester Bronnie Ware über Jahrzehnte Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Diese Antwort, wie Mona sie gab, zählte zu den fünf häufigsten.

Sie spürten es. Und viele von uns spüren es auch: Irgendwie fällt es uns sehr schwer, uns das Glücklich-Sein zu erlauben.

Ohne zu verstehen, warum das immer wieder passiert, machen wir einen Schritt vor und zwei zurück. Verhauen Prüfungen, die wir eigentlich locker hätten bestehen können. Fahren Beziehungen an die Wand, die so gut begannen. Hören mit Dingen auf, die uns doch so große Freude gemacht haben. Glauben dieser überkritischen Stimme in unserem Kopf und machen uns fertig, halten uns klein.

Warum ist das so?

Die klinische Psychologin Dr. Lisa Firestone schreibt bei Psychology Today über die wahren Gründe dahinter.

1. Es rüttelt an unserer Identität.

Wir hängen an unserem Selbstbild. An unserer Identität. Und sie hängt an uns. Wir fühlen uns sicher und wohl in ihr, in dieser seltsamen Jacke aus Glaubenssätzen. Ganz gleich, wie kratzig, schwer, löchrig oder kaputt sie ist. Wollen wir uns entwickeln, wollen wir glücklicher werden, ängstigt uns das, wir fühlen uns unwohl. Es fühlt sich falsch an, obwohl es nur ungewohnt und neu ist.

Ein großer Teil unserer Identität speist sich aus den Erfahrungen, die wir als Kinder machten. Aus den Einstellungen und Sichtweisen, die von außen auf uns einströmten und nach und nach immer tiefer hinein sickerten in unsere Psyche. Auch später noch, wenn wir längst erwachsen sind, leben unsere engsten Bezugspersonen in uns weiter, zum Beispiel als „innere Eltern“. Oft fällt es uns daher schwer, ihre teils destruktiven Stimmen von unserer eigenen zu unterscheiden und zu einem angemessenen und starken Selbstbild zu finden.

(Siehe Wie Deine „inneren Eltern“ Dich gefangen halten – und wie Du Dich endlich befreien kannst.)

2. Es fordert unsere Schutzmechanismen heraus.

Unsere Schutzmechanismen sind wie ein Panzer, von uns aufgebaut, um einen bestimmten Schmerz nicht mehr erleben zu müssen. Wurden wir hart kritisiert, trauen wir uns vielleicht gar nichts mehr zu – denn wer nichts macht, kann auch keine Fehler mehr machen und wird (so unsere Hoffnung) auch nicht mehr verletzt. Wurden wir verlassen, wollen wir uns womöglich auf niemanden mehr einlassen. Wurden wir massiv enttäuscht, gehen wir vielleicht immer vom schlechtesten aus, sind misstrauisch, allem gegenüber, auch uns selbst.

Die meisten dieser Mechanismen erschaffen wir in unserer frühen Umgebung, um uns anzupassen. Wenn wir dann älter werden, sind sie noch immer am Werk. Obwohl sie inzwischen nur noch schlecht an die Realität angepasst sind. Schließlich hätten wir als Erwachsene wir ganz andere Möglichkeiten, mit Erfahrungen und Gefühlen umzugehen. Trotzdem tun wir uns noch immer schwer, im Mittelpunkt zu stehen, oder dass uns jemand zu nah kommt.

Glück zu empfinden heißt, dass wir die Schutzpanzer ablegen müssen (die Sonnenstrahlen kommen sonst nicht durch). Nicht leicht.

3. Es stresst und ängstigt uns.

Streben wir nach etwas, wovon wir träumen, lässt uns das lebendig fühlen. Es wühlt uns auf. Wir atmen tiefer, stehen mehr unter Spannung. Sind voller Begeisterung darüber, der kritischen Vergiss-es-Du-kannst-das-nicht-Stimme zuwider zu handeln. Diese Stimme wird jedoch lauter. Und lauter. Und lauter. Die freudige Spannung wird zu einer unangenehmen. Es stresst uns. Es macht uns Angst. Wir stehen außerhalb der alten Komfortzone. Unsere Beine wackeln. Wir knicken ein, viel zu oft, um uns zu beruhigen.

Es ist wichtig zu wissen, schreibt Dr. Firestone, dass Veränderung immer mit Aufregung und Angst einhergeht. Das müssen wir eine Weile aushalten und weitergehen, Schritt für Schritt. Nur so kann unsere Komfortzone wachsen.

4. Es löst Schuldgefühle aus.

Die Entscheidung, glücklich zu sein, kann einige schmerzhafte Fragen wie mit einem Fahrstuhl aus unserem Unterbewusstsein hoch transportieren. Darf es mir gut gehen, während meine Eltern alt und krank sind? Darf ich mich wohl fühlen, obwohl meine Ex-Frau nach der Scheidung noch mehr säuft? Darf ich glücklich sein, obwohl ich manche Menschen auf meinem Weg komplett hinter mir lassen musste? Und darf ich mich selbst – mein altes, unglückliches Ich – hinter mir lassen?

Psychologen sprechen von einer „Fantasie-Bindung“ zu Menschen aus unserer Vergangenheit (v.a. die Eltern); das Gefühl, mit ihnen in Verbindung zu stehen und ihre Gefühle teilen zu müssen. Diese „Bindung“ zu trennen kann uns zunächst ein großes Gefühl von Einsamkeit verschaffen. So ist es auch kein Wunder, wie sehr sich das Glückslevel von Kindern und Eltern in vielen Fällen ähnelt. Selbst dann, wenn die Kinder schon vor dreißig Jahren ausgezogen sind und ein eigenes, völlig anderes Leben haben.

5. Es macht alte Wunden sichtbar.

Etwas zu bekommen, was uns glücklich macht, kann Traurigkeit auslösen. Warum? Weil es uns daran erinnert, wie lange wir es nicht hatten. Daran, dass wir es zum Beispiel von unseren Eltern nicht bekommen haben. Die Liebe heute erinnert uns an die fehlende Liebe von gestern.

Im Buch Humans of New York berichtet ein Mann von der prägendsten Erfahrung seines Lebens. Sein Vater sagte ihm, er solle auf eine Kommode klettern. Er tat es. Dann sagte der Vater, er solle seine Augen schließen. Er tat es. „Jetzt vertraue mir und spring runter, Sohn, ich fange Dich“. Der Sohn tat es. Und knallte hart auf den Boden. Der Vater: „Siehst Du, das musst Du lernen: Vertraue niemandem im Leben.“

Man kann sich leicht vorstellen, dass dieser Mann sich auch heute noch schwer fallen lassen kann, und wenn er es schafft, zumindest diese Erfahrung wieder in seine Erinnerung ruft.

Nur können wir den Schmerz nicht betäuben, ohne dabei auch die Freude zu kastrieren.

Wie man das Glück mehr ins Leben lassen kann

Wonach wir uns am meisten sehnen und am besten für uns wäre, löst gewöhnlich den größten Widerstand in uns aus. Innerer Widerstand ist also längst nicht immer ein Beweis dafür, dass wir es lassen sollten – sondern im Gegenteil dafür, wie wichtig etwas für uns ist.

Dr. Firestone (muss eigentlich nur ich bei dem Namen immer wieder an die „Familie Feuerstein“ denken?) empfiehlt die folgenden Dinge, die es etwas leichter machen können:

  • Mach Dir bewusst, dass der Widerstand nicht bedeutet, dass mit Deinem Wunsch etwas nicht stimmt oder mit Dir – Widerstand gehört einfach dazu, wenn wir wachsen.
  • Geh den Weg nicht allein. Sprich mit anderen über Deine Ziele und was Dich abhält.
  • Finde einen Weg, achtsam mit den kritischen inneren Stimmen und den unangenehmen Gefühlen umzugehen. Erinnere Dich, dass sie aus Deiner Vergangenheit kommen. Lass sie da sein, lass Dich jedoch nicht zu sehr auf sie ein.
  • Erinnere Dich daran, dass Du jetzt erwachsen bist. Nicht mehr von Deinen Eltern oder anderen damaligen Einflüssen abhängig. Du kannst eigene, freie Entscheidungen treffen. Du hast die Macht in Deinem Leben.
  • Erinnere Dich auch daran, dass Dich Rückschläge nicht umbringen werden. Du wirst Dich von ihnen erholen, aus ihnen lernen, und weitermachen.

Du hast es verdient, dass es Dir gut geht. Und hab keine Angst davor, dass das egoistisch ist. Oscar Wilde brachte es auf den Punkt:

Selbstsucht heißt nicht: so leben, wie man zu leben wünscht; sie heißt: von anderen verlangen, so zu leben, wie man zu leben wünscht.“

Mehr dazu findest Du in den myMONK-Büchern Selbstwertgefühl – Wie es entsteht und wie Du es stärken kannst sowie Wie man Sorgen, Stress und Selbstzweifel loslässt.

Siehe auch Sprich achtsam: Wie Deine Worte nachhaltig Dein Gehirn verändern und Die 3 Arten des Glücks – und wie wir dem falschen hinterherjagen.

Photo: Sascha Erni, .rb