Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Ich war zu nichts mehr zu gebrauchen. Mehr Hülle als Mensch, mehr funktionierend als lebendig. Einige Monate zuvor hatte ich mein BWL-Studium beendet und war nun in einem Job als Unternehmensberater gelandet – oder sagen wir eher unglücklich gestrandet, wie ein Wal im Sand bekam ich kaum noch Luft. Meine Tage waren plötzlich fremdbestimmt von festen Arbeitszeiten, Terminen und Meetings; meine Aufgaben erschienen mir im Großen und Ganzen sinnlos; das alles hatte nichts mit mir zu tun und ich hasste es.

Um dem zu entkommen, um mich wieder wie ein Fisch im Wasser zu fühlen, stand ich über Monate um fünf Uhr morgens auf, arbeitete noch vorm Gang ins Büro an meinen Internetprojekten und am Feierabend und dazwischen, und als ich absehen konnte, dass ich davon halbwegs überleben können würde, fand ich den Mut und kündigte. Seitdem lebe ich ohne Job und ich hab‘s nie bereut, an keinem einzigen Tag.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute soll‘s darum gehen, wie man einen miserablen Job überlebt, wie man weitermacht, wie man nicht durchdreht, wenn’s im Dunkeln liegt, ob und wie und wann man je einen Ausweg finden und von etwas leben können wird, das man von Herzen liebt. Und darum, dass man nicht blind kündigt und ins nächste Verderben rennt.

Wenn der Wecker an jedem Morgen grausamer klingt als ein Zahnarztbohrer, wenn Dir schon in den ersten wachen Sekunden des Tages hundeelend ist Du und nicht weißt, ob Du weinen, schreien oder kotzen sollst … dann helfen Dir vielleicht die folgenden Überlebensstrategien:

  1. Klären, was genau Dich an der Arbeit so belastet. Warum fühlst Du Dich so? Bist Du zu sehr oder zu wenig herausgefordert, passen die Kollegen nicht zu Dir, wirst Du nicht genügend wertgeschätzt, entspricht die Aufgabe nicht dem, was Du kannst, oder widerspricht sie sogar Deinen tiefsten Werten und Bedürfnissen (der Vegetarier im Schlachthaus, die Nonne im Bordell, die Prinzessin in der Erbsenfabrik)? Im zweiten Schritt kannst Du überlegen, ob Du nicht ein paar Dinge verändern und Dir den Job damit etwas mehr auf den Leib schneidern kannst. Vielleicht gibt es ja Projekte im Unternehmen, die Dir mehr bedeuten, oder andere Teams, oder Freiheiten, die Du Dir erkämpfen kannst?
  2. Verbünden. Dort, wo einer seinen Job hasst, gibt‘s meistens noch andere, denen es genauso geht. Schau Dich um. Mit wem könntest Du Dich austauschen und für den Anfang einen kleinen Kieselstein der Veränderung ins Rollen bringen, der‘s euch leichter macht? Von wem könntest Du etwas lernen und wem etwas beibringen, auf dass wieder mehr Würze in den faden Routinebrei kommt?
  3. Das Gute sehen, mitten im Schlechten. Ja, es ist nicht ideal, aber es könnte weiß Gott schlimmer sein. Milliarden Menschen auf der Welt würden für Deinen Job alles geben, die entweder gar keinen haben, oder doppelt so viele Stunden für halb so viel Geld arbeiten müssen, zum Teil unter den übelsten Bedingungen. Letzte Woche bin ich missmutig in meinem Viertel spaziert, weil etwas nicht so klappte, wie ich‘s mir vorgestellt hatte … und da sah ich einen Maler einen Fensterrahmen streichen, viertes Obergeschoss, wie er von außen am Fensterbrett stand, ungesichert, sich nur mit einer Hand innen festhielt. Ich glaube, er sprach polnisch mit seinem Kollegen, und ich glaube, dass er das Risiko abzustürzen nicht freiwillig einging, sondern aus Zeit- und Kostendruck keine andere Wahl sah. Bei den meisten von uns kann doch höchstens mal der Computer abstürzen.
  4. Eine neue Geschichte, mitten in den alten Umständen. Wir alle haben einen Geschichtenerzähler im Kopf, und es muss ein ziemlich guter sein, so oft, wie wir ihm glauben. „Ich kann es nicht mehr ertragen“, sagt er (und doch ertragen wir‘s noch), „Ich sollte etwas anderes machen mit meinem Leben“ (und machen doch nichts anderes, bisher, und die Welt geht trotzdem nicht unter), „Ich muss ein Versager sein, sonst wäre ich nicht hier“ (und nein, Du bist kein Versager, wahrer Erfolg ist ohnehin etwas ganz anderes). Es bleiben Geschichten, einfache Geschichten, und Du kannst sie hinterfragen und austauschen gegen solche, die Dich weniger runterziehen.
  5. Das Ende sehen, mitten im Kampf. Am meisten geholfen hat mir damals der Glaube, dass ich den Job nicht bis an mein Lebensende machen muss. Ein durchschnittliches Arbeitsleben besteht Studien zufolge heute aus fünf Karrieren. Ist das nicht befreiend? In der Zwischenzeit kannst Du Dir überlegen, wohin Du langfristig möchtest und wie Du echten Wert schaffen und nach und nach etwas aufbauen könntest.
  6. Sinn finden und Deine Berufung leben, mitten im miesesten Beruf. „Sinn“ bedeutet: einen Zusammenhang erleben. Du kannst Dir Zusammenhänge bewusst machen und dadurch mehr Sinn (emp)finden. Wie beeinflusst Deine Arbeit Deine Kunden, Deine Kollegen, Deine Familie – wie hilft sie ihnen, und wie könnte sie ihnen noch mehr helfen? Und mit wem am Arbeitsplatz könntest Du eine tiefere Beziehung aufbauen? Was die Berufung angeht: manchmal kommt es gar nicht so sehr darauf an, was man tut, sondern wie man es tut. Du könntest Dich mit ganzem Herzen kümmern; wo andere nur Dienst nach Vorschrift machen; oder kreativ sein, wo andere nur noch dröge alten Abläufen folgen.
  7. Dein Dōjō, mitten im Büro. Indem Du alles so achtsam wie möglich erledigst, Dich ganz auf Deine Handlung konzentrierst, in diesem Moment, und in diesem, und in diesem. Indem Du lernst, Dinge nicht zu persönlich zu nehmen, die Dir Kollegen, Chefs oder Kunden an den Kopf knallen. Und indem Du das Leben so akzeptieren lernst, wie es gerade ist, einschließlich des Jobs.
  8. Zeit für Dich gewinnen, mitten in der Arbeit. Delegieren, was zu delegieren ist. Produktivitäts-Killer aufgeben. Erledigen, was zu erledigen ist. Und dadurch Freiräume schaffen für Dich, für mehr kleine Pausen, die keiner bemerkt oder anprangert, solange Du Deine Aufgaben geregelt bekommst; für eine entspanntere Mittagspause; oder für den früheren Feierabend.
  9. Deinen Tag beginnen mit einem Ritual, das Dir gut tut. Statt auf den letzten Drücker aufzustehen und in die Arbeit zu hetzen, könntest Du den Tag etwas früher beginnen und etwas für Dich tun, noch bevor Du Deine ganze Kraft in die Wirtschaft versickern lässt. Eine halbe Stunde lesen, oder meditieren, Yoga machen, Laufen gehen, in Ruhe frühstücken … eben gute, hilfreiche Gewohnheiten schaffen.
  10. Auf andere Lebensbereiche konzentrieren. Wenn sonst nichts hilft: warum nicht für eine Weile auf andere Themen und Bereiche in Deinem Leben konzentrieren, und den Job nüchtern als die Basis sehen, die‘s Dir durch das Gehalt ermöglicht? Neue Hobbys. Ein sportliches Ziel. Mehr kleine Ausflüge. Mehr Erlebnisse mit den Menschen, die Dir viel bedeuten. Am Abend mit der Familie kochen und sich den ganzen Tag über drauf freuen. Ein Ehrenamt. Das Buch schreiben, von dem Du schon so lange träumst.

Du musst diesen Job nicht lieben.

Nur ertragen.

Und vielleicht kannst Du ihm sogar ein paar gute Dinge abgewinnen.

So lange, bis Du eine neue Aufgabe gefunden hast. Das braucht manchmal einfach Zeit, aber es wird passieren. Gib nicht auf, halte Deinen Kopf oben, dann siehst Du die Sonne am Horizont viel eher.

 

Inspiriert von: tinybuddha , Danke an die Leserin „Lakritzfee“, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, Photo: Hartwig HKD