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Text von: Lena Schulte

Jule will glücklich sein. Aber das ist schwer, so viele Leute um sie herum gleichen einem schwarzen Loch, das sie viel zu oft in den Sog des Unglücks zieht. Also geht Jule zu verschiedenen Seminaren und lernt, wie wichtig positive Menschen im eigenen Umfeld sind. Dass sie der Durchschnitt von den fünf Menschen ist, mit denen sie am meisten Zeit verbringt. Und dass sie nur glücklich sein kann, wenn sie sich von der ganzen negativen Scheiße befreit, die sie runterzieht. Und dass das Leben immer jetzt ist. Also raus, raus, alles raus! Und zwar sofort.

Sie startet ihren persönlichen Kreuzzug gegen die negativen Energien und befreit sich. Legt eine Null-Toleranz-Grenze für das Negative fest, will es nicht mehr in ihrem Leben dulden und sich nicht mehr von anderen runterziehen lassen.

Und dann lebt Jule glücklich. Ein paar Monate. Bis sie irgendwann merkt, dass keiner sie mehr so richtig mag. Denn sie ist gnadenlos und gemein gegenüber den anderen geworden. Hat nun kaum noch Verständnis für ihre Probleme mit der Welt und dicht gemacht. Erzählt allen, dass alles mit der richtigen Sichtweise positiv sein kann. Und ohne es zu merken ist aus ihrem Wunsch des Glücks ein kompromissloser Wahn geworden.

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Der Kult der klugen Marketingleute

Sich von negativen Schwingungen anderer zu befreien, klingt erst einmal nach einer logischen Glücksformel. Und jeder, der schon einmal Zeit mit einer passionierten Quelle der Verbitterung verbringen musste, weiß: Es kann noch ein schöner Tag werden, wenn sich der Miesepeter mit seiner Wolke der schlechten Laune verzieht.

Wie können wir selbst glücklich sein, wenn es andere um uns herum nicht sind? Die einfache Antwort, wenn es nach der Psychologin McGurik und ihren Kollegen geht: Gar nicht erst erwarten, immer glücklich zu sein.

Es ist die Erwartung, sich am besten immer glücklich zu fühlen, die ungemeinen Druck aufbauen kann – bis dieser Druck sich in ungünstigen Verhaltensweisen entlädt. Entweder uns selbst gegenüber, oder gegenüber anderen. Wir leben momentan in einer Kultur, in der glücklich sein oft mit einem gelungenen Leben gleichgesetzt wird. Glück wird von klugen Marketingleuten abgekultet und nicht selten belegt es den ersten Platz auf dem „Sinn des Lebens“-Ranking. Glück ist omnipräsent. Kein Wunder, dass das Unglück in diesem Schatten umso bedrohlicher wirkt. Und dass sich unglücklich sein schnell anfühlt, als hätte man versagt.

Kommt mein Glück auch nicht zu kurz?

Ähnlich wie bei Jule kann es schnell passieren, dass so hohe Erwartungshaltungen irgendwann zu weniger emphatischen Reaktionen führen können, wenn das Gegenüber die gute Stimmung mit seiner schlechten Laune scheinbar bedroht. Jules Schutzmechanismus ist nur logisch: Weniger Empathie, Bagatellisieren, zwanghaftes positives Umdeuten. Ist doch alles nicht so wild! Und die Konsequenz des Gegenübers ist auch nur logisch: Entfremdung, Trauer, Wut. Jeder merkt, wenn sein Gegenüber nicht wirklich bei ihm ist, und man für seine Gefühle verurteilt wird.

Gemeinsam mit ihrem Team hat McGuirk in verschiedenen Experimenten  herausgefunden, dass diejenigen Versuchspersonen emotional stabiler waren, die sich von dem kulturellen Druck des Glücklichseins distanzieren können. Je weniger man über das eigene Glück nachdenkt, desto geringer ist die Gefahr, in selbstzerfleischende Gedankenspiralen abzudriften, die alles infrage stellen. Habe ich mich jetzt glücklich genug gefühlt? Müsste ich vielleicht euphorischer sein? Müsste ich diesen Tag mehr genießen? Habe ich den Moment wirklich voll ausgekostet?

Weiterhin zeigen die Versuche: Diejenigen, die viel Wert auf ihr Glück legen, neigen dazu, sich wie Versager zu fühlen, sobald sie sich in Momenten nicht glücklich fühlten, in denen sie sich „eigentlich glücklich fühlen sollten“.

Glück ist mehr als Konfetti in der Kloschüssel

Wenn wir also bemerken, dass unser inneres Befinden ab und zu mal nicht zu unserer äußeren Situation – oder unserem Umfeld – passt und uns das zu schaffen macht, sollten wir uns gedanklich erst einmal locker machen.

Welche Gefühle wann angemessen sind, wird auch kulturell diktiert. Könnte also sein, dass alles nur halb so wild ist und wir uns auch glücklich fühlen dürfen, wenn es anderen schlecht geht – und umgekehrt.

Sich auf einen anderen Menschen einlassen und gute Beziehungen zu pflegen, bedeutet manchmal auch, mögliche Schwankungen auf dem eigenen Glücksbarometer in Kauf zu nehmen. Auch wenn tausend kluge Marketingleute das falsch finden. In einem Zeitalter, in dem am besten jeder freudestrahlend Konfetti kackt, ist Gleichmut vielleicht die Kunst. Zu akzeptieren, dass ein gutes Leben nicht immer nur Überholspur heißt. Dann wirkt das Unglück eines anderen gar nicht mal so bedrohlich.

Wer nicht wie Jule damit beschäftigt ist, unrealistische Erwartungen zu verteidigen, hat mehr Zeit für Empathie und offene Ohren – auch sich selbst gegenüber. Die Gelassenheit hinter einer realistischen Erwartungshaltung hilft anderen wirklich, sich uns öffnen zu können. Ohne Angst, sich wie ein Versager zu fühlen.

Und damit steigen auch für uns die Chancen, dass unsere innere Waage im Gleichgewicht bleibt.

Photo: Man von Anna Issakova / Shutterstock