Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Christina Fischer

„Findest du das nicht ein bisschen kindisch?“ fragte mich meine Mitbewohnerin, als ich ihr mal wieder ein neues lustiges Katzenvideo präsentierte. Sie saß mit unserer anderen Mitbewohnerin teetrinkend am Küchentisch und beide sahen mich verständnislosen an. Ich stand da wie eine Vollidiotin mit dem Laptop in der Hand und einem ersterbenden Grinsen auf dem Gesicht, während die Katze im Video menschenähnliche Geräusche jaulte.

„Aber über die klavierspielende Eule hast du doch auch gelacht …,“ versuchte ich mich zu rechtfertigen.

„Das hast du dir eingebildet. Ich fand das noch nie witzig, um ehrlich zu sein,“ knallte sie mir daraufhin vor den Latz.

Von da an ging es bergab. Die Beweise für meine Unzulänglichkeiten häuften sich. Ich putzte nicht gründlich genug, mein Langschläfertum nervte meine frühaufstehenden Mitbewohnerinnen und Witze aller Art verkniff ich mir ganz, denn stets erntete ich Augenrollen. Ich bemühte mich nach Kräften, nicht mehr negativ aufzufallen, aber ich konnte offenbar nichts mehr richtig machen. War ich vielleicht wirklich faul, unordentlich und langweilig? Meine Mitbewohnerinnen meinten „ja“. Und warum sollten sie sich das ausdenken? Früher waren sie ja immer nett zu mir gewesen. Also wurde ich vorsichtig. Aufmerksam beobachtete ich die beiden, lachte nur, wenn sie lachten. Putzte wie eine Wahnsinnige. Stand früher auf. Kämpfte um ihr Wohlwollen. Gleichzeitig versuchte ich verzweifelt zu ergründen, was mit mir falsch lief. Wenn andere bemerkten, dass das Verhältnis zwischen meinen Mitbewohnerinnen und mir komisch war, log ich. „Die haben grad viel Stress“, sagte ich dann. Und hoffte, dass niemand herausfinden würde, dass ich das faule Ei von uns war.

Wenn Dir die eigene Wahrnehmung komisch vorkommt

Heute kann ich nur selbst den Kopf darüber schütteln, wie sehr ich mich für die beiden verbogen habe. Als ich in der Sache aber noch drin steckte, nahm ich alles anders wahr. Es war als hätte man mein Bild von mir selbst zerrissen, gut durchgeschüttelt und falsch wieder zusammengeklebt. Ich konnte mir selbst, so glaubte ich, nicht mehr trauen. Also hielt ich mich an das – zweifelhafte – Feedback meiner Mitbewohnerinnen. Das, was damals mit mir passierte, und was vielen Menschen ebenfalls im Laufe ihres Lebens passiert, hat einen Namen: „Gaslighting“. Es handelt sich um eine Form des psychologischen Missbrauchs, die ihren Namen von dem Film „Gaslight“ (oder die deutsche Version „Das Haus der Lady Alquist“) erhielt. In dem Film will sich ein Mann die Juwelen seiner Frau unter den Nagel reißen, indem er sie in den Wahnsinn treiben und in die Psychiatrie einweisen lassen will. Um dieses Ziel zu erreichen, sorgt er dafür, dass die Gaslampen im Haus ständig flackern. Immer, wenn seine Frau danach fragt, entgegnet ihr Gatte: „Das bildest du dir ein.“ Wer also „Gaslighting“ betreibt, verändert die Selbstwahrnehmung seines „Opfers“ – Schritt für Schritt, immer ein bisschen mehr.

Woran du „Gaslighting“ erkennen kannst

„Gaslighting“ läuft von Haus aus sehr unterschwellig ab. Bevor man richtig kapiert, was vor sich geht, traut man sich selbst schon nicht mehr über den Weg. Aber es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten können, dass Du gerade „gegaslightet“ wirst. Hier sind drei davon, vor denen Psychologen wie Dr. Robin Stern warnen:

1. Du bist immer schuld

„Du bist immer so empfindlich!“

„Nur, weil Du immer so unachtsam bist.“

„Dass Du auch immer so überreagierend musst!“

Kommen Dir derlei Phrasen bekannt vor? Dann ist möglicherweise Vorsicht geboten. Am Anfang fällt es noch nicht schwer, die Schuld auf sich zu nehmen („Ja gut, ich bin halt auch ein überbesorgtes Frauenzimmer, wahrscheinlich sehe ich das zu eng …“). Aber dies kann der Auftakt zu größeren Schuldeingeständnissen sein. Und schon fängst Du an den Boden Deiner Mitbewohnerin als Wiedergutmachung zu wischen, weil Du Deine Kaffeetasse nicht abgespült hast.

2. Du lügst, um den Gaslighter zu entschuldigen

Die Beziehung zwischen Dir und Deiner Mitbewohnerin/Freundin/Deinem Partner ist seltsam geworden und Du weißt nur: Es muss an Dir liegen (siehe Punkt 1). Bevor Du Dich mit deinen Unzulänglichkeiten auch noch vor anderen blamierst, lügst Du lieber eine Entschuldigung daher.„Die haben grad ganz schlimme Prüfungen“, „Ihm geht es im Moment nicht so gut“, „Die hat grade viel Stress auf der Arbeit“ sagst Du dann vielleicht.

 3. Der Gaslighter zeigt sein wahres Gesicht nur Dir

Meine Mitbewohnerinnen gaben sich vor anderen ganz anders als vor mir. Auf einer Party war das Katzenvideo, das ich damals in der Küche präsentieren wollte, der Renner und meine Mitbewohnerin lachte lauthals. Als ich total konfus sagte „Aber ich dachte, Du findest das überhaupt nicht witzig“, reagierte sie mit: „Das hab’ ich nie gesagt, so ein Unsinn.“ Und wie will man in so einem Moment beweisen, dass alles anders war? Richtig: Gar nicht. Wenn Dir solche Situationen jedoch bekannt vorkommen, solltest Du hellhörig werden.

Wie Du die Gaslampen ausknipsen kannst

Das Schwierigste am Gaslighting ist leider, überhaupt zu realisieren, was vor sich geht. Hast Du den Gaslighter jedoch einmal durchschaut, kannst Du Dich wehren. Und zwar so:

1. Überwinde Deine Scham

Gaslighter wollen Dich klein machen. Du sollst Dich schämen und Dich zu Ihren Füßen winden. Wenn Du Dich also tatsächlich dort wiederfinden solltest, beiße beherzt in den großen Zeh: Sprich die Manipulation offen an. Gaslighter ziehen zwar gern die Strippen hinter der Bühne, aber im Rampenlicht verlässt sie oft der Mut.

2. Sammle Zeugen

Es wäre vielleicht etwas weit gegangen, eine Tonaufnahme davon zu machen, wie meine Mitbewohnerin mein Katzenvideo schlecht redete. Wäre aber noch eine neutrale Person im Raum gewesen, hätte ich einen Zeugen gehabt und sie wäre auf der Party in Erklärungsnöte gekommen. Gaslighter lassen die Gaslampen nur flackern, wenn sie alleine mit Dir sind. Gib’ ihnen keine Gelegenheit dazu … oder sei besonders auf der Hut, wenn sich das mal nicht vermeiden lässt.

3. Vertraue Dir wieder

Spätestens, wenn Dir klar ist, dass du Opfer von Gaslighting wurdest, solltest Du wieder daran arbeiten, Deiner Wahrnehmung zu vertrauen. Egal, was Du fühlst – alles ist richtig. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung, keines ist „falsch“. Löse Dich wieder von den Ansichten, die Dir der Gaslighter eingeimpft hat. Ein Mittel dazu könnte etwa die Meditation sein. Oder ein Gespräch mit einer Dir nahestehenden Person oder einem Psychologen

Gaslighter nutzen Bedürfnisse aus, die jeder von uns hat: Unsere Sehnsucht nach Angenommensein, Zuneigung, Bestätigung. Dies sind die Stellen, an denen wir empfindlich sind und genau dort setzt Gaslighting an. Du sollst lernen, dass Du nicht in Ordnung bist. Und was wir erst einmal gelernt haben, verlernen wir nicht mehr so leicht. Je mehr Selbstvertrauen wir tief in uns aufbauen können, desto fester stehen wir auf unseren Füßen, wenn uns ein Gaslighter verunsichern will. Ich wünsche Dir (und mir), dass Dir eine solche Erfahrung erspart bleibt.

Aber wenn doch einmal die Gaslampen anfangen sollten zu flackern: Schalt’ die verdammten Dinger einfach aus. Es ist Dein Haus, in dem sich der Gaslighter rumtreibt. Und Du weißt, wo der Schalter ist.

Mehr unter 5 Dinge, die manipulative Menschen tun und 6 Gründe, warum Du auf einen Narzissten reinfällst.

Photo: Caio Jhonny