Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Ungefähr eine Stunde lag ich in dieser Badewanne. Es war nicht das erste Mal an diesem Tag. Ich musste inzwischen verschrumpelt ausgesehen haben sein wie ein Hundertjähriger, davon bekam ich aber nichts mit. Den Laptop hatte ich, während ich badete, auf den Klodeckel gestellt. Aus ihm (dem Laptop, nicht dem Klo, um Himmels willen) kamen Stimmen, die mir sagten, ich solle mich entspannen und positiv denken, dann solche, die mich hypnotisieren wollten, und dann wieder welche, die mir befahlen, dieses und jenes zu tun um erfolgreicher zu werden.

Das Badewasser war warm, ich ließ regelmäßig neues ein. Viel wärmer als mein Herz. Mehrmals täglich suchte ich diese Wärme, die ich mir selbst nicht geben konnte. Und meistens hörte ich mir dabei eben Audios zur Persönlichkeitsentwicklung an. Audios, mit denen ich mich verbessern wollte, um irgendwann hoffentlich gut genug zu sein, liebenswert genug, um von den Menschen geliebt werden zu können. Liebe war etwas, das mir anscheinend sehr fehlte, in diesen Zeiten, in denen ich mein Bett fast nur verließ, um in den Buchladen zu gehen oder in die Apotheke, um neue Pickelcremes und Abdeckstifte zu besorgen.

Wie uns Persönlichkeitsentwicklung und Ziele in die Irre führen können

Auf die „Persönlichkeitsentwicklung“ setzte ich jedenfalls alles. Mir ihr vertrieb ich mir nicht nur die einsamen Stunden und Tage und Wochen und Monate. Vor allem ließ sie mich hoffen auf ein lebenswertes Leben, irgendwann. Wenn ich je liebenswürdig genug werden könnte, dann nur auf diesem Weg: Ziele setzen und erreichen, Menschen beeinflussen und meine Gedanken und Gefühle kontrollieren lernen. Ständig suchen und hart an mir arbeiten. Mich reparieren wie ein zerfleddertes altes Kissen, mit dem sich niemand mehr ins Bett legen möchte. Perfekt werden, so ganz anders, als ich gerade war; pickellos, nicht mehr zu dünn, nicht mehr an den Fingernägeln kauend, reich, beliebt.

Vielleicht liest Du gerade auf myMONK.de, weil’s Dir genauso geht wie es mir ging. Weil Du Dich verbessern möchtest. Weil Du glaubst, nicht gut genug zu sein, wie Du bist und aussiehst und was Du hast.

Dieser Weg führt jedoch in die Irre: mit jedem Meter, den Du „vorankommst“ entfernst Du Dich von Dir und von echtem Wachstum. Mit jedem Ziel, das Du setzt, mit jeder Meditation, die Dich Deine Schmerzen und Unruhe glattbügeln soll, mit jedem Buch, das Du liest, um Dich zu verändern. All das verstärkt nur Dein Gefühl, nicht auszureichen. Jeder Sieg, der so errungen das Ego aufbläht, macht uns anfälliger für den unvermeidlichen Nadelstich, der den Erfolg platzen und uns in ein tiefes Loch fallen lässt.

Heilung / Ein neues Leben

Anstatt weiter zu rennen, immer weiter weg von mir, blieb ich nach vielen, vielen Jahren stehen. Ich begann, mich und mein Leben mit offenen statt missmutig zugekniffenen Augen anzuschauen. Ich begann zu lernen, dass ich gut bin, wie ich bin. Da begann ich zu heilen – das Wort Heilung steht ja für „ganz werden“ oder „eins werden“.

Dir fehlt nichts. Du brauchst bloß annehmen, was ist, und wie Du bist. Dann bist Du ganz.

„Leben ist leiden“, sagen die Buddhisten. Sie sagen aber auch: es gibt einen Ausweg aus diesem Leiden. Und der besteht nicht darin, ein Leben ohne Schmerzen, Krankheiten und Stress zu suchen, sondern alles anzunehmen – lachen und weinen, Stille und Schreie, Siege und Niederlagen, leben und sterben.

Nehmen, was kommt – komme, was will. Nicht kämpfen, nicht darin versinken, sondern beobachten und Frieden schließen.

Stell Dir vor, was passiert, wenn Du aufhörst, zu suchen, und stattdessen etwas findest, das viel mehr Wert ist als jede Medaille, jede Anerkennung und jedes Geld der Welt: Dich selbst und Deine Heilung.

Sobald Du Dich und Dein Leben annimmst:

  • kannst Du Dir erlauben, wirklich Du selbst zu sein – Du liebst Dich als ganzen Menschen und bist viel unabhängiger von der Meinung anderer
  • zieht Dein Leben nicht mehr an Dir vorbei, während Du auf eine bessere Zukunft wartest
  • ist immer alles da, was Du brauchst
  • musst Du Dich nicht mehr bis zur völligen Erschöpfung abstrampeln und Dinge zu tun, die Du hasst, nur um Dir irgendwelchen Kram leisten zu können, der Dich ohnehin nicht oder nur für kurze Zeit glücklicher macht
  • musst Du keine Dinge lernen oder erleben, die Dir eigentlich gar nichts bedeuten
  • kannst Du glücklich sein und dankbar für alles, das Du bist und hast, statt immerzu unzufrieden zu sein über das, was Dir vermeintlich fehlt

Ist das nicht unendlich befreiend?

Ja, das Leben wird dann weiterhin Freude und Schmerzen liefern. Doch werden wir dabei langsam, in kleinen Schritten, immer mehr so, wie Buddha es beschrieb:

„Ruhig wie ein tiefer See mit ungetrübtem Wasser ist der Weise mit seiner heiteren Klarheit.“

Wind und Hagelkörner mögen uns von Zeit zu Zeit aufpeitschen, doch bleiben wir dabei immer dasselbe Wasser, und immer kehren wir zur Ruhe zurück.

Auch heute bade ich übrigens noch gern. Inzwischen aber nicht mehr mit dem Ziel, besser zu werden oder einen bestimmten Zustand zu erreichen. Denn heute bade ich immer häufiger – und zwar in innerem Frieden. Ganz egal, wo ich bin, und was ich tue.

Und dieser innere Frieden, der wartet auch auf Dich.

Nicht nach dem nächsten Ziel.

Sondern jetzt, wenn Du erkennst:

Du bist schon perfekt.

P.S.: Siehe auch Warum die meisten Ziele sinnlos sind (selbst wenn Du sie erreichst)

Inspiriert von: zenhabits.net //   Photo: János Csongor Kerekes