Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Da scheint’s einen Konflikt zu geben, der mich schon lange beschäftigt, und Dich ja vielleicht auch. Einerseits heißt es immer: „Akzeptiere Dich selbst, liebe Dein leben wie es jetzt ist!“. Andererseits: „Setz Dir Ziele, werde besser, lebe besser in allen Belangen, gib Dich nicht zufrieden mit dem, was Du schon hast! Was nicht wächst, das verkümmert!“. Akzeptanz und Selbstliebe als Gegenteil zu Zielen und Wachstumsstreben.

Sollen wir also nun alles gut finden wie’s ist, chillig wie ein Hippie von Luft und Liebe leben und nur noch dasitzen und zuschauen, wie unsere Fußnägel wachsen und so lang werden, dass wir im Teppich hängen bleiben, wenn wir doch mal aufstehen müssen, weil der Blasen-Katheter voll ist, den wir uns aus Bequemlichkeit zugelegt haben?

Oder sollen wir immer in Bewegung, immer auf der Jagd sein, uns selbst und unser Leben verändern, immerzu, wie der Juppie, der nie stehenbleibt, nie zufrieden ist mit sich und dem, was er hat, der immer rennt, bis er tot umfällt (mit ner Rolex am durchtrainierten Arm), weil er eben mit dem Hier und Jetzt nie im Reinen ist.

Also:

Akzeptanz und Liebe

oder

Selbstkritik und Hiebe

… was denn nun?

Von diesem Was-denn-nun handelt dieser Text. Vom Konflikt zwischen Akzeptanz und Zielen, der mich schon so manches Mal in die eine Richtung geschleudert hat und dann wieder in die andere, zwischen innerem Frieden, hey passt schon hier, und Motivation, ney weg hier! Je mehr man sich akzeptiert, umso weniger motiviert ist man, und je weniger man sich akzeptiert, umso motivierter. Oder? Am Ende hat man sich bei diesem faulen Kompromiss weder selbst völlig akzeptiert, noch mit aller Kraft an sich und seinem Leben gearbeitet.

Das ist ein Konflikt, der gar keiner sein muss.

Nein, wir müssen uns weder bewegungslos hinter der Akzeptanz verstecken, noch müssen wir uns permanent bis zum bitteren Ende fertig machen und abhetzen, nur weil und unser Leben nicht perfekt sind … und auch nie sein werden.

Was akzeptieren wirklich bedeutet

Lass uns zuerst schauen, was akzeptieren eigentlich bedeutet. Nur wenn wir das verstehen, lässt sich der Konflikt auflösen.

Akzeptieren bedeutet:

  • Wir sehen uns wie wir jetzt sind, mit all unseren Bedürfnissen, Stärken und Schwächen,
  • wir sehen unser Leben wie es jetzt ist, mit allem was wir daran gut und weniger gut finden und
  • wir fühlen, was wir jetzt fühlen,
  • mit offenen Augen und offenem Herzen, ohne Widerstand.

Wenn wir akzeptieren, versöhnen wir uns mit der Vergangenheit und dem Heute. Wir haben in der Vergangenheit getan, was wir tun konnten. Hätten wir mehr tun können, hätten wir es wohl getan. Wir alle wollen doch, dass es uns so gut wie möglich geht. Selbst wenn wir uns eigenhändig sabotieren, indem wir zum Beispiel „faul“ sind, tun wir das nur, um uns zu schützen. Etwa vor der Anstrengung oder der drohenden Enttäuschung, wenn wir scheitern würden.

Akzeptieren bedeutet hingegen nicht:

  • alles toll finden müssen, wie es jetzt ist (wir werten zunächst mal gar nicht, weder in die eine, noch in die andere Richtung)
  • alles für immer so lassen müssen, wie es jetzt ist

Richtig wachsen kann nur, wer sich akzeptiert

Akzeptanz ist kein Stillstand, eher eine Ausgangssituation.

Wir können schließlich auch akzeptieren, dass:

  • es uns in Zukunft, unter anderen Bedingungen besser gehen könnte
  • Wachstum zu unseren Grundbedürfnissen als Mensch zählt

Außerdem wandelt sich das Leben ohnehin. Auch ohne unser Zutun müssen wir immer wieder mit neuen Umständen klar kommen, sie für den Moment akzeptieren – und allein daran wachsen wir doch schon, indem wir mehr und mehr lernen, im ersten Schritt alles zu akzeptieren, was uns das Leben vor die Füße wirft.

Wenn es regnet und wir unterwegs sind, dann regnet es nun mal. Wenn wir im Regen so tun, als würde die Sonne scheinen, werden wir – Überraschung! – definitiv nass. Wenn wir akzeptieren, dass es regnet, können wir ihn aushalten oder einen Unterschlupf suchen.

Akzeptanz kann also Hand in Hand mit Zielen gehen. Ohne jetzt zu akzeptieren, wie die Dinge sind, lassen sie sich für die Zukunft nicht bewusst ändern.

Denken wir an die Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird, immer wenn er besoffen ist und seine Fußballmannschaft verliert oder ihm ein Furz quersitzt, und diese Frau, ja, will das gar nicht so recht sehen und fühlen, wie Scheiße die Situation ist, wie schlecht ihr Mann sie behandelt und wie schlecht es ihr damit wirklich geht. Erst in dem Moment, wo sie den Widerstand gegen die Wahrnehmung dessen überwindet, was nun mal Sache ist; wenn sie ihren Schmerz, ihre Trauer und Wut zulässt; wenn sie ihre Anker in der Realität auswirft … erst dann kann sie etwas ändern. Vorher fehlen ihr Problem-Bewusstsein und Motivation.

Denken wir an den überdicken Mann, der sich kaum noch bewegen kann und nur noch auf der Couch hockt, Fußball schaut und Bier in sich hineinkippt wie in ein Loch, und der so extrem frustriert über diesen Zustand ist, den er sich gar nicht eingestehen will, dass sich sein Frust dort Bahnen bricht, wo er es auf keinen Fall tun sollte: bei seiner Frau, die blaue Flecken in Form seiner Hände mit sich herumtragen muss. Erst wenn der überdicke Mann erkennt, wie unglücklich er über seinen körperlichen Zustand ist – und dass er ihn selbst hervorgerufen hat und nur selbst wieder geraderücken kann, vielleicht auch mit professioneller Hilfe … erst dann kann er etwas ändern. Fehlen ihm doch zuvor Problem-Bewusstsein und Motivation.

Der berühmte Psychotherapeut Carl Rogers sagte „nur wenn wir uns selbst akzeptieren, können wir uns auch verändern“. Das gilt für unser äußeres Leben genauso.

Wir können uns am besten selbst lieben und am besten für uns selbst sorgen, wenn wir uns akzeptieren und sehen, welche Bedürfnisse gerade nicht erfüllt sind, die wir aber durch einen anderen Umgang mit uns oder durch ein anderes Handeln besser erfüllen können.

Akzeptieren wir uns nicht, verharren wir entweder setzen uns blind Zielen, wie sie sich viele Menschen setzen. Ziele, die uns alles und mehr abverlangen, aber überhaupt nicht zu uns passen – und kein Bisschen glücklicher machen, auch wenn sie uns vielleicht Anerkennung von anderen einbringen (geile Rolex, Mann). Falls uns ein erreichtes Ziel doch mal weiterbringen sollte, ist das ohne Selbstakzeptanz nur Zufall. Meistens wachsen wir dabei nicht, sondern VERwachsen wie Quasimodo.

Ehrliche und für uns gute Ziele basieren damit immer auf Akzeptanz: darauf, wie wir wirklich sind, was wir wirklich haben, und was wir wirklich brauchen.

Welche bessere Basis gibt es denn, was könnnte uns mehr Kraft geben, unser inneres und äußeres Leben in die Hand zu nehmen als die liebevolle Akzeptanz?

Warum überhaupt Ziele setzen, wenn wir alles akzeptiert haben?

Wir haben bisher gesehen, dass wir uns und die Dinge erst akzeptieren müssen, wenn wir bewusst etwas verändern wollen – indem wir uns Ziele setzen, die uns wirklich wachsen lassen, damit wir nicht stecken bleiben oder VERwachsen. Nur dann werden uns Ziele zufriedener machen können. Und nur dann werden wir in Zukunft noch leichter akzeptieren lassen, wie wir sind und wie unser Leben ist.

Es gibt zwei Gründe, sich Ziele zu setzen:

  • 1. Wir wollen flüchten vor uns selbst und dem Leben, das wir führen. Wir glauben, nicht gut genug zu sein und dass wir endlich irgendwann gut genug sein können, wenn wir nur genug erreichen (Abschlüsse, Kontostand, Connections, …). Setzen wir uns aus diesem Grund Ziele, dann wollen wir die Akzeptanz überspringen. Wir suchen verkrampf im Außen und entfernen uns mehr und mehr von unserem wahren Wesen. Nie erreichen wir so inneren Frieden.
  • 2. Wir wissen, dass wir gut genug sind. Wir setzen uns trotzdem Ziele, weil wir uns ausgehend von unserer Akzeptanz und Selbstliebe, von unserem inneren Frieden ein schönes Leben machen und vielleicht auch der Welt etwas zurückgeben möchten. Dadurch erleben und verwirklichen wir mehr und mehr unser wahres Wesen.

Wenn Du Dich zur ersten Gruppe zählen würdest, dann wäre
anhalten,
still sein,
tief durchatmen,
Dich und Dein Leben akzeptieren lernen
vielleicht eine gute Idee.

Zählst Du Dich zur zweiten Gruppe, dann könnten Ziele genau das Richtige sein, um Dich auszudrücken und bewusst zu wachsen.

Auf dem Weg, mit innerem Frieden

Wie geschrieben tun uns Ziele, die auf Akzeptanz beruhen, in der Regel gut. Wir haben sie danach ausgewählt, was uns wichtig ist, was zu uns passt und was wir leisten können, ohne uns auf dem Weg zum Ziel kaputt zu machen.

Hier noch ein paar Gedanken zur Auswahl der Ziele und für den anschließenden Weg:

  • Manchmal heißt wirklich wachsen, dass wir in einem Bereich nicht weiter wachsen oder sogar schrumpfen müssen. Indem wir demütiger werden gegenüber allem, was wir nicht beeinflussen können. Statt uns nur immer potenter zu fühlen, lernen wir, dass alles was steigt irgendwann auch wieder fällt. Alles ist vergänglich. Oder wir schrumpfen im Außen, indem wir den gutbezahlten Job an den Nagel hängen – um zwar weniger Geld, aber mehr Zeit zu haben.
  • Es kann schwer sein, ein Ziel zu verfolgen, ohne auf Dauer von ihm gefangen genommen zu werden und kaum noch akzeptieren zu können, dass wir es noch nicht erreicht haben. Dann helfen (mir) Ruhephasen, Spaziergänge im Park, Meditieren oder Zeit mit Menschen, die ich mag. Wie Buddha über den mittleren Pfad schrieb: „Spannst Du eine Saite zu stark, reißt sie. Spannst Du sie zu schwach, kannst Du nicht auf ihr spielen“. So setzen wir uns Ziele, nicht zu viele, nicht zu wenige.
  • Um nicht aus der Akzeptanz zu fallen und vom Ego und den Dingen vereinnahmt zu werden, können wir uns auch immer wieder auf folgenden Klassiker besinnen: „Der Weg ist das Ziel“.
  • Wahres Wachstum hat wenig mit äußeren Ergebnissen zu tun. Statt uns messbaren Zielen im Außen zu verschreiben, können wir uns auch in den Dienst von Prinzipien stellen. Wenn Dein Ziel ist, Liebe zu geben und Menschen zu helfen, spielt es keine Rolle, ob das Leben Dir gerade Sekt oder Selters einschenkt. Dadurch löst Du Dich von der Identifikation mit äußeren Geschehnissen: Du bist nicht Dein Job, nicht Dein Einkommen, nicht Dein Status, nicht Deine Trophäen, nicht Deine Beliebtheit.
  • Solche Prinzipien helfen uns dabei, das Wachstum zu erlangen, das aus meiner Sicht wirklich zählt: ein wachsendes Bewusstsein. Siehe Die 17 Bewusstseins-Stufen.

So, nun wünsche ich Dir einen angenehmen Weg. Einen Weg, auf dem Dir immer wieder innerer Frieden gewahr wird.

Die heutige Frage in die Runde: Wie geht ihr mit dem scheinbaren Widerspruch zwischen Akzeptanz/Selbstliebe und Zielen/Wachstum um?

 

Photo: Hartwig HKD