Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Kinder unter sechs Jahren schauen durchschnittlich zwei Stunden täglich Fernsehen und Videos. Zwischen acht und 18 Jahren sind es sogar vier Stunden und zusätzlich zwei Stunden am Computer, Tablet und Smartphone.

Viereckige Augen bekommen sie davon nicht. Dafür aber üble Stimmungsschwankungen, Depressionen sowie ernsthafte Motivations- und Schlafprobleme.

Dr. Victoria Dunckley hat als Kinderpsychiaterin eine Menge Kinder gesehen, die kraftlos sind oder komplett überdreht, die angeblich oder tatsächlich ADHS haben, soziale und schulische Probleme, die bipolar und sonst wie „gestört sind“, die ihren Kopf gegen die Wand hauen oder in den Sand stecken, die sich ihren eigenen Namen kaum noch merken können – dafür aber, wie alle möglichen technischen Geräten angehen.

In ihrem Buch „Reset Your Child’s Brain“ berichtet sie von den vielen Versuchen, diesen Kindern mit Therapien und Medikamenten zu helfen. Davon, dass diese Versuche oft nicht fruchten. Und davon, dass die Lösung – oder zumindest die Grundlage für eine Lösung – häufig ganz woanders liegt. Aufgrund ihrer Erfahrung rät sie Eltern, ihr Kind „elektronisch fasten“ zu lassen, damit sich deren Nervensystem „neu starten“ kann. Hinterher sollen, sofern sie noch nötig sind, auch die klassischen Behandlungen deutlich besser wirken (in der Regel sind dann zudem weniger Medikamente nötig).

Das Fasten tut aber auch all jenen Kindern gut, die noch nicht besonders auffällig geworden sind. Ihr Schlaf wird besser, ihre Stimmung hellt sich weiter auf, sie sind ausgeglichener, können sich besser konzentrieren und leichter mit Stress sowie mit anderen Menschen umgehen, bewegen sich mehr, gehen lieber in die Natur, und entwickeln eine stärkere Vorstellungskraft.

Das elektronisch Fasten mag nicht alle Probleme lösen, räumt Dunckley ein, doch es ist eine äußerst wirkungsvolle Maßnahme. Nach der Fastenzeit können die Eltern sorgsam prüfen, wie viel Zeit vorm Bildschirm die Kinder verbringen können, ohne dass ihre Symptome wiederkehren.

Warum den Stecker zu ziehen so heilende Kräfte hat? Weil die physiologischen Störungen, die Bildschirme hervorrufen, entfallen und sich das Gehirn des Kindes erholen kann. Das reagiert nämlich viel empfindlicher auf die Elektronik, als uns oft klar ist. Schon eine kleine Dosis kann den Kopf des Kindes tüchtig durch den Reißwolf drehen – und zwar ebenfalls dann, wenn es „nicht nur passiv vorm Fernseher hängt“, sondern auch, wenn es vermeintlich „vooolll interaktiv und spielerisch mit Apps lernt“.

Bei Psychology Today schreibt die Kinderpsychiaterin von sechs Wegen, wie Bildschirmzeit das Hirn stört.

1. Bildschirme drehen an der inneren Uhr und behindern den Schlaf

Das Licht von Bildschirmgeräten simuliert das Tageslicht und unterdrückt Melatonin, das dem Körper als Schlafsignal dient und von der Dunkelheit getriggert wird. Bereits ein paar Minuten des blauen Technik-Lichts können die Freisetzung des Melatonins ums Stunden verschieben und so die innere Uhr verstellen. Mögliche Folgen: hormonelle Ungleichgewichte, entzündliche Prozesse im Gehirn, ausbleibender Tiefschlaf, jener Schlaf, in dem wir verarbeiten und heilen.

(Siehe auch: Warum Du so schlecht schläfst)

2. Bildschirme desensibilisieren das Belohnungssystem des Gehirns

Schon der kleinste Mensch kann die größte Sucht haben. Zum Beispiel nach Computerspielen. Denn diese setzen Botenstoffe im Hirn frei, die sich guuuut anfühlen. Insbesondere Dopamin. Unterm Hirnscan schaut ihre Wirkung genauso aus wie Kokain. Doch je mehr sich das Kind dem aussetzt, desto eher veröden die zur Belohnung führenden Pfade im Gehirn. Mehr und mehr Stimulation wird dann nötig, um Freude zu empfinden. Weil Dopamin auch für Motivation und Fokus entscheidend ist, nun aber immer weniger wirkt, macht die Technik das Kind „faul“ und konzentrationsschwach.

3. Bildschirmlicht in der Nacht macht depressiv

Einer Vielzahl an Studien zufolge erhöht abendliches und nächtliches Licht aus elektronischen Geräten das Risiko für Depressionen und Suizide (wobei sich natürlich die wenigsten kleinen Kinder absichtlich umbringen). Dieser Zusammenhang wurde in Experimenten mit Tieren sogar dann bestätigt, wenn diese nicht direkt auf das Gerät schauten, das Licht im Raum allein reichte aus. Im Schlafzimmer des Kindes sind Fernseher wie auch Nachtlichter daher nur mit großer Vorsicht zu genießen. Die Dunkelheit lässt das Kind nicht verzweifeln – sie schützt es.

4. Bildschirme lösen Stressreaktionen aus

Zeit vor Bildschirmen entspannt das Kind nicht, wie wir vielleicht gern annehmen (um selbst ein bisschen entspannen zu können) – sie stresst sie. Das Hormon Cortisol setzt sich bei chronisch werdendem Stress im Körper fest, verunsichert, macht ängstlich, aufgedreht, anfälliger für Süchte. Außerdem verringert es die Aktivität im Frontallappen des Gehirns, jener Region, in der die Stimmungsregulation stattfindet.

5. Bildschirme überfordern das sensorische System, zersplittern die Aufmerksamkeit und beuten die mentalen Reserven aus

Experten zufolge liegt die Ursache von impulsivem und aggressivem Verhalten eines Kindes oft daran, dass es sich nicht fokussieren kann. Wer nur schlecht aufmerksam bleiben kann, ist schneller von dem überfordert, was außerhalb und innerhalb von ihm passiert. Auf diese Weise können kleinste Anforderungen riesig werden, die mentalen Kräfte erschöpfen sich zunehmend. Das Problem verschärft sich umso mehr, je mehr die Technik das Kind mit sensorischen Reizen überlastet. Um kurzzeitig noch die letzten mentalen Reserven aufzubringen, rastet das Kind aus, Ärger wird so zu seinem Bewältigungsmechnismus.

6. Bildschirme reduzieren körperliche Aktivitäten und Zeit draußen

Wer zuhause daddelt oder glotzt, ist in dieser Zeit nun mal zwangsläufig nicht draußen, nicht an der frischen Luft, nicht in Bewegung. Doch genau diese Aktivität regeneriert unsere Aufmerksamkeit, baut Stress und Aggressionen ab.

Alternativen zum elektronischen Fasten

Wer Angst hat, dass sein inzwischen unberechenbar gewordenes Kind ihn erschlägt, wenn er einfach so den Stecker für einige Wochen zieht, kann dennoch einiges tun. Der Minimalist Joshua Becker von Becoming Minimalist gibt Eltern dafür unter anderem die folgenden Tipps:

  • Vorbild sein. Kinder lernen sehr viel mehr durch das Verhalten ihrer Eltern als durch ihre Worte. Sehen sie die Eltern lesen, greifen sie selbst eher zu einem Buch.
  • Eltern sein. Eltern müssen Entscheidungen treffen. Zuweilen auch unpopuläre. Gut ist jedoch stets, wenn sie ihrem Kind das Warum erklären.
  • Bildschirmzeit begrenzen. Zum Beispiel nur eine halbe Stunde Videoschauen am Abend für ein kleines Kind.
  • Bildschirm aus beim Essen. Zwei Drittel aller jungen Menschen berichten, zuhause würde der Fernseher bei gemeinsamen Mahlzeiten laufen. Da kann man doch ansetzen! Und die Zeit für den nächsten Punkt nutzen:
  • Sprechen. Viel sprechen. Was bewegt das Kind? Was braucht es? Gibt es vielleicht Gründe, warum es sich vorm Fernseher ablenken will?
  • Raus gehen statt raus schicken. Gemeinsam was in der Natur unternehmen, statt nur darauf zu beharren, dass das Kind doch bitte rausgehen und mit Torben-Malte und seinem naturbelassenem Holzspielzeug spielen soll.

So. Ich geh jetzt erst mal ne Runde Fernsehen. Solange ich noch kein Papa/Vorbild bin, muss ich das ausnutzen.

Frage an alle Eltern: Wie geht ihr mit dem Thema um, wie viel Zeit vorm Bildschirm erlaubt ihr eurem Kind?  Freue mich über Kommentare!

 

Siehe auch: Forschung zeigt: DAS macht Liebe mit dem Gehirn eines Kindes.

 

Photo: anthony kelly