„Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben. Aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir ihm selber zu geben imstande sind.“
– Hermann Hesse

Ich bin nicht so der Typ, der sich ewig den Kopf zerbricht über Fragen, auf die’s aus meiner Sicht ohnehin keine klare, sichere Antwort geben kann. Aber ich kenne das Gefühl, dass das Leben – oder mein Leben – sinnlos ist, irgendwie leer: immer wieder derselbe Kram, die Sonne geht auf und wieder unter, wir verdienen Geld und geben es wieder aus, bekommen Kinder oder auch nicht und sind in spätestens 100 Jahren tot und vergessen. Warum überhaupt noch was anderes machen, frag ich mich dann, als ein Bier auf und dann ab ins Bett und einfach nur rumhängen und abwarten. Naja, und in solchen Zeit zerbreche ich mir dann doch lieber mal den Kopf, als unter der Last der Sinnlosigkeit zusammenzubrechen.

Das Zitat von Hesse find’ ich schon mal gut als Ausgangspunkt: ich kann mir gut vorstellen, dass das Leben keinen höheren Sinn hat, objektiv. Dass wir’s aber so gestalten können, dass es trotzdem sinnvoll ist und sich auch so anfühlt.

Aber es ist halt nur ein kurzes Zitat und wirft mindestens genauso viele Fragen auf, wie es beantwortet. Vor allem sind das zwei Fragen:

  1. Was bedeutet „Sinn“ überhaupt?
  2. Wie kann man dem Leben denn mehr Sinn geben?

Was „Sinn“ wirklich bedeutet

Der Philosoph Wilhelm Schmid beschreibt Sinn in seinem Buch „Glück“ ungefähr so (nie habe ich etwas Besseres zu diesem Thema gelesen):

Etwas „macht Sinn“ für uns, wenn wir einen Zusammenhang erkennen. Wenn einzelne Menschen, Entscheidungen und Reformen, Erfahrungen und Erlebnisse irgendwie aufeinander bezogen werden können – statt isoliert zu sein, jedes für sich, ohne Zusammenhang.

So, wie auch ein Satz nur dann für uns Sinn macht, wenn seine einzelnen Bestandteile, die Wörter, in einem Zusammenhang stehen, den wir verstehen.

Wie beim sinnvollen Satz:

„Mutter kochte Reisbrei, und es schmeckte den Kindern.“

gegenüber dem sinnlosen:

„Mutter den und schmeckte kochte Reisbrei es Kindern – und der Reisbrei sprang nach rechts.“

Wenn uns das eigene Leben so vorkommt wie weiter nach rechts springender Reisbrei, also total sinnlos, dann können wir kaum glücklich sein.

Anders, wenn wir Reisbrei kochen und wissen, warum wir das tun: damit unsere Kinder satt und groß und stark werden. Und: weil wir unsere Kinder lieben, mit ihnen verbunden sind, zusammenhängen.

Als sinnvoll können wir also empfinden, was nicht zusammenhanglos, sondern aufeinander abgestimmt ist. Mehr oder weniger geordnet, aber auf jeden Fall zusammenhängend.

Eine tiefe Beziehung zu einem Mitmenschen, die einen starken Zusammenhang zwischen uns erzeugt, lässt uns Sinn empfinden, ebenso die Beziehung zu einer Gemeinschaft, einer Katze, einem Ding, oder Gott oder dem Universum, oder unserer Arbeit … ja, sogar zu uns selbst.

Und anders herum fehlt der Sinn, wenn:

  • uns schlimme Dinge aus dem alles andere als heiteren Himmel zustoßen
  • uns die Leute fremd sind, von denen wir umgeben sind, oder wir zu wenige Menschen in unserem Leben haben
  • wir keinen Zusammenhang zwischen unserer Arbeit und irgendetwas anderem sehen, außer dem monatlichen Geldeingang auf dem Konto
  • wir uns selbst wenig kennen und nicht verstehen, was mit uns, in unserem Herz und Kopf abgeht

Erscheint uns etwas als sinnlos, muss es deswegen längst nicht sinnlos sein. Wir erkennen den Sinn vielleicht nur gerade nicht. Wie bei einem scheinbar wirren Satz in einer fremden Sprache, die wir nicht beherrschen … vielleicht ist es aber auch einfach sinnlos, das kann natürlich auch sein.

5 Wege, dem Leben mehr Sinn zu geben

Okay, schauen wir uns an, wie wir mehr Zusammenhänge herstellen und damit dem Leben mehr Sinn verschaffen können.

#1 Sinne einsetzen

Sinnlich ist sinnvoll.

Über unsere Augen, Ohren, Nase, Zunge und die Haut treten wir mit der Außenwelt in Verbindung … in die Verbindung, die uns erst Zusammenhänge zwischen uns und allem anderen wahrnehmen lässt.

Wenn wir essen, merken wir, wie unser Lieblingsgericht essen, sagen wir Spaghetti arrabiata auf uns treffen – wir sehen sie, riechen sie, schmecken sie (Siehe: Wie man seine Achtsamkeit mit einer Rosine oder einem Stück Brot trainieren kann) – verbinden wir uns mit Nudeln, die, würden wir sie nicht essen, vielleicht sinnlos im Topf liegen würden und mit denen wir nichts zu tun hätten.

Dasselbe gilt natürlich für alle anderen sinnlichen Erfahrungen. Bäume anschauen, Bäume umarmen, an Bäumen riechen, Bäume essen … äh, nee, das nicht, kannste mir glauben. Früchte von Bäumen essen! Sex (lass Dich aber besser nicht mit einem Baum erwischen, bin mir nicht sicher, wie da die Rechtslage ist). Oder dem Vogel zuhören, der auf dem Baum sitzt und singt. Oder der Eintagsfliege, die schwirrt und surrt, als gäbe es kein Morgen.

Wir können auch weiter gehen, und das Lieblingsgericht nicht nur achtsam essen, sondern über den Verzehr hinaus Verbindungen herstellen. Was genau ist da alles drauf, auf dem Teller (vielleicht kochen wir es auch gleich selbst)? Wo kommen die Dinge wohl her, auf welchem Baum sind die Nudeln gewachsen, wer hat den Baum gepflanzt und die Ernte eingeholt und wie kam die Sättigungsbeilage dann in unser Land, unsere Stadt, unseren Supermarkt?

Statt uns etwas aus der Mikrowelle noch heiß den Schlund herunter zu kippen, ohne zu wissen, was genau, und warum, und wie es schmeckt, und was es in unserem Körper bewirkt (Zusammenhänge!) …

Auch jedes Mal, wenn wir spazieren gehen, in uns hineinspüren und den Körper bewusst wahrnehmen und wie der Stuhl am Hintern drückt oder die Socke kneift, jedes dieser Erlebnisse kann dem Leben Sinn geben.

Wenn auch nur für kurze Zeit.

#2 Mit sich selbst befreunden

Sich mit sich selbst befreunden heißt: kennen lernen, wer man ist, und sich dann trotzdem mögen.

Die eigenen Stärken und Schwächen kennen, wissen, wie man auf was reagiert, was einem wie wichtig oder wie unwichtig ist. Für sich da sein, wenn man einen Freund braucht. Sich selbst zuhören, in sich hinein hören, statt mit Alkohol und Schnauze-ihr-Gedanken-und-Gefühle-da-drin von sich in Ruhe gelassen werden wollen. Auf die Beine helfen, statt Beine stellen. Vergeben statt vergelten. Pausen gönnen. Eine schöne Zeit bereiten. Und all die anderen Dinge, die einen guten Freund ausmachen.

Dann nämlich erkennen wie Aktionen von außen mit unseren Reaktionen zusammenhängen und anders herum und warum wir uns manchmal so fühlen und wie wir da wieder rauskommen. Unsere Gefühle, Gedanken, Entscheidungen und Taten werden nachvollziehbar, statt scheinbar aus dem Nichts zu kommen und wieder im Nichts zu verlaufen, völlig wirr und sinnlos. Vorausgesetzt, wir sind ehrlich und achtsam.

Die Freundschaft mit sich selbst ist auch heilsam. Das Wort Heilung lässt sich zurückführen auf „ganz werden“. Und ganz, das werden wir nur, wenn wir all unsere Teile sehen und annehmen können.

#3 Beziehungen zu Menschen

Dass heute immer mehr Menschen das Leben als sinnlos empfinden, liegt zu einem großen Teil an den zerfallenden sozialen Netzen und dem Miteinander, das zum Nebeneinander geworden ist. So, wie sich zwei parallele Linien niemals berühren können, so lassen uns auch die parallelen Leben der anderen, die halt ihr Ding machen (geht doch mich nichts an), völlig unberührt. Keine Verbindung, kein Sinn.

„Jedes Gespräch knüpft einen Faden des Zusammenhangs und verkörpert Sinn schon durch sein bloßes Geschehen“, schreibt Wilhelm Schmid. Da die Fäden bei Freundschaft und Liebe zu Mitmenschen engmaschiger geknüpft sind als bei kaum Bekannten, mit denen man sich übers Wetter austauscht oder im Vorbeigehen damit angibt, wie man neulich den besten Baum seines Lebens verführt hat (oh man, was ist heut nur los mit mir), geben tiefere Beziehungen dem Leben auch mehr Sinn. Kennen wir einen Anderen nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Momenten oder Zeiten, breiten sich die Fäden schließlich weiter aus, umspannen uns als ganze Menschen.

Antoine de Saint-Exupéry erzählt im Buch „Wind, Sand und Sterne“ vom Flieger Henri, der in den Anden abstürzte. In eisiger Kälte marschierte er Stunde um Stunde, immer weiter, doch auch nach drei Tagen war kein Mensch, kein Dorf zu sehen. Henri fiel hin, körperlich kurz vorm absoluten Ende. Würde er jetzt nicht aufstehen, so ging es ihm durch den Kopf, würde er es nie wieder tun, sondern an Ort und Stelle sterben. Er schloss die Augen und wieder aufzustehen erschien ihm nur noch eins … sinnlos. Wie viel angenehmer war es doch, jetzt einfach in Frieden zu sterben? Dann dachte er an seine Frau und seine Kinder und daran, wie sehr er sie liebte. Doch auch das konnte ihn nicht umstimmen. Erst dann fiel ihm ein, dass seine Familie vier Jahre auf die Lebensversicherung warten müsste, würde sein Leichnam nicht entdeckt. Henri öffnete die Augen und sah einen Felsen, der aus dem Schnee ragte. Wenn er sich nur noch die hundert Meter bis dahin schleppen könnte, dachte er, dann würde man seinen leblosen Körper finden und die Familie wäre schon bald finanziell versorgt. Henri stand auf, schleppte sich Meter um Meter … am Felsen vorbei … und blieb nicht mehr stehen, bis er das nächste Dorf und damit seine Rettung fand.

Die Liebe zu Frau und Kindern hatte ihn aufstehen lassen. Sie gab ihm den Grund, den Sinn, sich aufzurappeln und seine letzten Kraftreserven auszuschöpfen – mehr als der Gedanke an seinen eigenen, drohenden Tod.

Doch nicht nur im Privaten. Auch gute, kollegiale Beziehungen in der Arbeit, wenn wir zusammenhalten und mehr voneinander mitbekommen als den Ellbogen in die Fresse, auch die machen das Leben sinnvoller.

Das zeigen auch Studien wie diese: das höchste Risiko für Depressionen und Selbstmord haben Menschen, die sozial wenig integriert sind.

Gibt es Menschen in Deinem Leben, mit denen Du gern mehr zu tun hättest?

Dann wäre es doch sinn-voll, einen Schritt auf sie zuzugehen.

#4 Denken, und (wenn Du willst und kannst) glauben

Wer denkt und lernt, schafft dabei nicht nur neue Verbindungen zwischen den Neuronen im Gehirn, sondern auch zwischen sich und der Welt – und damit auch Sinn.

Mit lernen ist hier natürlich nicht nur gemeint, am Monitor oder mit der Nase überm Buch zu hängen, sondern umfasst alle Erfahrungen. Und klar hängt der gewonnene Sinn auch davon an, welche Fragen wir stellen.

  • Wie ist die Welt entstanden?
  • Wie entwickelt sich die Menschheit und warum?
  • Woher komme ich?
  • Welche Rolle spiele ich in dem Ganzen?

Denken kann, Glauben geht immer auch noch über den Sinn im (jetzigen / diesseitigen) Leben hinaus. Der Glauben verbindet uns mit der Zeit vor oder nach dem Tod. Religionen liefern uns jedoch auch schon für das jetzige Dasein Zusammenhänge. Die Buddhisten zum Beispiel haben mit „Karma“ (jede Wirkung hat eine Ursache, jedes Handeln eine Wirkung) etwas, das allem was passiert einen Grund zuspricht – nichts passiert einfach so, alles steht in Beziehung. Die Christen einen Gott, der wohl Gründe für seine Taten haben wird, auch wenn man selbst sie als kleiner Mensch niemals erkennen kann.

#5 Lebensaufgabe (oder wenigstens Ziele) kennen und verfolgen

Die „Lebensaufgabe, „Bestimmung“, „Berufung“ oder, weniger dick aufgetragen, den eigenen Leidenschaften zu folgen, verbindet die Punkte drei und vier – die Beziehung zu anderen Menschen und die Beziehung zur Welt.

Gemeint ist: tun, wozu man sich hingezogen fühlt. Was man gern macht. Und gut, oder unbedingt lernen will. Und was dabei nicht nur das Portemonnaie schwängert, sondern echten Wert gebärt. Etwas, das einfach mehr ist als irgendein Job. Etwas, bei dem sich das Tun positiv auf andere auswirkt und damit Zusammenhänge herstellt zwischen Dir und dem, der Deinen liebevoll gebackenen Kuchen isst oder Dein Bild an seine Wand hängt, oder Deine Worte liest oder Stimme hört oder Hand auf seiner Schulter spürt.

Siehe Warum Du Deine Lebensaufgabe kennen solltest und Wie man Wert schaffen und von seiner Leidenschaft leben kann.

Ich glaube zurzeit, dass man auch ohne eine solche „Bestimmung“ nicht nur glücklich sein, sondern das Leben auch als absolut sinnvoll empfinden kann, wenn die anderen Punkte stimmen. Wenn der einzige Sinn des, an sich vielleicht sogar lächerlichen, Jobs doch das Gehalt ist, mit dem man sich und seinen Lieben ein schönes Leben macht. Ist vielleicht auch eine Typfrage (mir hat es im Studium und im Beraterjob sehr gefehlt, eine Aufgabe zu haben, die ich für sinnvoll halte).

Photo: Cornelia Kopp