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„Wenn Du es erträumen kannst, kannst Du es auch erreichen.“ Oder: „Wenn Du positiv denkst, wird alles gut.“ So die Klassiker der Selbsthilfe-Literatur. Positiv denken. Visualisieren. Sich vorstellen, wie man angekommen ist, den Erfolg in der Tasche hat, den Berg bestiegen (oder die Traumfrau), die Millionen auf dem Konto. Je öfter, desto besser.

Posssiiitiivv, na los, verdammt noch mal!

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, gewissermaßen:

Wenn Du es erträumst, wirst Du es nicht erreichen. Und zwar umso weniger, je häufiger Du es erträumst.

Aber sollen wir unsere Ziele nicht visualisieren? Ist es nicht das, was wir überall hören und lesen?

Ja, schon, wir hören und lesen es überall, aber deshalb ist es noch lange nicht wahr. Es gibt ja auch keine Frau Holle und keine sprechenden Wölfe und Geißlein, nur weil diese Märchen seit hunderten von Jahren erzählt werden (bösartige Trolle hingegen gibt’s allerdings schon, einer davon lebt unter meinem Bett).

Wie uns positives Denken von unseren Zielen abhält

Wir glauben gern ans positive Denken. Warum auch nicht. Klingt einfach, macht gute Laune, gibt uns das Gefühl, immer nur einen Wunsch von unseren Zielen und unserer Sehnsucht entfernt zu sein.

„Wenn ich mir nur fest genug wünsche, dass der Troll endlich abhaut, wird er’s bestimmt auch tun und nachts nicht mehr nach meinen Beinen greifen.“

„Wenn ich mich vor meinem geistigen Auge sehen kann, halb so breit wie jetzt, dann werden die Pfunde schon purzeln!“

Statt den Pfunden purzeln aber nur die Ziele, und zwar in kleine dunkle Gräber, fünfzig Meter unter der Erde. Begraben haben wir sie durch das ganze Visualisieren.

Die Psychologie-Professorin Gabriele Oettingen hat dieses Thema 20 Jahre lang erforscht. Drei Beispiele für Studien nennt sie, die gezeigt haben, wie falsch die Positiv-Propaganda nämlich wirklich ist:

  • Frauen meldeten sich für ein Programm zum Abnehmen an. Das Ergebnis: Je deutlicher und öfter sie sich ihren neuen schlanken Körper vorstellten, umso weniger Kilos verloren sie.
  • Auch Verliebte wurden untersucht. Je mehr sie sich das gemeinsame Leben mit ihrem Schwarm vorstellten, umso unwahrscheinlicher wurde eine Beziehung.
  • Studenten, die sich vorstellten, so richtig gut abzuschneiden in den Prüfungen, waren umso schlechter, je mehr sie das taten. Und Absolventen, die sich ihren Traumjob ausmalten, waren umso länger arbeitslos.

Hui. Ich meine: pfui. Das darf doch nicht wahr sein.

Ist es aber, und das hat auch einen Grund.

Warum uns Visualisieren schadet

Prof. Oettingen hat mir ihrem Team auch die Mechanismen dahinter untersucht.

Wenn wir uns eine positive Zukunft ausmalen, sagt sie, glaubt ein Teil unseres Gehirns, wir wären schon da, am Ziel, wir hätten es schon erreicht.

Zufriedenheit stellt sich ein, wo bisher eine aktivierende Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit war: „aahh, herrlich, ich hab das Geld schon auf dem Konto“.

Unsere Energie und Bereitschaft, tatsächlich etwas zu tun, fällt. Das lässt sich sogar körperlich messen, zum Beispiel geht unser Blutdruck nach unten.

Uns geht also die Luft aus, noch bevor wir auch nur einen einzelnen Schritt hin zu unserem Ziel gemacht hätten.

Was uns wirklich hilft, unsere Ziele zu erreichen – Die WOOP-Technik

Irgendetwas müssen wir ja denken … aber was, wenn wir uns mit optimistischen Gedanken ins eigene Fleisch schneiden?

Die Lösung lautet nicht, uns eine eigene Hölle im Kopf zu erschaffen, in der alles schief geht, wir am Fließband scheitern, sich das Universum gegen uns verschworen hat.

Stattdessen hilft uns eine Technik, die die Wissenschaftler empfehlen. Am erfolgreichsten waren in den Studien jene, die sich viellleicht anfangs vorgestellt haben, wie sie das Ziel erreicht haben, sich dann aber mit bestimmten Fragen beschäftigten:

  • Was steht mir im Weg, um diesen Wunsch umzusetzen?
  • Was hält mich auf?

Sie konzentrierten sich auf die Hindernisse und darauf, wie genau sie diese meistern würden. Sie stellten sich also das Hindernis vor, nicht mehr das Ziel. Visualisierten sie diese Hindernisse, erhielten sie dabei die Energie, die Dinge anzupacken.

Die Psychologie-Professorin empfiehlt dazu ein vier Schritte-Programm:

  1. Einen Wunsch für die Zukunft visualisieren, der uns wichtig ist.
  2. Das Ergebnis ausmalen: Wie fühlt es sich an? Was reizt mich daran so?
  3. Welche Hindernisse stehen mir im Weg?
  4. Wie kann ich die Hindernisse überwinden? Dazu stellt man sich Wenn-Dann-Pläne auf. Etwa: „Wenn ich in den Urlaub fahre, dann nehme ich meine Sportschuhe mit und gehe auch dort jeden Morgen zehn Minuten laufen.“

Die Technik nennt sie „mentales Kontrastieren“ oder WOOP – W wie wish (Wunsch), O wie Outcome (Ergebnis), O wie obstacle (Hindernis) und P wie plan (Plan).

Die Reihenfolge ist dabei absolut wichtig, wer die Schritte vertauscht, erreicht seine Ziele nachweislich deutlich schlechter. Oder gar nicht. Nur auf diese Weise verknüpfen wir Wunsch, Realität und nötiges Handeln nämlich richtig und erinnern uns an unsere Pläne, wenn ein Hindernis auftritt.

Positives Denken allein ist jedenfalls schmackhaft, aber giftig.

 

Siehe auch: Positive Affirmationen sind nutzlos und gefährlich. Was wirklich hilft.