Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

„Ich bin schlank, ich bin schlank, ich bin schlank“, sagt die füllige Frau vorm Spiegel, am Mund noch Reste vom Abendessen, das mal wieder völlig außer Kontrolle geraten ist, und auf der Wange eine Träne, und dann noch eine.

„Ich bin Millionär, ich bin Millionär, ich bin Millionär“, denkt der Mann, der durch den Park läuft und in Mülleimern nach Pfandflaschen sucht, denn morgen ist wieder die Miete fällig und die letzten Euros fehlen noch (immerhin findet er vier leere Cola-Flaschen, die füllige Frau hatte sie auf dem Heimweg geleert).

So geht das seit Jahren. Nichts hat sich geändert für die beiden. Sie machen sich Vorwürfe. Hätten sie noch härter mit den positiven Affirmationen trainieren sollen? Hätten sie einfach noch mehr daran glauben müssen? Warum haben sie versagt, warum hat das Gesetz der Anziehung nicht gewirkt, wo es doch so einfach ist?

Ich selbst früher auch oft versucht auf diese Weise. „Ich bin selbstbewusst.“ „Ich lerne ganz leicht neue Leute kennen.“ „Ich bin glücklich.“

… ich bin, in Wahrheit, voller Selbstzweifel gewesen, äußerst schüchtern und ängstlich, alles andere als glücklich, und zunehmend verzweifelt. Weil ich wieder und wieder und wieder nichts daran ändern konnte. So sehr ich mich auch mit diesen positiven Gedanken abmühte. Und nicht mal dann, wenn ich sie hundertmal untereinander aufschrieb, als würde ich in der Selbsthilfe-Hölle nachsitzen müssen.

Warum positive Affirmationen nutzlos und gefährlich sind

Affirmationen sind Krieg.

Krieg gegen die eigene Realtität, Lügen.

Und vor allem Krieg gegen das eigene Unterbewusstsein.

Ein Krieg ohne Chance, denn das Hirn arbeitet Neurowissenschaftlern zufolge 99,9% unbewusst, wie soll das Bewusstseins – auf dieser Ebene setzen Affirmationen schließlich an – gegen das ankommen, was wir tief in uns glauben?

Bei jedem „Ich bin schlank“, das wir uns bewusst in den Kopf prügeln wollen, schreit es aus uns heraus: „Nein, bist Du nicht!“ Jedem „Ich bin Millionär“ schlägt der Alltag ins Gesicht, mal mit der flachen Hand, mal mit der Faust, wenn wir uns schon wieder nur die Zeitung vom Vortag leisten können oder im Winter daheim zehn Pullover übereinander tragen müssen, weil wir uns Heizen einfach nicht leisten können.

Je mehr wir den Druck erhöhen, umso stärker wird der Gegendruck, die „negativen“ Glaubenssätze verteidigen sich, indem sie noch mehr Wurzeln schlagen, und wir gehen erschöpft aus dem Kampf, der uns aufgerieben und Energie gekostet hat für nichts.

Eine simple Methode, die wirklich hilft

Zum Glück gibt es eine simple, friedliche Methode, mit der wir wirklich vorankommen können.

Die drei Psychologen Senay, Albarracín und Noguchi gaben den Teilnehmern ihres Experiments schwierige Rätsel zu lösen. Eine Gruppe sollte vorher auf einen Zettel zwanzigmal schreiben: „Ich werde viele Rätsel lösen“. Die andere Gruppe: „Werde ich viele Rätsel lösen?“

Die zweite Gruppe schaffte fast doppelt so viele Rätsel wie die erste. Es folgten weitere ähnliche Experimente, die allesamt mit demselben Ergebnis endeten:

Es ist deutlich wirkungsvoller, wenn wir uns Fragen stellen, als wenn wir uns ein erfolgreiches Ergebnis einreden wollen.

Fragen, so die Erklärung der Forscher, machen uns neugierig und erinnern uns an die Ressourcen, die wir in uns tragen. So zapfen wir die eigenen Kräfte an, statt gegen sie zu agieren. Dabei erkennen wir auch unsere Ängste und „negativen“ Gedanken und Glaubenssätze an und beziehen sie mit ein. Wir versuchen nicht, sie abzuschneiden und haben daher auch nicht mit ihrem Widerstand zu kämpfen wie mit einem zappelnden Arm, der eigentlich unbedingt am Rumpf bleiben möchte. Nein, wir nehmen uns im Ganzen an, Körper und Geist entspannen sich, Bewusstsein und Unterbewusstsein können Hand in Hand gehen (gut, dass der Arm noch dran ist, das macht das Händchenhalten leichter). Und die Kraft, die wir dabei sparen, kann unser Gehirn für kreative Antworten einsetzen.

Angenommen, Du stehst vor einer wichtigen Prüfung. Dann denkst Du vielleicht: „Scheiße, ich bin schlecht in Prüfungen, das wird in die Hose gehen“, und dann denkst Du vielleicht, „nein, warte, ich muss positiv denken  – ich bin gut in Prüfungen, ich bin gut in Prüfungen“ … wenn Du Dich bei einem dieser Sätze, dieser negativen oder positiven Feststellungen, erwischst, kannst Du kurz innehalten und aus dem „Ich bin“ oder „Ich werde“ eine Frage machen:

„Bin ich gut in Prüfungen?“ oder „Werde ich gut sein in dieser Prüfung?“

Womöglich fallen Dir dann Prüfungen ein, in denen Du gar nicht so schlecht warst, oder in denen zumindest Teile gut liefen, und dann kannst Du weiterfragen: „Was hat mir dabei geholfen? Wie kann ich das Gute ausbauen?“ Falls Dir dabei wenig Positives in den Sinn kommt, Du auch dann noch Widerstand verspürst, helfen Was-wäre-wenn-Fragen, also zum Beispiel: „Was wäre, wenn ich gut in dieser Prüfung bin?“ oder „Was müsste passieren, damit ich gut abschneide?“

So, das war’s dann mal wieder von mir für heute. Ich hole mit jetzt erstmal eine neue Tasse Kaffee (werde ich?).

 

Siehe auch: Ist das „Gesetz der Anziehung“ nur Bullshit?

 

Inspiriert von: psychcentral.com, Photo: Ines Njers