Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Romy Hausmann

Vor zwei Jahren kam mein Sohn in die Vorschule, zusammen mit seinem besten Freund. Der fand im Gegensatz zu meinem Sohn schnell Anschluss – und damit auch neue Freunde. Eines Tages sollte die Gruppe einen Ausflug unternehmen, mit dem Bus. Ich sehe noch vor mir, wie vergnügt mein Mini – so nenne ich meinen Sohn – die Einstiegsstufen nach oben springt. Ich sehe, wie er durch den Gang zwischen den Sitzen stürmt und einen Platz für sich und seinen besten Freund besetzt. Und dann sehe ich seinen Freund, der an ihm vorbeirennt. Der nun wiederum zusammen mit seinen neuen Freunden hinten im Bus sitzt. Ich sehe Mini allein auf seinem Platz und wie er ausdruckslos durch die Fensterscheibe starrt.

Ich winkte, als der Bus anfuhr. Mini winkte auch, ins Leere allerdings, er schien mich gar nicht wahrzunehmen. Der Bus fuhr davon, darin mein Kind, das gerade eine sehr schlimme Erfahrung machte. Ich drehte mich um und ging. Fing an zu heulen. Mit einem Mal war ich keine Frau Mitte 30 mehr, sondern ein fünfjähriger Junge, der die Welt nicht mehr verstand. Der seinen besten Freund verlor. Und das tat verdammt weh…

Empathie bedeutet Einfühlungsvermögen

Das heißt nicht, auf Knopfdruck mitleidig schauen zu können, anstandsgemäß zu kondolieren („Echt schade, das mit Ihrem Mann und dem Herzinfarkt im Bordell.“) oder höflich zu lachen, wenn sich jemand an einem Witz versucht. Empathie bedeutet, sich in ein anderes Wesen hinein zu fühlen – mit aller Konsequenz, mit allen Emotionen, ohne Distanz. Manchmal bist Du dann „bloß“ wieder fünf Jahre alt, manchmal bist Du Dein größter „Feind“: Die Frau, die Dir das Herz gebrochen hat. Dein Stinkepeter-Chef. Die alte Kuh aus dem Erdgeschoss, die den ganzen Tag mit einem Kissen unter den Ellenbogen aus ihrem Küchenfenster herauslungert und Dein Nummernschild notiert, sobald Du mit der Stoßstange im Parkverbot stehst.

Machen wir uns nichts vor: Sich in Andere einzufühlen ist nicht immer schmerzfrei – und dagegen gibt es auch nichts von Ratiofarm.

Aber: Es lohnt sich. Denn Empathie hilft uns, die Gedanken, Gefühle und Motive unserer Mitmenschen zu verstehen und entsprechend darauf zu reagieren. In Konfliktsituationen wie im Alltag. Zuhause wie im Job.

Empathie macht unsere Beziehungen harmonischer

Da ist der Ehemann, der ständig Überstunden schiebt und sogar am Wochenende arbeitet. Der sich komplett aus der Familienkiste raushält. An wem bleibt es also hängen? Klar, an seiner Frau. Die macht den Haushalt, kocht, bügelt auf Kante, kümmert sich um die Kinder. Das frustriert sie. Sie macht ihm Vorwürfe. Du, du, du. Und er schießt zurück, ebenfalls mit Du, du, du. Zermürbend, endlos. Und warum das alles? Weil Beide nur sich selbst sehen.

Könnte sie sich in ihn hineinversetzen, würde sie vielleicht verstehen, dass er so viel arbeitet, weil in seiner Firma gerade reihenweise Stellen abgebaut werden. Weil er Angst hat, entbehrlich zu sein. Angst, seine Familie nicht mehr versorgen zu können.

Könnte er sich in sie hineinversetzen, würde er verstehen, was sie tagtäglich leistet als „Momager“. Dass sie selbst zwischen Bügelbrett, Kochtopf und Knetgummi schlichtweg zu kurz kommt. Empathie ist Verständnis. Und Verständnis bedeutet Lösungen, Kompromisse. Homeoffice, wenigstens ab und zu. Mama-frei, wenigstens mal einen Abend lang.

Empathie macht unsere Freundschaften haltbarer

Die Wissenschaft sagt: Die Empathie mit unseren Freunden ist uns praktisch ins Gehirn gemeißelt. Bei einer neurologischen Studie der Universität Virginia wurde den Teilnehmern erzählt, sie würden gleich Elektroschocks bekommen. Im Hinblick auf die drohende Gefahr wiesen alle Teilnehmer bestimmte Hirnaktivitäten auf. Als nächstes sagte man ihnen, ihre Freunde würden nun einen Stromschlag bekommen. Und da kommt die Empathie ins Spiel: Die Hirnaktivitäten waren nämlich genau dieselben. Auf unsere Freunde lassen wir also nichts kommen, kein einziges Volt.

Freundschaft geht nicht ohne Empathie. Wenn ich mich an die vielen Leute zurückerinnere, die im Laufe der Jahre meinen Weg gekreuzt haben, dann sind tatsächlich nur die übriggeblieben, die ich mitten in der Nacht anrufen kann, wenn ich Liebeskummer habe. Die trotzdem ans Telefon gehen und dermaßen mit mir über den blöden Typen schimpfen, der mich überhaupt nicht verdient hat, bis ich gar nicht mehr weiß, wer von uns nun eigentlich abserviert worden ist. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, das beruht auf Gegenseitigkeit. Alle anderen, und so geht es Dir vermutlich auch, sind irgendwann nur noch Bekannte, Facebook-Kontakte oder ganz in der Versenkung verschwunden.

Empathie kann uns im Job erfolgreicher machen

Zusammen mit amerikanischen Wissenschaftskollegen hat der Bonner Psychologieprofessor Gerhard Blickle belegt, dass emotionale Intelligenz, zu der die Empathie gehört, die Karrierechancen steigert. „Menschen mit einem feinen emotionalen Sensorium sind oft Meister in der Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen: Worauf kommt es dem Chef wirklich an?“ Und das gilt nicht nur beim Chef, sondern auch bei Kollegen und Kunden. Empathie sensibilisiert uns für die Bedürfnisse der Anderen. Wer sich in sein Gegenüber hineinversetzen kann, handelt automatisch vorausschauender und diplomatischer als der ignorante Sturkopf. Gehaltserhöhung, ick hör‘ dir trapsen!

So können wir unsere Empathie trainieren

1. Zuhören

Das kennst Du bestimmt: Oft nehmen Gespräche diese eigenartige Dynamik an, dieses Hin und Her, wie beim Pingpong. Einer sagt was und hat kaum zu Ende gesprochen, da spuckt der Andere bereits seine Meinung aus. Von Aufmerksamkeit kann keine Rede mehr sein. Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, unsere nächsten Sätze vorzuformulieren und unseren „Einsatz“ nicht zu verpassen.

Lass uns versuchen, einmal richtig zuzuhören. Auf die Worte des Anderen zu achten, auf deren Klang. Auch nonverbale Signale wie Mimik und Körpersprache geben Aufschluss über das Befinden. Denn manchmal, das wissen wir doch selbst, reichen Worte allein gar nicht aus, um annähernd zu beschreiben, wie wir uns fühlen.

2. Nachfragen

Auch wenn es ein bisschen mechanisch klingt, möchte ich gerne eine Lektion mit Dir teilen, die ich an der Journalistenschule gelernt habe: „Offene Fragen“ stellen. Im Gegensatz zu „geschlossenen“ Fragen, die schlicht mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten sind, geben wir Anderen dadurch die Möglichkeit, auszuholen. Eine typische offene Frage wäre: „Wie ging es Dir dabei?“ So entwickeln sich intensivere Gespräche – und die sind die Grundlage, um einander zu verstehen.

3. Rollenspiel (Keine Sorge, nichts mit seltsamen Kostümen)

Ganz konkret bin ich jetzt „die alte Kuh“ am Küchenfenster (ich sag’s Dir, diese Frau war mein Alptraum, als ich noch in einem Mehrfamilienhaus in München-Pasing gewohnt habe. Ständig hatte ich Zettel unterm Scheibenwischer, auf denen sie in Krickelkrakelschrift gedroht hat, mein Auto abschleppen zu lassen). Ich bin also „diese alte Kuh“. Ende 70 ungefähr. Ich habe nichts Besseres zu tun, als im Fensterbrett rumzuhängen. Ziemlich traurig eigentlich. Wahrscheinlich ist mein Mann vor ein paar Jahren gestorben und seitdem habe ich niemanden mehr, mit dem ich meine Zeit anders verbringen könnte. Scheiße, das ist es wohl. Ich bin einsam. Ich habe gar kein Problem mit der Frau aus dem dritten Stock oder ihrem Polo. Ich habe ein Problem mit mir selbst…

Wenn wir uns bewusst in den Anderen hineinversetzen, also für den „Feind“ argumentieren, merken wir meistens sehr schnell, dass es nicht nur unsere Sicht gibt. Dass der Andere nicht zwangsläufig doof, böse, ein Arsch oder eine alte Kuh ist. Dass es Gründe für sein oder ihr Verhalten gibt. Und wenn wir die erst verstehen, können wir auch entsprechend reagieren.

4. Emotionen zeigen

Sich in jemanden hineinzufühlen ist toll, aber meistens irgendwie auch sinnlos, wenn der Andere es nicht merkt. Als mein Sohn damals von seinem Ausflug zurückkam, war er ziemlich anstrengend. Genervt. Quietschig. Ungezogen. Sogar das Abendessen fegte er vom Tisch. Normalerweise wäre ich jetzt laut geworden (Teppich und Leberwurstbrot ist keine besonders gute Kombination, für keine Mutter). An diesem Abend jedoch blieb ich ruhig. Nahm ihn in den Arm und hielt ihn fest. Manchmal braucht es nicht viel mehr. Eine Umarmung. Gemeinsam schweigen. Oder ein Schwätzchen mit der alten Dame aus dem Erdgeschoss.

Mehr unter Wie man sich besser von den Gefühlen anderer abgrenzen kann (ist ja auch wichtig) und unter Achtsam sprechen oder einfach mal die Schnauze halten.

Photo: World Literature Today