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Text von: Lena Schulte

Tausend Mal rasiert, tausend Mal ist nichts passiert. Genauer gesagt: Tausend Mal wollte ich rasieren. Also was das Leben angeht. Tausend Mal sollte heute der Tag aller Tage sein. An dem all die Ratgeberliteratur endlich anschlägt, der Blitz einschlägt und ich mein Ändern endlich lebe. Es hätte so schön werden können, mein neues Leben. Erfolg, Ruhm, nervige Gucci-Models, die mich mit ihrer Zuneigung belästigen. Doch tausend Mal ist nichts von dem passiert – und statt Seychellenteint gab es nur Hinterhofbräune.

Ich dachte immer, ich hätte es meinen schlechten Gewohnheiten und meiner fehlenden Willenskraft zu verdanken, dass ich bisher noch keine bescheidene wie hochgradig inspirierende Dankesrede halten musste. Möglicherweise ist die wahre Ursache aber auch in meinen diversen Persönlichkeiten zu suchen…

Bitte was?!

Was jetzt erst einmal nach „So reiche man dem Kind seine Tabletten“ klingt, wird plausibler, wenn man sich mit Forschungen zum Konzept des „Selbst“ auseinandersetzt. Dort findet man Theorien, die ein einzelnes (singuläres) Selbst infrage stellen. Der MIT-Wissenschaftler Marvin Minsky, Pionier auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, stellt sich sein Selbst eher wie eine kleine Familie vor. Jeder von dieser Familie hat seinen eigenen Kopf, seine eigenen Vorstellungen und seine eigenen Erfahrungen, von denen die anderen Mitglieder nicht unbedingt etwas wissen. Im Optimalfall arbeiten sie zusammen und helfen sich gegenseitig. Aber manchmal gerät eine Familie eben auch aneinander…

In der Psychotherapie spricht man auch von Persönlichkeitsanteilen, die im Clinch miteinander stehen. Der Klassiker: das schlechte Gewissen, denn eigentlich müsste was getan werden, doch die Couch stimmt ihren mythischen Sirenen-Gesang ein. Ich habe in solchen Situationen das Faule in mir stets als meinen Feind angesehen – und ihm mit guten Gewohnheiten und Willenskraft den Kampf angesagt. Doch alles, was Teil von uns ist und bekämpft wird, wehrt sich. Und „das Faule“ in mir hat sich extrem gewehrt. Schließlich hatte dieser Anteil eine wichtige Aufgabe für mich, deren Bedeutsamkeit ich immer übergangen habe: Schutz vor Überarbeitung. Ruhe. Niederlagen-Prävention.

Wenn also selbst die größte Willenskraft und die besten Gewohnheiten partout nicht ausreichen, um unliebsames Verhalten langfristig zu ändern, könnte das ein Hinweis auf einen Streit Deiner inneren Anteile sein.

Hier ein Beispiel für drei prototypische Anteile, die im schlechten Zusammenspiel jegliche Willenskraft hinfällig machen … vielleicht ja auch bei Dir?

Der ängstliche Welpe

In diesem Anteil tummeln sich die Gesamtheit aller schmerzhaften Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben bzw. die uns von anderen zugefügt wurden, als wir uns noch nicht wehren konnten. Inklusive all der negativen Schlussfolgerungen, die wir aus dem Schmerz gezogen haben. Zum Beispiel: Niemand kann mich lieben; ich bin ein Versager; man kann niemandem trauen; ich bin hässlich; ich bin dämlich.

Dieser Anteil kann die schmerzhaften Lektionen einfach nicht vergessen. Auch wenn wir diesen Anteil als rationale und gestandene Erwachsene gerne übersehen, leitet er uns und unser Handeln viel öfter, als wir es bewusst mitbekommen.

Der Chef

Für diesen Anteil wirst Du niemals hart genug arbeiten. Denn besser geht immer! Ihm ist es sehr wichtig, dass du etwas leistest – und es gibt nichts, was ihn mehr schwächen kann als das, wozu uns der ängstliche Welpe bringt.

Also nagt er lieber als schlechtes Gewissen in Deinem Ohr… Los! Das reicht nicht, mach mehr! Einen drohenden Weltuntergang kannst du ihm zufolge nur durch das Erfüllen aller Erwartungen und Aufgaben abwehren. Auf der einen Seite hält dieser Anteil eine gigantische Kraft und Motivation für Dich bereit. Es ist ein Leichtes für ihn, Dich zur Spitzenleistung zu treiben. Allerdings kann der Chef auch schnell mal übereifrig werden und Dich in die perfektionistische Besessenheit treiben, die dann wiederum die Ängste des Welpen befeuert, mit denen der Chef eigentlich nichts zu tun haben will.

Der Teeny außer Rand und Band

Dieser Anteil nimmt eine gesonderte Stellung als Notfallmediator ein. Denn sobald der ängstliche Welpe und der Chef im Konflikt sind und der innere Druck steigt, springt ein Klischee-Teenager ein mit seinem gefürchteten ‚Ihr habt mir alle gar nichts zu sagen!‘-Schlachtruf.

Die Spannung zwischen den beiden anderen Anteilen löst er sofort und radikal. Mögliche Strategien: Null-Bock, ausufernder Drogenkonsum, Fressattacken, Verschuldungen, fremdgehen, cholerische Wutausbrüche, kompletter Rückzug usw. All die Dinge, von denen wir eigentlich wissen, dass sie uns nicht weiterbringen oder gar schaden – und die wir trotzdem machen.

Doch soweit muss es gar nicht kommen. Wir können nämlich vorher mit den beiden anderen Anteilen in Verhandlung treten und uns mit unseren Problemen direkt an sie wenden. Und ja. Ich schlage gerade wirklich Selbstgespräche vor.

Mit wem redest Du denn da?!

Da der Chef der rationalste Teil in Dir ist, fängst Du Deine Gespräche am besten mit ihm an. Atme paar Mal durch, schließ vielleicht die Augen und lerne ihn ohne Vorbehalte kennen. Fühl Dich in die Momente hinein, in denen er Dir zu guten Leistungen verholfen hat. Um diesen Anteil kurzfristig von Dir zu trennen, könntest Du die Fragen so gestalten:

  • Chef, welche Rolle nimmst Du in dem Leben von (hier Dein Name z.B. Hans) ein?
  • Wovor möchtest Du Hans beschützen?
  • Was würde mit Dir passieren würde, wenn Hans Deine Aufgaben nicht mehr erledigen würde?
  • Wie geht es dir, Chef, wenn Hans nicht mit dir zusammenarbeitet?
  • Kannst du vielleicht mit Hans ein neues Maß an Arbeit zu entwickeln, mit dem es Hans gut geht und mit dem Du ebenfalls leben kannst?

Gleiches Prinzip gilt für den Welpen in Dir. Da dies jedoch ein sehr verwundbarer Teil in Dir ist, ist Fingerspitzengefühl hier noch bedeutender. Immerhin sind es Deine Ängste und Deine Gefühle. Habe Achtung davor, auch wenn sie rational nicht erklärbar sind oder lächerlich erscheinen. Fühl Dich in Deinen Welpen und seine Geschichte hinein, auch wenn es vielleicht weh tut. Frag ihn:

  • Wovor hast Du Angst, was befürchtest Du?
  • Was brauchst Du, damit Du Dich sicher und beschützt fühlst?

Sei neugierig, je genauer Deine Fragen an ihn sind, desto eher wirst Du ihn verstehen. Womöglich hat Dein Welpe Angst vor dem Versagen und denkt ständig darüber nach, wenn wichtige Arbeit ansteht. Damit weißt Du dann auch, warum der Chef noch mehr Arbeit verlangt und immer härter wird – denn auch er möchte Dich davor beschützen, dass Du (erneut) schlimme Gefühle durchleben musst. Und dann wird auch ersichtlich, warum Willenskraft oft nicht funktioniert: Sie würde einen Keil zwischen die Anteile treiben, die nicht voneinander zu trennen sind und Dich beschützen wollen.

Arbeite gemeinsam mit den Anteilen einen Plan aus, in dem beide mit ihren Anliegen Berücksichtigung finden und ernstgenommen werden. Frag sie jeweils, ob der Plan für sie okay ist oder was sie noch brauchen, um sich gut zu fühlen. Bedenke, dass Pläne sich auch immer mal ändern können und der erste Plan nicht unbedingt gleich die ausgeklügelte Perfektion ist. Und höchstwahrscheinlich werden Dir die Anteile auch nicht sofort vollständig ihr Herz ausschütten. Freunde Dich mit ihnen an, besuch Sie immer wieder mal und baue ein gutes Verhältnis zu ihnen auf.

Der Mensch zu werden, der man sein möchte, braucht oft weniger Willenskraft, als wir denken. Vielleicht reicht schon der Wille, gut zu all dem zu sein, was zu uns gehört.

Ebenfalls sehr hilfreich: Auf Gewohnheiten setzen statt auf Disziplin. Alles darüber erfährst Du im myMONK-Buch 12 Gewohnheiten, die Dein Leben verändern.

Photo: Stock photos von SFIO CRACHO / Shutterstock