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Text von: Romy Hausmann

Ja ja, sorry, ich weiß, ich bin zu spät.

Erst hab ich den Wecker überhört, dann musste ich mir noch die Haare waschen, die Katze füttern, die Unterlagen fürs Meeting zusammensuchen, meine Motivation, meine Autoschlüssel und schließlich einen Parkplatz finden. Als ich endlich ins Büro gestolpert komme, sitzen die Kollegen schon parat und trommeln im Chor auf die Tischplatte.

Keine Panik, Leute, ich bin ich da – bereit, die Welt zu retten. Also fast, denn vorher muss ich mir noch schnell einen Baldrian-Tee aufbrühen und die Batterien im Herzschrittmacher wechseln, so wie ich mich gerade fühle: Gestresst, verschwitzt, völlig außer Atem und irgendwie schon fix und fertig, kaum dass der Tag überhaupt so richtig begonnen hat. Mein Zeitmanagement: Offenbar genauso grenzwertig wie mein momentaner Puls.

Ab morgen wird alles anders, das schwöre ich mir – und meinen Kollegen – jetzt schon. Ich will mich besser organisieren. Meinen Arbeitstag entspannt beginnen. Meine Zeit nicht mehr händeln wie ein Amateur-Jongleur seine Bälle. Und die Grundvoraussetzung dafür ist mir auch klar: Ich muss lernen, pünktlich zu sein.

Pünktlich aufstehen. Pünktlich das Haus verlassen. Genügend Zeit für den Arbeitsweg einplanen, um pünktlich im Büro aufzuschlagen. Pünktlich meine Arbeit erledigen. Pünktlich in meine Besprechungen gehen. Und dann habe ich ja vielleicht sogar Chancen auf einen pünktlichen Feierabend…

RIP, Pünktlichkeit

Wo ist sie eigentlich hin, die deutsche Super-Tugend? War das neben Fußball nicht mal unsere Lieblings-Disziplin? Tatsächlich hat eine Umfrage schon 2014 ermittelt, dass gerade mal noch 25 Prozent der deutschen Frauen und 27 Prozent der Männer nach eigener Aussage pünktlich sind.

Der Grund liegt laut dem Psychologen Jeffrey M. Conte von der San Diego State Universität vor allem in unserer modernen Kultur des Multitasking. Konkret: Wir verzetteln uns. Zwischen zwei sowieso schon knappe Termine rutscht dann eben auch noch ein Pläuschchen mit der Lieblingskollegin, ein Telefonat und ups, 3000 E-Mails. Wir unterschätzen den Verkehr oder die Parkplatzsituation. Wir müssen hier. Wir sollen da. Wir wollen mittanzen auf jeder Hochzeit privat wie auch im Job – und stolpern dabei häufig über unsere eigenen Füße.

Paradoxerweise haben wir für dafür oft aber nur Verständnis, wenn wir selbst die Unpünktlichen sind. Bei anderen geht so eine Unart natürlich gar nicht. Ist schließlich respektlos und unhöflich.

Wie sollen wir mit Katastrophen umgehen, wenn wir nicht einmal unsere Terminkalender im Griff haben?

Der amerikanische Autor und Investor Brent Beshore geht noch weiter. Er sagt: „5 Minuten zu früh ist pünktlich. Pünktlich ist zu spät. Und zu spät ist absolut inakzeptabel.“ Zuspätkommen vermittele Überheblichkeit und Desinteresse. Die Verabredung ist uns nicht wichtig genug – und das gilt folglich auch für die Menschen, mit denen wir uns verabredet haben.

Bei mir liegt’s aber weniger am Desinteresse als viel mehr am Stress, denke ich mir – und schneide mir prompt ins eigene Fleisch. Was sagt es denn über mich – und vielleicht auch über Dich – aus, wenn wir unsere Unpünktlichkeit kaschieren mit Beschäftigung, Fleiß und Unentbehrlichkeit (Yeay, ich bin die Überstunden-Königin!) oder privatem Drama (Ach, ich sag Dir: Seitdem der Hamster letzte Woche tot aus seinem Laufrad gekippt ist, ist Zuhause echt die Hölle los)?

Womöglich fühlen wir uns dadurch wichtig – andere halten uns vielleicht einfach nur für unfähig und unorganisiert. Breshore sagt dazu: „Du wirst nicht mit irgendwelchen Katastrophen in Deinem Leben klarkommen, wenn Du nicht mal Deinen Terminkalender im Griff hast.“

Die zwei Typen von Menschen, die immer zu spät kommen

Auch für den Heidelberger Psychologen Roland Kopp-Wichmann steckt hinter der oftmals gar nicht bös gemeinten Trödelei ein echtes Problem, zumindest wenn das Zuspätkommen schon zur Angewohnheit geworden ist. „Wer chronisch zu spät kommt, befindet sich unbewusst in einem inneren Konflikt“, sagt Kopp-Wichmann. Er unterteilt die chronischen Trödler in diejenigen, die nur ein paar Minuten zu spät kommen, und diejenigen, die sich grundsätzlich um eine halbe Stunde oder mehr verspäten.

Bei der ersten Gruppe liege laut Kopp-Wichmann ein „Autonomie-Konflikt“ vor. Das heißt: Jedes Mal, wenn wir von außen einen Termin aufgedrückt bekommen, fühlen wir uns in unserer persönlichen Freiheit beschränkt und reagieren darauf unbewusst ein bisschen wie trotzige Kinder. Das würde wohl auch erklären, warum wir normalerweise immer ein paar Minuten zu spät zum Meeting kommen, aber als erste in der Schlange vor dem Apple-Store stehen, wenn das neue i-Phone vorgestellt wird.

Die zweite Gruppe bilden laut Kopp-Wichmann die, die den großen Auftritt lieben und sich durch ihre Unpünktlichkeit einen (gefühlt) besonderen Status sichern wollen. So nach dem Motto: „Auf der Einladung steht zwar 20 Uhr, aber vor 21:30 Uhr brauchen wir da gar nicht erst aufzuschlagen.“ Die wirklich interessanten Leute kommen ja sowieso immer erst, wenn das Fußvolk die Party bereits in Schwung gebracht hat. Ist klar, Mr. und Mrs Hollywood. Brent Beshore sieht das ähnlich: „Absichtlich derart zu spät zu kommen, hat etwas mit Macht- und Dominanzgehabe zu tun. Es soll denen, die auf Dich warten müssen, zeigen, was für ein großer Fisch Du bist und dass Du die Oberhand in Eurer Beziehung hast.“

Oh je, langsam wird’s richtig unsympathisch. Aber die gute Nachricht: Pünktlichkeit lässt sich trainieren. Hier sind fünf Tipps dazu:

1. Lieber nicht „Nur noch schnell…“

… die Welt retten. Den Anruf annehmen. Was im Internet nachgucken. Aus „nur noch schnell“ wird noch schneller eine halbe Stunde. In dieser Zeit sitzt die Freundin mit Riesen-Hunger vor einem leeren Teller im Restaurant und wird zunehmend wütender. In dieser Zeit haben wir den Bus verpasst. Ist der Zug abgefahren. Hat das Meeting angefangen. Überlegen wir, ob wir „nur noch schnell“ nicht lieber verschieben sollten und setzen wir Prioritäten.

2. Lernen wir „Nein“ zu sagen

Manchmal verzetteln wir uns gar nicht aus eigenem Verschulden, sondern weil wir anderen einen Gefallen tun wollen. Sagen wir „Ja“ am besten nur, wenn wir wirklich „Ja“ meinen und vor allem auch die Zeit haben, in diesem Moment zu helfen.

3. Notieren wir unsere Gedanken

Manchmal ist mein Kopf wie ein Warenhaus, vollgestopft mit viel zu viel Zeug. Ich bin wie gelähmt von tausend Gedanken, Ideen und To-Dos. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Und wenn ich dann doch erst einmal angefangen habe, vergesse ich darüber die Zeit. Um den Blick wieder frei fürs Wesentliche zu machen, kann es hilfreich sein, ein Notizbuch zu führen.

4. Nutzen wir die Technik

Manchmal treibt der Blick auf die Uhr am Handgelenk einfach nicht genügend an. Nutzen wir zusätzlich unsere technischen Möglichkeiten. Den Handy-Alarm, die Termin-Erinnerung in Outlook, die Einstellung, dass der PC automatisch zu einer bestimmten Zeit herunterfährt (bloß nicht Zwischenspeichern vergessen!)

5. Der 15-Minuten-Trick

Planen wir von Anfang an einen 15-Minuten-Puffer ein. Egal, ob wir dazu unsere Uhren vorstellen oder einfach im Kopf mit einer Viertelstunde im Voraus planen … wir haben dadurch immer einen Zeitpuffer für unvorhergesehene Probleme wie den plötzlichen Stau oder diesen einen wichtigen Anruf, der sich nicht auf morgen verschieben lässt.

Pünktlich-Sein hat nichts mit Pedanterie oder Spießigkeit zu tun. Es ist ein Zeichen für Verlässlichkeit – und ein Zeichen der Wertschätzung. Es sagt aus: „Deine Zeit ist mir genauso wichtig wie meine eigene.“ Daran werde ich mich morgen früh erinnern, wenn der Wecker klingt und mein Finger normalerweise noch mal auf den „Snooze“-Knopf drücken würde, versprochen.

Photo: Young woman being late von Production Perig / Shutterstock