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Text von: Romy Hausmann

Wir müssen die Dinge, die in unserer Macht stehen, möglichst gut einrichten, alles andere aber so nehmen, wie es kommt. – Epiktet.

Vor einigen Jahren hatten eine Kollegin und ich eine Idee für ein neues Fernsehkonzept und fanden sie nicht weniger als genial. Schon während des Brainstormings sahen wir Millionen Zuschauer vor unserem geistigen Auge ehrfürchtig in die Sessel sinken. Formulierten bereits rührende Dankesworte für den Moment, wenn wir auf die Bühne treten und den Grimme-Preis entgegennehmen würden. Monatelang arbeiteten wir hart und rund um die Uhr. Wir schlachteten unsere Sparschweine und suchten uns zusätzlich noch einen Sponsor, um die Produktion finanzieren zu können. Trommelten Kamera- und Tonmänner zusammen. Veranstalteten Castings und konnten als Hauptprotagonist sogar einen Prominenten gewinnen. Und wir stemmten unser Projekt. Abgedreht, schick geschnitten, nach ungefähr einem halben Jahr stand der Film – wir waren selig (und übten weiterhin sehr ambitioniert die Dankesrede).

Bis zu dem Tag, an dem wir unsere Präsentation bei einem großen deutschen Sender hatten. Statt Standing Ovations bekamen wir nur ein müdes Lächeln. Statt Fanfaren und ekstatischen Jubelschreien erklang höchstens eine dieser traurigen Tröten – Du weißt schon, die Art von Sound, die in Trick- oder Slapstickfilmen immer dann eingespielt wird, wenn eine der Figuren voll auf die Fresse fliegt oder mit Karacho gegen eine Wand rennt.

Der große Traum – zerplatzt.

Das Ego – zusammengefaltet auf Origami-Mini-Elefäntchen-Größe.

Der Schmerz der Niederlage brannte alles nieder.

Plötzlich ging es nicht mehr um ein Projekt, das eben doch nicht so gut ankam, wie wir es uns ausgemalt hatten. Um einen Versuch, den wir immerhin gewagt und eine Erfahrung, die wir gemacht hatten. Es ging nicht mehr nur um eine Idee, die halt nicht funktioniert hatte, sondern um uns als Menschen. Wir waren unfähig. Idiotinnen. Kriegten ja wohl gar nichts auf die Reihe. Gingen sterben (zumindest gefühlt).

Vielleicht kennst Du dieses Gefühl auch. Deine eigene grandiose Idee, an der du monate-, vielleicht sogar jahrelang gearbeitet hast – innerhalb von Sekunden vom Chef zerpflückt. Das Buch, an dem du so lange neben Deinem normalen Brotjob, der Hausarbeit und der Kindererziehung geschrieben und für das Du auf den letzten Rest Deiner eh schon begrenzten Freizeit verzichtet hast – ein Flop. Der tolle Typ (oder das hübsche Mädel), den Du Dich endlich, endlich getraut hast anzusprechen und nach einer Verabredung zu fragen. Der einfach lacht und Dich eiskalt abserviert.

Ablehnung. Niederlagen. Versagen.

Gefühle, die Dich vernichten. Die Dich wertlos machen, alles an Dir. Du fühlst Dich wie ein Nichts. Und es tut weh, jedes Mal aufs Neue, wenn etwas in Deinem Kopf so gut aussah und in der Realität gnadenlos zerschmettert wird.

Und Du wirst müde von diesem Gefühl.

Fragst Dich, wozu weitermachen? Warum wieder etwas wagen, wenn am Ende doch wahrscheinlich wieder nur dieses Gefühl steht?

Der stoische Umgang mit Ablehnung

Die Stoiker waren sich bewusst, dass unser Verstand bestimmte Ereignisse oft nicht ausreichend objektiv wahrnimmt. Stattdessen hängt er sich an den Interpretationen der jeweiligen Ereignisse auf. Wir verlieren die blanke Tatsache aus den Augen, weil wir längst den Weltuntergang drumrum gestrickt haben.

Zum Beispiel: Montagmorgen, müde, arglos, ab zum Appell ins Büro vom Chef. Hier, bitteschön, die Fristlose. Die Kündigung ist die Tatsache, aber die geht nun fast unter im Hinblick auf ihre Bedeutung für uns. All die Fragen: Wie bezahle ich in Zukunft die Miete? Wie kriege ich den Kühlschrank voll? Was wird meine Mutter sagen, wenn ich den hochangesehenen Job als oder brustbehaarter, Tiger-Slip-tragender Stangentänzer verliere? Und dann sackt sie noch tiefer, die Bedeutung: Eine Zukunft mit gestapelten Rechnungen, Einsamkeit, Tafel, Brücke, Weltuntergang. Doch dieser Weltuntergang, das ist unsere Interpretation.

Fakt ist: Wir wurden gekündigt. Jetzt liegt es an uns, ob wir bei der Tatsache bleiben (und uns darauf konzentrieren, unsere Lage schnellstmöglich zu verbessern) – oder ob wir uns durch unsere Interpretationen schwächen und ablenken lassen.

Wie man es schafft, objektiv zu bleiben

Dabei kann es hilfreich sein, uns in eine außenstehende Person hineinzuversetzen. Angenommen: Nicht Du wurdest gerade gekündigt, sondern ein guter Freund. Was würdest Du ihm raten? Bitte flipp jetzt sofort total aus! Du wirst nie wieder einen neuen Job finden, auf der ganzen großen, weiten Welt nicht! Deine Eltern werden Dich verstoßen! Du wirst verhungern unter irgendeiner Brücke, wo selbst die Ratten Dich auslachen!

Vermutlich würdest Du ihm eher sagen, dass eine Kündigung eben kein Weltuntergang ist. Dass jeden Tag überall auf der Welt Menschen ihre Jobs verlieren. Dass sie neue finden und weitermachen. Dass jedes Ende ein Anfang und eine neue Chance sein kann. Dass man manchmal im Vorfeld nicht weiß, wozu’s am Ende gut gewesen ist.

Warum sagen wir das unseren Freunden, aber nicht uns selbst?

Weil wir ihnen gegenüber genügend Distanz wahren können, um objektiv zu bleiben.

Versuchen wir beim nächsten Weltuntergang also, einen Schritt zurückzutreten, um uns selbst von außen zu betrachten. Vielleicht merken wir dann, dass die Welt in Wirklichkeit gar nicht untergeht, höchstens kurzfristig (mehr oder weniger) erschüttert wird. Erinnern wir uns an die Sache mit der Perspektive: Was nicht funktioniert hat, kann ein Rückschlag sein – oder eine Erkenntnis. Das nächste Mal müssen wir es eben anders machen.

Gewappnet wie ein Stoiker

Selbst die Stoiker waren tröstlicherweise nicht von Natur aus so gelassen, wie man glauben mag. Aber sie verstanden, dass es Dinge gab, die außerhalb ihrer Macht lagen. Deswegen wandten sie eine einfache Übung an: Sie spielten im Kopf nicht nur die guten Szenarien durch (oder in meinem Fall: die Dankesreden vor der Grimme-Preis-Jury), sondern auch die richtig beschissenen. So waren sie geistig jederzeit für jeden möglichen Ausgang einer bestimmten Situation gewappnet. Seneca zum Beispiel bedachte vor seinen Reisen immer, was dabei im schlechtesten Fall alles passieren konnte. Ein gefährlicher Sturm, der aufzog. Der Kapitän seines Schiffs, der ins Wasser fiel und von einem Hai gefressen wurde. Sein Schiff, das von Piraten angegriffen wurde.

„Nichts kann gegen die Erwartung eines weisen Mannes geschehen“, schrieb er einmal einem Freund. „Er wird immer wissen, dass jederzeit etwas seine Pläne durchkreuzen kann.“ Und dass es nicht immer in seiner Macht liegt, das zu verhindern.

Darüber schreibt auch Epiktet in seinem Echeiridion:

„Ta eph’ hêmin?

Liegt es in meiner Gewalt?

Einige Dinge sind in unserer Gewalt, andere nicht. In unserer Gewalt sind: Meinung, Trieb, Begierde, Widerwille, kurz alles, was unser eigenes Werk ist. Nicht in unserer Gewalt sind: Leib, Vermögen, Ansehen, Ämter, kurz alles, was nicht unser eigenes Werk ist.“

Ja, die Dinge werden schiefgehen. Wir werden auch weiterhin Niederlagen erleben. Jobs verlieren. Absagen erhalten. Vielleicht sogar ab und an Gelächter ernten. All das gehört zum Leben. Wenn aber etwas in unserer Macht liegt, dann ist es unsere Reaktion darauf. Ob wir die Welt untergehen oder den Sturm vorüberziehen lassen, um weiterzumachen – mit Gelassenheit und um eine Erfahrung reicher. (Ach ja, und falls es Dich interessiert: Den Grimme-Preis habe ich immer noch nicht bekommen. Aber der würde ja eh nur neben meinem Oscar verstauben…)

Mehr unter 9 Gedanken für stoische Ruhe und unter Wie man aufhört, genervt und verletzt zu sein (in 60 Sekunden).

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