Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

 Text von: Christina Fischer

„Hör auf! Du bist doch die Vernünftigere!“

Diesen Satz bekam ich in meiner Kindheit oft zu hören. Meistens sagten ihn meine Eltern zu mir, wenn ich mich mit meinem jüngeren Bruder zankte. Weil ich die Ältere war, sollte ich über den Dingen stehen. Aber mein Bruder macht mir das verdammt schwer. Er hatte seine Methoden mich so in Rage zu bringen, dass ich ihm vor Zorn am liebsten in die Nase gebissen hätte. Einmal fand ich meine Lieblingspuppe enthauptet in meinem Zimmer vor. Wie der geölte Blitz stürmte ich ins Zimmer meines Bruders, wild entschlossen ihm irgendetwas gleichwertig Schlimmes zuzufügen. Für einen ausgeklügelten Plan war keine Zeit, das Adrenalin rauschte durch meine Adern und mein Blick fokussierte sich auf sein kleines grinsendes Gesicht wie bei einem Raubtier, das seine Beute ins Visier nimmt. Ich prügelte auf ihn ein, er prügelte zurück. Und dann traf mein Ellenbogen sein Kinn. Ich sehe die Szene noch heute wie in Zeitlupe vor mir: Aus dem Mund meines Bruders fiel in hohem Bogen ein Zahn gefolgt von ein paar kleinen Blutströpfchen. Als meine Mutter ins Zimmer kam, weinten wir beide – mein Bruder wegen dem verlorenen Zahn. Ich wegen dem, wozu ich im Zorn fähig gewesen war. Ich hatte ihn ja eigentlich gar nicht wirklich verletzen wollen. Und als ich später zerknirscht zurück in mein Zimmer kroch, hatte sich an den Tatsachen natürlich nichts geändert – die Puppe war genau so kaputt wie zuvor.

Was ein Stoiker anders gemacht hätte

Hätte der Stoiker Seneca zugesehen, wie mein Bruder und ich aufeinander eindroschen, hätte er vermutlich den Kopf geschüttelt. Das letzte, was ein Stoiker tun würde, wäre wohl wegen einem abgetrennten Puppenkopf blutige Rache zu üben. Aber die „Vernünftigere“ sein – das kam mir damals ungerecht vor. Warum sollte ich es einfach hinnehmen, wenn jemand gemein zu mir war? Andererseits hatte mein Rachefeldzug meine Lage auch nicht wesentlich verbessert. Seneca schrieb in seinem Aufsatz „Über Zorn“ von einem ähnlichen Vorfall, der seinem Stoiker-Kollegen Cato widerfuhr:

Cato befand sich in einem Badehaus, als er plötzlich angerempelt und sogar geschlagen wurde. Der Kampf wurde nach kurzer Zeit unterbrochen und der Angreifer wollte sich bei Cato entschuldigen. Dieser lehnte die Entschuldigung jedoch ab mit den Worten: „Ich erinnere mich nicht einmal daran, geschlagen worden zu sein.“

Was Cato damit meinte, war nicht etwa „Ist schon gut, bitte tu’ mir nichts“ sondern vielmehr: „Der Vorfall ist es nicht wert, dass ich mich länger damit befasse“ – ein wesentlicher Unterschied.

Die stoische Art der Vergeltung: Sei das größere Tier

Seneca schrieb: „Es ist Eigenschaft eines großen Geistes, Beleidigungen zu missachten. Die größte Vergeltung ist es, den Gegner nicht als würdig zu befinden, Vergeltung an ihm zu üben. (…) Derjenige ist groß und nobel, der wie ein großes wildes Tier unbewegt wahrnimmt, wie die kleinen Tiere ihm Flüche entgegen bellen.“

Ich war gegenüber meinem kleinen Bruder durchaus das „größere Tier“ – die Ältere. Und anstatt wie ein Elefant stoisch die Fliege (also meinen Bruder) zu übersehen, die um ihn herumfliegt, war ich in Raserei geraten und wie tollwütig durch die Savanne galoppiert, um ein Tier zu zermalmen, das deutlich kleiner war als ich.

Der Ärger, den wir wegen einer Sache empfinden, hält meistens viel länger an als die Kränkung selbst. Die kleinste Beleidigung können wir noch ewig mit uns herumschleppen. Wir wälzen sie in unserem Kopf hin und her während wir duschen oder eigentlich schlafen wollen. Manchmal schlägt sie uns auf den Magen und verursacht uns Bauchschmerzen. Kurz gesagt: Wir verleiben sie uns ein. Anstatt die Schultern zu zucken und uns zu sagen: „Das ist eben das, was Fliegen so tun“. Oder kleine Brüder. Oder die Idioten, die ihren Frust immer bei uns abladen. Gelänge uns das, dann würden wir die Kränkung dort lassen, wo sie hingehört: Bei demjenigen, der sie verursacht hat. Wie aber können wir uns diese stoische Gelassenheit aneignen, bevor die Wut das nächste Mal die Oberhand gewinnt?

Wie Du stoische Gelassenheit kultivieren kannst

Meinen ersten Fehler beim „Puppen-Vorfall“ hatte ich bereits begangen, noch bevor ich aus meinem Zimmer getreten war: Ich hatte mir nicht eine Millisekunde Zeit gegeben. Senecas erstes – und vielleicht effektivstes – Mittel gegen Zorn ist nämlich:

  1. Seneca: „Das wirksamste Mittel gegen den Zorn ist Aufschub.“

Es dauert nur Bruchteile einer Sekunde, um in Wut zu geraten. Gib’ Dir deswegen einen Moment, damit Deine Vernunft hinterher kommen kann. Der simpelste Weg: Ruhig bis zehn zählen und gegebenenfalls kurz den Raum bzw. die Situation verlassen, um wieder etwas klarer zu sehen.

  1. Kontrolliere Deinen Atem

Dein Atem ist der Motor, der Dich entweder auf Hochtouren oder zum Runterfahren bringt und Du kannst ihn kontrollieren. Im Augenblick der Wut geht unser Atem schnell und flach. Konzentriere Dich darauf tief und langsam ein- und auszuatmen oder benutze die „4-7-8-Methode“: Vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden den Atem anhalten, acht Sekunden lang ausatmen.

  1. Die 5-Minuten-Regel

Rege Dich nicht länger als fünf Minuten über etwas auf, das Dir in fünf Jahren nicht mehr wichtig sein wird. Die meisten der Ärgernisse, mit denen wir uns täglich so herumschlagen, fallen hier durchs Raster. Als angehende echte Stoiker räumen wir solchen Ärgernissen nur so wenig Zorn wie unbedingt nötig ein..

  1. Frage Dich: Betrifft es mich überhaupt?

Oft treffen uns Beleidigungen zufällig. Wir sind jemandem einfach gerade vor die Flinte gekommen, der wegen etwas ganz anderem gefrustet war. Manchmal lässt uns das kalt, nämlich genau dann, wenn wir uns sicher sind, dass die Beleidigung einfach nicht auf uns passt. Würde mich jemand „eklige Stinkmorchel“ nennen, wüsste ich, dass es nicht stimmt (denn ich dusche regelmäßig) und könnte vielleicht sogar darüber lachen. Andere Beschimpfungen verletzen mich hingegen mehr. Nichtsdestotrotz sind auch die oft nur ein Versuch von jemandem, sich selbst vermeintlich besser zu fühlen.

  1. Frage Dich: Was will das Gutes?

„Aus Erfahrung wird man klug“, heißt es. Dazu zählen auch negative Erfahrungen. Über Konflikte mit anderen, können wir oft so einiges über uns selbst lernen.Trifft es uns, wenn uns jemand beispielsweise „blöde Kuh“ nennt, dann könnte das bedeuten, dass ein winziger Teil von uns uns möglicherweise auch für „blöd“ hält (oder für eine Kuh, aber das ist unwahrscheinlicher). Jeder nervige Zeitgenosse, mit dem wir so aneinanderrasseln, gibt uns somit die Möglichkeit, etwas über uns zu erfahren – wenn wir dafür offen sind. Wenn wir in unseren Widersachern auch etwas Hilfreiches erkennen können, sehen wir vielleicht auch seltener Rot.

Auch wenn geköpfte Puppen heute nicht mehr meine größten Sorgen sind – Momente, in denen ich anderen vor Wut die Zähne ausschlagen könnte, gibt es noch immer zuhauf. Und auch wenn ich es noch immer nicht schaffe, immer „die Vernünftigere“ zu sein – die Momente, in denen ich doch drüber stehen kann, häufen sich allmählich. Frei nach dem römischen Eroberer Marcus Aurelius: „Die beste Rache ist es, anders zu sein, als der, der dich verletzt hat.“

Mehr unter Wie man aufhören kann, genervt und verletzt zu sein (in 60 Sekunden) und im myMONK-Buch Wie man die Dinge nicht mehr so persönlich nimmt.

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