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Text von: Lena Schulte

Manchmal passiert es, dass uns die Verhaltensweisen unseres Gegenübers tierisch aufregen. Und weil wir Menschen sind, geraten wir schon einmal in Streitereien. Reagieren mit Geschrei, sagen Dinge, die unter die Gürtellinie gehen und drohen uns Liebesentzug an – oder kappen sogar kurzfristig mal die emotionale Wärmezufuhr. Aber am Ende des Tages, wenn der Dampf aus dem Kessel ist, vertragen wir uns meistens wieder. Reden, analysieren, versuchen Lösungen zu finden, bis wir wieder bereit sind, uns gegenseitig mit Energie und Liebe zu versorgen. Oder man einigt sich auf eine Neuverlegung des Wärmezufuhrsendverbrauchers und trennt sich.

Kaum eine Beziehung kommt ohne toxische Momente aus. Ich will gar nicht wissen, wie viele ungerechte Beschuldigungen oder Kommunikationsverweigerungen ich mir schon im Eifer des Gefechts zu Schulden habe kommen lassen.

Diese destruktiven Verhaltensweisen wie Liebesentzug, Beschimpfungen oder Beschämungen können bereits in einer Ausnahmesituation großen Schaden anrichten.

Doch ihre wahres Potenzial zur Zerstörung liegt im Alltag. Regelmäßig praktiziert, fangen die kleinen sarkastischen Seitenhiebe oder die neckischen Vorwürfe plötzlich an zu wuchern und entwickeln sich zu einem Werkzeug der Kontrolle. Der Versuch (oder auch das Gelingen), mit emotionalen Erniedrigungen einen anderen Menschen zu kontrollieren, ist ein Missbrauch, der psychisch schlimme Folgen haben kann.

Das Machtgefälle ist entscheidend

Es ist kein emotionaler Missbrauch, wenn sich mein Partner von mir trennt. Und auch nicht, wenn ich auf offener Straße beleidigt werde und zutiefst gekränkt bin. Nur, weil ich mich gekränkt fühle, bin ich emotional noch nicht missbraucht worden. Anders sähe es aus, wenn ich sechs Jahre alt wäre und meine Mutter mich beleidigt, denn ein Kind ist abhängig von dieser Liebe und Zuneigung.

Auch im Erwachsenenleben gibt es diese Gefühle von Abhängigkeit auf der einen Seite – und das Wissen über diese Abhängigkeit auf der anderen Seite. Sind wir in einer gleichberechtigten Partnerschaft, ist ein Machtgefälle kein Thema und rationale  Diskussionen sind möglich, ohne, dass eine Seite befürchten muss, im nächsten Moment kleingemacht oder für seine Meinung ins Lächerliche gezogen zu werden. Für jemanden, der das Gefühl der Kontrolle nur durch emotionalen Druck erlangt, stellen valide Argumente jedoch die Reinform des Kontrollverlusts dar.

Nur unter kontrollierten Bedingungen!

Paradoxerweise ist vielen, die emotionale Druckmittel anwenden, die Tragweite ihrer Handlungen nicht richtig bewusst. Der Drang nach Kontrolle ist oft ein Bedürfnis, das ebenfalls aus einer Verletzung entspringt und sich als Lösungsstrategie tief im Unbewussten eingenistet hat. Dort tarnt es sich zur eigenen Sicherheit mit rationalen Erklärungen und Argumenten. So kann sich ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis zum Beispiel in Form eines quälenden Unsicherheitsgefühls zeigen, das die Treue und Loyalität des Partners vehement in Frage stellt. Die Kränkung, seinem Partner nicht trauen zu können und die daraus resultierend Ohnmacht wird dann, „logischerweise“, mit Überwachungen oder unfairen Anschuldigungen bekämpft.

Gleichzeitig kompensiert das Auskosten der eigenen (gefühlten) Überlegenheit fehlendes Selbstvertrauen und führt zu einem Adrenalinschub, wie der Psychologe Steven Stonsy erklärt. Mit der Zeit baut der Körper allerdings Toleranz gegenüber dem Adrenalin auf. Es wird immer mehr von dem „Kick“ der Erniedrigung benötigt. Die Vorwürfe, die verbalen Attacken und Strafandrohungen werden immer schlimmer und schlimmer.

Der schwierige Zyklus

Eine Beziehung mit jemanden zu führen, der durch emotionale Erniedrigungen sein Kontrollbedürfnis befriedigt, kann schwere seelische Schäden hinterlassen. Ein Selbstvertrauen, das in Schutt und Asche liegt, Selbstzweifel („Ich darf meinen Partner auch nicht immer so mit meinem Atem provozieren!“) und die Angst vor der eigenen Handlungskraft sind nicht selten Folgen. An eine Trennung ist kaum zu denken.

Denn ähnlich wie beim körperlichen Missbrauch, folgt auch emotionaler Missbrauch einem Zyklus – sobald der Verdacht aufkommt, dass der Geschädigte ernsthaft die Reißleine ziehen wird, gerät sein Gegenüber unter Druck. Nicht selten verhält er/sie sich von heute auf morgen absolut liebenswert. Und schon ist die Hoffnung wieder da. Jetzt wird vielleicht doch noch alles gut und die ständigen Nörgeleien und das Runtermachen findet endlich ein Ende. Aber sobald das Vertrauen wiederhergestellt ist und man wieder als „sicher“ erscheint, nimmt das Karussell der alten Muster wieder Schwung auf.

Was ist wirklich real?

In dieser Spirale erst einmal gefangen, wird es immer schwieriger aus ihr auszubrechen. Schließlich hat man viel Hoffnung auf Besserung investiert, die gerne einmal die Realität überdeckt. Die Psychologie rät in diesen Fällen einen Realitätscheck mit Hilfe von neutralen Außenstehenden vorzunehmen. Wie bewerten andere Deine Erlebnisse und Gefühle, die in eurer Beziehung vorherrschen? Finden sie, Dein Gegenüber hält seine Versprechungen? Finden sie, du hättest das Recht öfter deine Meinung sagen zu dürfen?

Zudem kann es helfen, die eigene emotionale Achtsamkeit zu stärken. Eine Übung dazu geht so: Notiere Dir, wie Du Dich fühlst, wenn Du daran denkst, dass Du den anderen um alles in der Welt brauchst. Welches Gefühl kommt, wenn Du Dir eine Welt ohne diese Person vorstellst? Und dann frage Dich weiter: Hast Du Angst davor alleine zu sein? Kannst Du mit Sicherheit sagen, dass Du ohne den anderen verloren wärst? Kann es bei mehreren Milliarden Menschen nicht auch einen geben, der dich so in Ordnung findet, wie du bist? Was müsstest Du über Dich wissen, um Dir sicher zu sein, dass Du auch ohne deinen Partner ein gutes Leben führen kannst? Wie lange kannst Du Dich auf Deine Gefühle konzentrieren, ohne, dass Du vor ihnen weg musst musst? Kannst Du vielleicht versuchen, diese Gefühle Stück für Stück länger auszuhalten und zu gucken, ob du es überstehst?

Wenn wir beginnen, unsere emotionale Achtsamkeit langsam zu stärken, stärken wir auch unser Mitgefühl – sowohl uns gegenüber als auch für unsere Lieben. Nur so können wir wirklich Abstand und eine klare Sicht auf die Dinge bekommen. Und sie schützt vor Wut. Mitgefühl löst nicht die Probleme, die wir haben, aber sie führt uns eher zu Lösungsalternativen. Wenn wir Mitgefühl und Güte uns selbst gegenüber entwickeln, wird es schwer, sich emotional missbrauch zu fühlen, da wir genug Güte für uns selbst haben, um uns Grenzen zu erlauben.

Durch Mitgefühl können wir auch erkennen, dass das Dulden von emotionalen Erniedrigungen ebenfalls zum Selbsthass des anderen beiträgt. Niemand kann sich selbst wirklich mögen, wenn er – ob nun bewusst oder unbewusst – nahestehenden Menschen ein schlechtes Gefühl gibt und ihnen ihr Selbstwertgefühl in Stücke hackt. Wahre Zuneigung hat nichts mit Besitzansprüchen oder Kontrolle zu tun. Deswegen ist das Beenden einer emotional erniedrigenden Beziehung das mitfühlendste, was man für beide Seiten tun kann. Und dann kann es wirklich besser werden.

Mehr unter 10 Gründe, warum Menschen in kaputten Beziehungen bleiben und unter Abhängigkeit und Angst vor Nähe: Wie und warum Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten.

Photo: Sad woman von  areebarbar / Shutterstock