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Text von: Christina Fischer

Irgendwo zwischen Mitte 20 und 30 Jahren, zwischen Networking, Überstunden-Kloppen und Lebenslauf-Tuning gab es diesen Moment, in dem mir klar wurde, dass irgendetwas fehlte. Ich saß müde und abgekämpft in der Straßenbahn in Richtung Feierabend, sah in andere müde und abgekämpfte Gesichter und alles, worauf ich mich freute, war mein Bett. Ich gab mir doch jeden Tag so viel Mühe, um meinen Job gut zu machen! Und trotzdem ging ich jeden Abend immer wieder in der Masse der anderen müden Menschen in der Bahn unter und löste mich in gefühlter Bedeutungslosigkeit auf. Wo lag hier der Sinn?

Wenige Jahre zuvor, als ich noch studierte und alles möglich schien, da hatte in mir noch ein ganz anderes Feuer gebrannt. Ich hatte fest daran geglaubt, dass eine bedeutsame Aufgabe und überhaupt die Welt auf mich gewartet hatte, damit ich endlich mein volles, übersprudelndes, glänzendes und einzigartiges Potenzial entfalten würde, das, wie ich wusste, in mir schlummerte. Dann ging es raus aus der Uni und rein ins „echte Leben“ und ich musste feststellen, dass die anderen längst da waren. Die strahlenden Yoginis, die außergewöhnlichen kreativen Bloggerinnen, die „digitalen Nomaden“, die auf Bali oder sonst wo in der Sonne leben und all ihre Senkrechtstarter-Kollegen – das Internet war längst voll von diesen außergewöhnlichen, bedeutungsvollen Menschen, die anderen Menschen längst Millionen von bedeutungsvollen Dingen vorlebten. Wer also wartete da noch ausgerechnet auf mich?

Der „Google-Effekt“

Ich erinnere mich noch dunkel daran, dass es einmal eine Zeit gab, in der man nur die Menschen kannte, die man eben kannte. Persönlich. Das Internet hat uns viel gebracht: Ständig verfügbare Informationen über alles mögliche. Vernetzung mit Menschen überall auf der ganzen Welt. Das ist gut. Das ist aber auch schlecht. Denn während man früher, im „Offline-Zeitalter“ vielleicht eine Handvoll außergewöhnlicher Menschen kannte, stößt man heutzutage mühelos auf Millionen von ihnen. Sie sind nur eine Google-Suche entfernt. Und alle verfügen über ein Heer von „Followern“, die an ihren Lippen hängen und für bedeutsam halten, was sie tun. Dass es so viele bedeutungsvolle Persönlichkeiten zu geben scheint, bringt einen schnell zu dem Schluss, dass dies normal sein könnte und etwas, wonach man streben sollte. Doch das Internet ist ein tückisches Ding. Schließlich ist es ja auch so: Wer bei Google nach „Mundtrockenheit“ sucht, wird eine Vielzahl an Suchergebnissen erhalten, die auf den baldigen Tod hindeuten. Während man in Wahrheit einfach nur gestresst ist. Und genau so wenig, wie wir alle an Mundtrockenheit sterben werden, müssen wir berühmt sein und Follower haben, um ein bedeutendes Leben zu führen.

Mit der Kerze auf dem Fußballplatz …

Der große Trugschluss ist: Wir glauben, dass Bedeutsamkeit und Berühmtheit einander bedingen. Wenn wir keine große „Community“ im Rücken haben, dann sind wir einfach nicht so bedeutsam, so kommt es uns vor. Wir arbeiten uns daran ab, besonderer, bunter, einzigartiger zu werden, um aus der besonderen, bunten, einzigartigen Masse herauszustechen. Um uns selbst zu beweisen, dass es bedeutsam ist, was wir tun. Wir stapeln immer höher, müssen immer noch einen drauf setzen, mehr „Nischen“ finden, die noch nicht besetzt sind (Gibt es schon eine kleptomanisch veranlagte Yoga-Ballerina mit glutenfreiem Kochblog im Netz?) und am besten wir retten einfach gleich die ganze Welt mit unserer bahnbrechenden Idee. Dabei verlieren wir nur immer mehr aus den Augen, worauf es eigentlich ankommt: die Bedeutung. Wenn wir diesen Wettlauf mitmachen und versuchen berühmt zu werden, um bedeutsam zu sein, ist es, als wären wir eine Kerze auf einem mit Flutlicht ausgeleuchteten Fußballplatz. Es ist einfach schon so hell, dass niemand unsere Flamme sieht – geschweige denn, sie braucht. Und trotzdem glauben wir, wir müssten unbedingt immer noch heller scheinen.

Worauf es wirklich ankommt, wenn das Licht aus geht

Ich bin oft so geblendet vom „Fame“ all dieser überall präsenten bedeutungsvollen Menschen, dass ich aus dem Blick verliere, was wirklich bedeutsam ist. Nicht unbedingt für die Welt – aber für uns und die Menschen, die uns wichtig sind.

Das soll nicht heißen, dass Du die Welt nicht retten sollst, wenn Du das möchtest. Aber fang’ nicht mit der Welt an. Fang’ mit Deinen Eltern an, Deinem Partner, Deinen Freunden oder einfach mit den Menschen, denen Du begegnest. Leuchte einfach so hell Du kannst, dort, wo Du gerade bist. Wenn Du irgendwann tot bist, soll man sich Deiner erinnern als „die mit den 100.000 Followern“ oder lieber als die, die immer da war, wenn man sie brauchte? Oder wenn irgendwann einmal irgendeine Supermacht das Internet und alle Smartphones zerstören sollte: Worauf käme es dann für Dich an? An wen würdest Du Dich halten? Wie würdest Du Dein Leben leben?

Wenn wir diese Verbindung in unserem Kopf zwischen „Berühmtheit“ und „Bedeutung“ kappen würden, dann würde eine enorme Last von unseren Schultern fallen, oder? Der Wettlauf wäre vorbei, wir würden feststellen, dass wir längst am Ziel und richtig sind, wo wir gerade stehen. Denn genau hier können wir etwas verändern, genau hier kannst Du Deinem Leben echte Bedeutung einhauchen – in Deinem ganz alltäglichen Leben. Dann wärst Du im Moment, der einzigen Zeitzone, in der Veränderung wirklich möglich ist. Und es wäre egal, wer hinschaut oder Dir ein „Like“ schenkt.

Die Autorin Emily Esfahani Smith schrieb in einem Zeitungsartikel:

„Ich habe gelernt, dass die bedeutungsvollsten Leben oft nicht die „außergewöhnlichsten“ sind. Es sind die normalen Leben, die aber mit Würde und Achtung gelebt werden.“

Wenn ich auf mein Leben schaue, dann ist tatsächlich keiner der Menschen, die eine wirklich tiefe Bedeutung für mich haben, berühmt. Meine Eltern, mein Mann, mein Bruder, meine Freunde – sie alle sind „gewöhnliche“ Menschen und bedeuten mir doch die Welt – jeder auf seine Weise.

Das Licht einer Kerze ist eben nichts besonderes mitten in einem Lichtermeer. Aber es kann sehr bedeutsam sein, wenn es dunkel ist. Der belgische Schriftsteller und Priester Phil Bosmans sagte einmal:

„Ein guter Mensch ist ein Stern für jene, die das Licht nicht finden.“

Und am Ende des Tages möchte ich vielleicht doch lieber ein Stern sein als ein Star.

Mehr unter Ein bedeutsames Leben braucht keine Karriere.

Photo: Simple life/ Shutterstock