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Text von: Christina Fischer

„Live the moment“ steht mit Kreide geschrieben auf einer kleinen Dekotafel in der Küche meiner Mutter. Meine Schwiegermutter wiederum hat ein Wandtattoo, ebenfalls in ihrer Küche, auf dem der Spruch „Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen“ von der Autorin Pearl S. Buck prangt. Ich kann nur raten, was das für ein Ding mit Sprüchen über das Leben im Moment oder die Wunder des Alltäglichen und Küchen ist. Aber möglicherweise sind meine Mutter und Schwiegermutter da etwas auf der Spur.

„Verweile nicht in der Vergangenheit, träume nicht von der Zukunft. Konzentriere dich auf den gegenwärtigen Moment“, sagte schließlich schon Buddha, „Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert“ fand auch Goethe und „Ooooh la la la la la let’s live in the moment“ singen Portugal The Man. Wer meditiert, der versucht sich mit seinem Atem im Hier und Jetzt zu verankern. In den sozialen Medien versuchen wir Momente unseres Lebens auf Bildern einzufrieren. Sogar Ich-esse-einen-großen-Burger-Momente oder Ich-mache-auf-dem-Klo-ein-Selfie-Momente. Das Leben im Augenblick ist uns offenbar wichtig geworden. Gerade in Zeiten, in denen das Leben gefühlt ständig seine Geschwindigkeit erhöht, sehnen wir uns nach offenbar nach mehr Leben im Moment. Aber noch während wir uns abmühen, das Menschenmöglichste aus unseren Momenten herauszuquetschen, rinnen sie uns durch die Finger. Immer wenn wir den Augenblick bewusst erleben wollen, ist er schon zu einer Erinnerung geworden, im selben Moment, in dem wir darüber nachdenken. Und nicht nur das. Selbst wenn wir uns vornehmen, jede Sekunde eines Erlebnisses auszukosten und für die Ewigkeit in unserem Hirn einzubrennen, haben wir nach einer gewissen Zeit doch das meiste davon vergessen, weil unser Gehirn unermüdlich aussortiert und wir ohnehin nur einen gewissen Teil der Realität überhaupt wahrnehmen.

Erlebst du noch oder erinnerst du schon?

Mit dem Zwiespalt zwischen Erinnern und Erleben hat sich auch Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman auseinander gesetzt und recht Bemerkenswertes herausgefunden. In seinen Studien stellte Kahneman fest, dass unser Gehirn das Erleben einer Situation mitunter völlig anders bewertet als die daran geknüpfte Erinnerung. Zum Beispiel fand Kahneman gemeinsam mit dem Psychologen Don Redelmeier heraus, dass die Dauer eines Ereignisses auf die Erinnerung nahezu keinen Einfluss hat. In ihrer Studie baten die Psychologen Patienten während einer schmerzhaften Therapie, alle 60 Sekunden den Grad ihrer Schmerzen auf einer Skala von null bis zehn zu bewerten. Nach der Behandlung sollten die Patienten die „Summe“ ihres Schmerzes insgesamt angeben. Dabei kam überraschenderweise heraus, dass die Dauer der Behandlung nahezu keinen Einfluss auf das „Gesamtschmerzempfinden“ hatte. Das bedeutet, es ist – zumindest im Nachhinein – relativ egal, wie lange sich der Zahnarzt mit Deiner Wurzelbehandlung Zeit lässt oder wie lange diese schlimme mündliche Prüfung dauert. Genau so wenig spielt es für die Qualität Deiner Erinnerung eine Rolle, ob Du Dein leckeres Eis schnell oder langsam isst, ob Du auf der Party bis zum Schluss da warst, und sogar wie lange der Sex mit Deinem neuen aufregenden Partner dauert (unabhängig davon wie gut oder schlecht dieser ist).

Die Höchststand-Ende-Regel

Die Erkenntnis, auf die Kahneman und Redelmeier bei ihrer Studie stießen, formulierten sie letztendlich als „Höchststand-Ende-Regel“. Demnach neigen Menschen offenbar dazu, Ereignisse nach zwei Kriterien zu bewerten:

  1. Danach, welches der allerbeste oder der allerschlimmste Moment war.
  2. Danach, wie das Ereignis endete.

Wenn sich Mütter nach den bestialischen Schmerzen einer Geburt positiv an dieses Ereignis erinnern, dann könnte das daran liegen, dass all die Schmerzen mit dem positiven Erlebnis, ihr Kind im Arm zu halten, endeten. Genauso kann es passieren, dass wir einen zweiwöchigen Strandurlaub in schlechter Erinnerung behalten, wenn wir auf dem Rückflug unseren Koffer verlieren, das Flugzeug verpassen oder mitten im Urlaub eine heftige Magen-Darm-Grippe ausstehen müssen. Andererseits könnte ein Heiratsantrag in der zweiten Urlaubshälfte dazu führen, dass wir den selben vermeintlichen Horrortrip als Traumurlaub in unserer Erinnerung abspeichern.

Wenn es aber nun für unsere Erinnerung offenbar unerheblich ist, wie wir jeden einzelnen Moment genau verlebt haben, warum hängen wir dieses Ideal vom „Leben in der Gegenwart“ so hoch?

Das erlebende Selbst und das erinnernde Selbst

Was uns das „Hier und Jetzt“ wirklich wert ist, können wir mit einem Gedankenspiel messen, das Kahneman bei einem Interview formulierte. Es geht so:

Frage Dich, wie viel Geld Du für einen Urlaub ausgeben würdest. Eine ungefähre Ahnung reicht, es muss gar keine konkrete Zahl sein. Im nächsten Schritt, stell Dir folgendes vor: Du erlebst diesen Urlaub genau so, wie Du ihn Dir wünschst, inklusive Cocktails mit Schirmchen, malerischen Sonnenuntergängen, leckerem Essen, weltverändernden Erlebnissen. Aber am Ende des Urlaubs werden alle Deine Bilder und Videos zerstört, alle Postkarten verschwinden für immer, alle Deine Social-Media-Posts werden gelöscht. Du selbst wirst nach bester Men-in-Black-Manier „geblitzdingst“, Deine Erinnerungen an den Urlaub werden vollständig ausgelöscht. Was wäre Dir der selbe Urlaub nun wert, wenn Du die Erinnerungen daran nicht hättest? Laut Kahneman antworten die meisten Menschen auf diese Frage, dass sie in diesem Fall lieber gar nicht verreisen und sich Geld, Zeit und Kraft lieber sparen würden. „Es ist eben nicht das Erleben in Echtzeit, das am Ende zählt. Es ist die Erinnerung daran“, sagt Kahneman. Wir bewerten also das, was Kahneman „Erinnerndes Ich“ nennt, oft höher, als das „Erlebende Ich“, das nichts kennt als den unmittelbaren Moment.

Ist der gegenwärtige Moment egal?

Unsere Jagd nach immer großartigeren Erinnerungen und Geschichten, die Foto-Flut auf Instagram, das Lebenslauf-Polieren, die Angst, etwas zu verpassen – all das könnte also auf das Konto unseres „Erinnernden Ichs“ gehen. Oft planen wir unser Leben auch anhand der Erinnerungen, die wir uns von etwas versprechen. „Wenn ich diesen Job bekomme und irrsinnig reich werde, werden noch meine Urenkel stolz auf mich sein“, „Mit dieser Person werde ich mein Leben lang auf rosa Wolken schweben“, „Wenn ich diese Reise mache, kann ich megacoole Fotos auf Instagram posten“, „Was werden die anderen Augen machen, wenn ich mit dieser Karre um die Ecke biege“ – solche Dinge haben wir manchmal im Hinterkopf, auch wenn wir es gar nicht merken. Wir können unser Leben nunmal nur rückblickend betrachten und bewerten. Die „Höchststand-Ende-Regel“ ist aus evolutionärer Perspektive auch sinnvoll.

Fürs Überleben waren vor allem zwei Dinge wichtig: 1. Ging es gut aus? Und 2.: Was konnte schlimmstenfalls geschehen?

Aber auch, wenn es nicht ums nackte Überleben geht, werden diese Erinnerungen und Geschichten doch am Ende alles sein, was wir haben, oder? Irgendetwas müssen wir ja zu erzählen haben, wenn wir steinalt mit den anderen Alten im Schaukelstuhl um die Wette schaukeln und unser Leben gelebt haben.

Wie viel ist Dir die gute Geschichte wert?

Die Wahrheit ist aber: Selbst die Erinnerungen haben wir nicht sicher. Auch gute Momente können rückblickend, sogar Jahre später, „entwertet“ werden. Der Ehemann stellt sich nach einiger Zeit doch als Arsch heraus: „So viele Jahre habe ich an ihn verschwendet“, heißt es dann. Die Selbständigkeit fährt gegen die Wand und wir glauben, die Idee war doch von vornherein Mist. Selbst unsere guten Momente sind also nicht sicher. Todsicher ist hingegen: Wir werden tatsächlich „geblitzdingst“ früher oder später. Ob wir im Alter vergesslich werden oder an Demenz erkranken, oder ob es erst mit dem Tod geschieht – wir werden die Erinnerungen und Geschichten, die uns so wichtig sind, restlos und unwiederbringlich verlieren. Nichts bleibt nun mal für immer. Kahnemans Gedankenspiel ist also eigentlich die Realität: Wir bezahlen für Urlaube, obwohl wir die Erinnerung daran verlieren werden. Nur eben nicht unmittelbar danach. Paradoxerweise gehört uns also möglicherweise wirklich nur das wohl flüchtigste Ding der Welt: der Moment, den wir gerade erleben. Er gehört uns nur so lange er dauert, bevor er vergeht. Wir können ihn nicht festhalten, nicht einfrieren, nicht zurückspulen. Aber er gehört uns genau jetzt mit Sicherheit. „Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen“, heißt es in „Momo“ von Michael Ende. Und vielleicht ist nur die Zeit wirklich verloren, die wir nicht aus vollem Herzen leben. Nicht für die Erinnerung, sondern einfach für den Moment.

Warum wir uns trotzdem nicht mit dem „ewigen Leben im Hier und Jetzt“ stressen brauchen, das erfährst Du hier.

Photo: Life in the city von Ollyy / Shutterstock