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Text von: Christina Fischer

Es gab einen „Ort der Schande“ in unserer Wohnung. Er befand sich in meinem Arbeitszimmer und glich einer Art Friedhof. Dort ruhte all das in Frieden, was ich einmal für meine große Leidenschaft gehalten habe, einen Teil von mir, etwas, das mich ausmacht. In einer Schublade schlummerten kleine Bücher mit Romanideen, die nie den Weg aufs Papier gefunden haben, in einer anderen kauerte mein Tae-Kwon-Do-Anzug beschämt zwischen den fancy Sportklamotten fürs Fitnessstudio (Vertrag seit Monaten gekündigt). In einer Ecke lehnte meine Yogamatte geknickt an der Wand und im Regal verstaubte eine Spiegelreflexkamera eingerahmt von diversen „So-werden-Sie-ein-Spitzenfotograf“-Ratgebern, unter der Dachschräge darbte seit Jahren meine alte Nähmaschine. Zwischen all diesen Dingen hockte ich und wurde von ihnen verhöhnt. Sie flüsterten kaum hörbar „Versagerin“ in mein Ohr, und: „Nichts kannst Du mal zu Ende bringen, nichts ziehst Du durch“.

Ich bin nun über 30 Jahre alt und habe die große Berufung noch immer nicht gefunden. In Zeiten, in denen gefühlt alle nach ihrer großen, erfüllenden Lebensaufgabe suchen (und sie gefühlt auch alle finden), fühlt sich das wie Versagen an. Wie die Fünf im Mathetest, obwohl Du dachtest, Du hast diesmal wirklich alles verstanden.

Durchgefallen?

Vielleicht gibt es für mich einfach gar keine große, wichtige Aufgabe, denke ich dann oft. Vielleicht bin ich eben einfach ein kleines Licht, eine graue Maus, ein Durchschnittsmenschlein. Das sind ja schließlich die meisten Menschen, denn sonst würden die Besonderen ja nicht so herausstechen. Und wie soll ich denn überhaupt noch die Welt retten, wenn die anderen sie doch schon die ganze Zeit retten mit ihren weltverändernden Businesses und Bestsellern und ihrem ganzen Fame und ihren großartigen Berufungen?

Meine Leidenschaft für Ideen, Dinge und Projekte flammt zwar oft auf, doch noch bevor sie heiß genug ist, um meine Berufung darin zu schmieden, ist sie wieder verglüht. Die Bestsellerautorin Elizabeth Gilbert („Eat, Pray, Love“) hat viele Jahre damit zugebracht, von der großen Leidenschaft zu schreiben und zu sprechen – bis sich eines Tages eine Frau wie ich frustriert bei ihr beschwerte: Sie kenne nun mal nicht ihre eine große Berufung, schrieb sie Gilbert. Ob das nun hieß, dass ihr Leben jetzt sinnlos und verwirkt sei? Das brachte Gilbert ins Grübeln.

Presslufthämmer und Kolibris

In ihrem TED-Talk „The Flight of the Hummingbird“ spricht Gilbert über eine Einsicht, die ihr nach dieser Beschwerde kam. Sie selbst mochte zwar diese Berufungs-Erleuchtung gehabt haben, aber vielleicht musste das nicht bei allen Menschen genau so sein. Vielleicht führt der Weg zur Berufung eben nicht zwangsläufig mit 120 Kilometer pro Stunde auf der Überholspur den Highway entlang immer auf ein genau definiertes Ziel zu. Menschen wie Gilbert, die eine große Leidenschaft besitzen und ihr kompromisslos folgen, nennt sie „Presslufthämmer“. Sie verfolgen ihr Ziel mit Nachdruck, ihre große Lebensaufgabe schwebt über ihnen wie ein Heiligenschein, der sie stets erleuchtet.

Und dann gibt es noch die anderen, wie mich und vielleicht auch wie Dich. Die sich ohne Heiligenschein statt über die Autobahn zu heizen eher gefühlt durch die Büsche schlagen und im dichten Unterholz ihrer vielen Ideen und Interessen nach Spuren suchen, die sie auf ihren Weg führen könnten. Gilbert nennt diese Typen „Hummingbirds“, zu Deutsch: Kolibris, die von Blüte zu Blüte schwirren. Und, weniger poetisch, eben einfach mal überall hinein schnuppern und gegebenenfalls weiterziehen. Der Stoff, der die Presslufthämmer antreibt, ist Leidenschaft. Kolibris folgen jedoch einem anderen Leitstern: Neugier. Im TED-Talk sagt Gilbert:

„Leidenschaft kann manchmal einschüchternd wirken – ein entfernter Turm aus Flammen, der nur für Genies zugänglich ist und für diejenigen, die von Gott besonders berührt werden. Aber Neugier ist für jeden verfügbar.“ Das Problem ist nur: Wir glauben in unserer Leistungsgesellschaft meist, dass Leidenschaft besser ist. Wer leidenschaftlich ist, der brennt für die Sache, ist motiviert, gibt immer 100 Prozent, bringt Leistung, ist ein „Macher“. Wer einfach nur spielerisch seiner Neugier folgt, der nimmt die ganze Sache doch einfach nicht ernst genug, oder?

Falsch, sagt sogar die Wissenschaft. In mehreren Studien wurde inzwischen nachgewiesen, dass Neugierige im Schnitt sogar bessere Arbeitsergebnisse abliefern. Denn das Gehirn speichert Informationen viel schneller und umfänglicher ab, je neugieriger wir auf ein bestimmtes Thema sind.

Wir müssen nicht Steve Jobs sein

Trotzdem: Ist die Lebensaufgabe nicht über uns gekommen wie der heilige Geist, dann suchen wir sie meist fieberhaft. Es muss doch einen Grund geben, warum wir hier sind, sagen wir uns. Und während wir jeden Stein auf der Suche nach unserer ganz individuellen Lebensaufgabe umdrehen, lächeln die Großen aus dem Berufungs-Olymp triumphierend auf uns herab. Und je mehr Auserwählte in diesen Berufungs-Olymp aufsteigen, desto kleiner wird zwangsläufig auch der Teich der Berufungen, die sonst noch niemand hat. Weil ja jeder nur eine ganz bestimmte ureigene Berufung hat. Oder nicht?

Der US-amerikanische Erfolgsautor und Unternehmensberater Simon Sinek glaubt das nicht. Er bezweifelt in seinem Buch „Together is better: A Little Book of Inspiration“, „dass wir alle eine Vision ‚haben‘ müssen. Eine große, mutige, die Welt verändernde Steve-Jobs’sche Vision. Das ist nicht nur total unrealistisch, es ist eine große Belastung für die große Mehrheit von uns, die nicht Steve Jobs sind.“ Sinek schlägt vor, eine Vision zu „finden“ statt schlicht zu „haben“. Der Unterschied ist, dass es aus dieser Perspektive total okay ist, auf der Suche zu sein und wir uns deswegen nicht beschämt vor der Welt verstecken müssen. Und mehr noch: Geht es nach Sinek, ist es gar nicht notwendig, dass wir zwanghaft eine Vision suchen, die noch keiner vor uns hatte.

„Es gibt definitiv Visionäre da draußen“, schreibt Sinek nämlich, „Menschen, die ein Gefühl für eine andere Zukunft und die Fähigkeit haben, es auszudrücken. Wenn wir ihre Vision mögen, können wir uns entscheiden, ihnen oder ihrer Vision zu folgen. Ihre Vision wird unsere und wir können sie nutzen, um unsere Entscheidungen zu treffen. Es ist genauso inspirierend, einer Vision zu folgen, die mit uns räsonniert, wie unserer eigenen“. Wenn uns also jemand inspiriert, uns anspricht, uns neugierig macht (wo wir wieder bei Gilberts Kolibris wären), bricht uns kein Zacken aus der Krone, wenn wir ein Stück auf diesem Weg mitgehen oder uns einen Teil dieser Vision mit in unser eigenes Leben nehmen.

Der Weg der Neugierigen

Nur, weil wir eine Zeit lang jemandem folgen, heißt das nicht, dass wir niemals eigene Spuren hinterlassen werden. Es ist nur ein anderer Weg hin zu dem, was unser Leben erfüllen kann. Vielleicht so, als würden wir eine schönere, aber längere Route nehmen, um ein bisschen die Landschaft zu genießen. Elizabeth Gilbert dazu:

„Wenn du Deine Leidenschaft loslassen und Deiner Neugier folgen kannst, führt dich Deine Neugier vielleicht zu Deiner Leidenschaft“ – oder Berufung. Wir neugierigen „Kolibris“ befinden uns im Übrigen in prominenter Gesellschaft. Beispielsweise gab Albert Einstein (einer, der definitiv in den Olymp der Großen gehört) einmal zu:

„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Und Walter Moers (der „Die Stadt der träumenden Bücher“ schrieb) sagte sogar, dass die Neugier „die mächtigste Antriebskraft im Universum“ sei, „weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.“

Auch wer sucht, befindet sich auf dem Weg. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass unser ganz eigener Weg – so holprig und verschlungen er sein mag – uns zu einer großen, lebenserfüllenden Berufung führt. Vielleicht ist für uns auch der Weg das Ziel, weil er so bunt und spannend ist, dass wir gar nicht irgendwo ankommen wollen. Denn auch das neugierige Schnuppern an verschiedenen Blüten kann bereits sehr glücklich machen. „Die Glücklichen sind neugierig“, sagte schließlich schon Friedrich Nietzsche. Dazu müssen wir uns jedoch erlauben uns auf unsere Neugier einzulassen und manchmal eben auch Dinge und Ideen zu verwerfen, die uns einfach nicht mehr packen – oder sie wieder aufzugreifen falls doch.

Ich habe mir inzwischen erlaubt, meinen „Ort der Schande“ in „Ort der Ideen“ umzubenennen. Denn wer weiß, auf welche Ideen ich als nächstes komme? Neben der Yogamatte ist noch Platz.

Mehr unter An alle, die glauben, sie hängen im Leben hinterher.

Photo: Woman hiking von  Breslavtsev Oleg / Shutterstock