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Text von: Lena Schulte

Ja, ja. Die Realität. Die blöde Kuh. Wie oft hat sie sich einfach dazwischengedrängt, zwischen mich und meine Ziele. Wie oft hat sie mich selbst als Märchentante entlarvt? Und plötzlich war ich doch nicht dazu gemacht, reich und berühmt zu werden (oder zumindest ein kleiner Statist in der coolen Schulhofgang, die im Bus immer hinten sitzt). Genau so wenig, wie ich ein unterfordertes Genie war – sondern einfach nur hochgradig versetzungsgefährdet. Und „in der Uni werde ich alles anders machen“ lief auch nur, bis ich auf die ersten WG-Partys eingeladen wurde.

Es gibt viele Arten, sich selbst hinters Licht zu führen. Mein Favorit ist, mir selbst zu erzählen, dass ich mich von jetzt an wirklich nicht mehr selbst verarsche. Deswegen ist es manchmal sinnvoll, an anderen Stellen des Lebens nachzusehen, ob man das auch durchzieht, was man sich von sich selbst wünscht. Hier ein paar Denkanregungen, die darauf hindeuten, dass Du auf einem guten Weg zu Dir und Deiner Wahrheit bist:

1. Du lügst weniger für den Schein

„Klar geht’s mir gut“, sagt Helen, obwohl sie seit Wochen eine depressive Episode schiebt und keine Nacht mehr durchgeschlafen hat.

„Klar bin ich über ihn hinweg“, sagt Lena, weil ein halbes Jahr schon längst vorbei ist und es mir unfassbar peinlich ist, dass ich meinen Liebeskummer immer noch nicht im Griff habe. „Mein Tinder stürzt alle fünf Minuten ab, so fleißig bin ich wieder im Game.“

Was erzählen wir anderen (und vor allem uns selbst) nicht gerne alles, nur um irgendwie den Schein zu wahren. In der Hoffnung, irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen. Und ja, es tut weh, wenn die Realität nicht so ist, wie sie (vermeintlich) sein sollte. Und noch schlimmer ist es, wenn wir unseren eigenen Erwartungen nicht gerecht werden.

Aber ab dem Moment, in dem wir es ertragen können, dass im Leben nicht immer alles glatt läuft, werden wir frei. Wenn wir keine Lust mehr auf den Schein haben und uns mehr dem Sein hingeben, dann gestehen wir dem Leben seinen natürlichen Lauf zu. Und desto mehr gestehen wir uns uns selbst zu.

2. Du führst mehr gute als schlechte Beziehungen

In jeder Beziehung gibt es mal vergnügliches Steppen in der besten Stepp-Disco von Kleinkleckersdorf und mal Tauchgang im Stadtklärwerk Castrop-Rauxel, inklusive verschlucken. Langfristig gesehen sind Beziehungen jedoch immer ein Spiegel unserer Ehrlichkeit. Wenn wir die Beziehungen führen, die wir führen wollen, haben wir gelernt, uns selbst gegenüber ehrlich einzugestehen, was wir wirklich brauchen und wollen.

Wir haben den Mut gefunden, unsere Bedürfnisse zu kommunizieren. Kompromisse zu finden. Und – wenn es nicht (mehr) passt – uns mit Respekt zu trennen. Kein aussichtsloses Warten und vergebliches Hoffen darauf, dass sich der andere vielleicht doch noch ändert. Uns vielleicht doch noch irgendwann respektiert und unseren Wert erkennt. Wir ziehen lieber weiter. Zu den Menschen, die wir wirklich brauchen. Und die uns brauchen.

3. Du übernimmst zu 100 Prozent die Verantwortung für Dein jetziges Leben

Obwohl man Dir unfassbar wehgetan hat. Man Dir Steine in den Weg gelegt hat. Dich damit vielleicht sogar übel abgeworfen hat. Immer wieder. Aber irgendwann begreifst du, dass Verantwortung übernehmen kein Schuldeingeständnis ist. Du begreifst, dass es nicht Deine Schuld ist, wenn man Dich wie einen Fußabtreter behandelt hat und Du Dich deswegen (vielleicht immer noch) schlecht fühlst. Und es ist auch nicht Deine Schuld, wenn Du krank bist oder wirst und nicht mehr so kannst, wie Du es gerne möchtest.

Die Schuldfrage hat mir eigentlich nie Antworten gegeben, die mich wirklich voranbringen konnten. Sie war immer nur ein billiges Pflaster auf meinen Wunden, das beim nächsten Drama gleich abriss und noch mehr Schaden anrichtete. Und vor allem hat die Frage nach der Schuld meinen Blick stets auf die Vergangenheit gerichtet.

Manchmal ist es jedoch leichter, die Antwort in der Gegenwart suchen. Die Gegenwart ist der Ort, an dem die Verantwortung beginnt. Dort fangen Deine Zukunft und Deine Gestaltungskraft an. Nicht gestern. Nicht mit irgendwelchen Schuldigen, die es wahrscheinlich eh nicht interessiert, was sie angerichtet haben. Heute ist es Deine Verantwortung, Dich von gestern zu erholen. Heute ist es Deine Verantwortung, gut zu Dir zu sein.

4. Du weißt, was „genug“ bedeutet

Weil Du (oft) genug probiert hast, andere mit Deinem aufgemotzten Fiat Panda zu beeindrucken. Weil Du oft genug von Party zur Party gerannt bist, nur um bloß nichts zu verpassen – und absolut nichts verpasst hast. Weil Du Dir lang genug die Nächte um die Ohren geschlagen hast, um Deinen Boss bloß zufriedenzustellen. Weil Du Dir lang genug das Gejammer Deiner achtzigjährigen Nachbarin angehört hast, wie sehr sie der eingewachsene Zehennagel ihres Toy-Boys stört. Und vielleicht auch, weil du genug Alkohol getrunken hast, um zu wissen, dass sie Deine Gefühlswanne nur temporär füllt, bevor das Erwachen und die Leere kommen.

Du hast nicht nur ein Sorgerecht Dir gegenüber, Du hast auch eine Sorgepflicht. Zu wissen, wann genug ist, bedeutet, dass Du Deiner Sorgepflicht Dir selbst gegenüber gewachsen bist. Dass Du wirklich ER-wachsen bist und Dich um Dein Leben kümmern kannst.

5. Du bist zu 70 Prozent der Zeit Du selbst

Und nicht mehr zu 100 Prozent die Person, die niemals unangenehm auffällt, weil sie (angeblich) immer mit Grazie und Anmut über das Parkett des Lebens tanzt.

Wie oft haben andere (und ich) mir erzählt, ich solle weniger fluchen. Mich mehr wie eine Dame benehmen. Wenn ich meinen natürlichen Hang zum Fluchen allerdings zu sehr unterdrücke, dann immer nur in der Hoffnung, dass mich andere leiden können. Damit sperre ich mich ein und erzähle mir, dass ich falsch bin, so wie ich bin, bis es dann (zum unpassendsten Zeitpunkt) aus mir herausbricht. So ist es immer: Unser wahres Ich bricht irgendwann aus, wenn wir es übertrieben einsperren. Also fuck this shit. Nimm Dir keine Zeit mehr für sowas!

Wir haben ein Recht auf die Freiheit unserer Persönlichkeit. Zumindest zu…sagen wir mal 70 Prozent. 100 Prozent sind zu unrealistisch, finde ich. Es gibt immer mal Situationen, in denen wir uns nicht mögen, in Veränderungsprozessen stecken oder einfach besser fahren, wenn wir unser Verhalten den Umständen etwas anpassen („Jo, fuck, Oma, Dein Kuchen ist aber echt nicht lit heute! Drop mal gescheiten Stuff über den table!“).

Wenn wir aber zu 70 Prozent unserer Lebenszeit mit uns und unseren Macken zufrieden sind und so leben, wie wir sind, ohne Angst… Dann, finde ich, haben wir schon echt ein gutes Level der Selbstakzeptanz und Selbstregulierung erreicht.

Ich werde wahrscheinlich niemals vollständig aufhören, mir irgendwelche Dinge zu erzählen, die nicht stimmen. Zum Beispiel, dass ich „morgen wirklich anfange“. Aber inzwischen weiß ich immer besser, welche inneren Dialoge ich ernstnehmen kann – und welche nicht. Und das ist, finde ich, schon einmal ein ziemlich guter Anfang.

Photo (oben): Anastasia Migunova, Lizenz: CC BY 2.0