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Text von: Romy Hausmann

Kürzlich, als eine Freundin abends auf ein Gläschen Wein bei mir zu Besuch war, lernte ich ein neues Wort kennen. „Phubbing!“, rief sie über den Küchentisch, so laut und überraschend, dass mir glatt mein Handy in den Schoß gefallen ist, und mein Zeigefinger, mit dem ich gerade durch meine Instagram-Startleiste gescrollt war und großzügig Likes verteilt hatte, ausgestreckt in der Luft erstarrte. Phubbing, hä?

Ja, Phubbing – genau das, was ich in diesem Moment praktizierte. Ein zusammengewürfteltes Wort aus dem Englischen „phone“ („Telefon“) und „to snub“ („brüskieren“) – und eine ziemlich doofe Angewohnheit obendrein. Man sitzt gemeinsam am Tisch und vernachlässigt das Gegenüber, weil man nur mal kurz die Emails oder die Gefällt-mir-Angaben checken oder ein paar Filter über das Foto vom letzten Schiss des Patenbabys legen will.

Oder auch andersrum. Man möchte an Schatzis Arm durch die leuchtend bunte Herbstwelt flanieren, aber Schatzi kriegt von der Farben-Disko gar nichts mit, weil der Blick stur nach unten geht, an der echten Welt vorbei aufs Display.

Was Phubbing mit unseren Beziehungen macht

Inzwischen gibt es zahlreiche Studien rund um unsere Handynutzung und deren Auswirkungen. So haben chinesische Wissenschaftler bereits festgestellt, dass Phubbing die Zufriedenheit in einer Ehe verringern kann, bis hin dazu, dass der oder die Ehepartner/in, der oder die sich ständig zurückgesetzt fühlt, möglicherweise sogar Depressionen entwickelt. Aber auch in Freundschaften ist Phubbing ein Problem. Der penetrante Display-Glotzer auf der anderen Seite des Tisches wird als unhöflich und unaufmerksam wahrgenommen. Die mitmenschliche Verbindung, die wir im Verlauf eines Gesprächs normalerweise entwickeln, wird gestört; echte, tiefe Gespräche kommen schon gar nicht mehr zustande.

Im Gegenteil ist aber auch belegt: Gespräche, bei denen keine Smartphones auf dem Tisch liegen, werden als wichtiger und bedeutungsvoller eingestuft. Wir empfinden – ganz unabhängig vom Alter, dem Geschlecht oder der ethnischen Herkunft unseres Gegenübers – mehr Empathie.

Eigentlich ganz logisch. Solange wir auf unsere Handys starren, schauen wir unser Gegenüber nicht an. Nehmen seine Gesichtsausdrücke nicht wahr. Die kleine Träne, die sich vielleicht im Augenwinkel gebildet hat. Die Stirn, die sich runzelt. Das zarte Lächeln. Wir verpassen die Nuancen im Tonfall. Das leicht ängstliche Zittern in der Stimme oder die Freude. Wir bemerken die Körperhaltung nicht. Die hängenden oder versteiften Schultern. Kurzum: Wir verpassen den Menschen, der uns gegenübersitzt, mit all seinen Gefühlen und Bedürfnissen – und das für einen Facebook-Like.

Warum wir lieber aufs Display schauen als einander in die Augen…

Erwiesenermaßen geht’s beim ständigen Handygedaddel um – Achtung, noch ein neues Wort! – „Fomo“, „Fear of missing out“, also um die Angst, etwas zu verpassen. Ebenso soll Social Media einen ganz erheblichen Einfluss auf unser Selbstwertgefühl haben. Klar, wenn mein Bild vom Schiss des Patenkindes zehn Likes einfährt, fühle ich mich ergo von zehn Leuten wahrgenommen und dadurch wichtig. Und dann ziehe ich eben in regelmäßigen Abständen wieder und wieder das Handy hervor – nur um mal schnell zu gucken, ob nicht in dieser Sekunde vielleicht der elfte Like eingegangen ist. Zudem bieten uns die sozialen Medien eine kontrollierte Welt. Selbst wenn ich im echten Leben Stress mit Schatzi habe und überdies nicht weiß, wie ich diesen Monat die Miete bezahlen soll, kann ich immer noch ein Foto aus meinem letzten Urlaub posten, wo ich mit einer halbierten Kokosnuss samt Cocktailschirmchen im Bikini an einer Palme lehne. Somit kann ich wenigstens nach außen hin so tun, als wäre mein Leben ziemlich prima. Vielleicht liegt darin also der Reiz. Die digitale Welt erscheint uns einfacher, kontrollierbarer und sie „belohnt“ uns sofort. Das unterscheidet sie von der echten Welt, den echten Menschen um uns herum, den echten Problemen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Hallo, mein Name ist Romy und ich habe ein Problem…

Ja, es stimmt. Social Media kann süchtig machen. Inzwischen verbringen wir im Schnitt 135 Stunden pro Tag damit. Zudem haben die meisten von uns seit 2012 doppelt so viele Social Media-Accounts – für doppelte Sichtbarkeit und doppelt so viele Belohnungskicks. Unser Tag dagegen hat natürlich immer noch nur 24 Stunden. Von irgendetwas aber muss die Zeit, die wir auf Facebook und Co. verbringen, abgehen. Und da die meisten Chefs ja blöderweise immer noch darauf bestehen, dass wir während der Arbeitszeit produktiv sind, bleibt dann oft nur die Freizeit. Die Zeit, die wir mit unseren Lieben verbringen könnten.

Ich will ehrlich sein: mir ist meine Handynutzung oft gar nicht klar. Ich gehe selten bewusst online, will ja „nur schnell mal schauen“. Oft sind es auch kleine Energielöcher, die ich damit zu stopfen versuche. Dann, wenn ich gerade an einem Text nicht weiterkomme. Wenn der Satz, den ich schreiben will, es einfach noch nicht aus dem Kopf in die Tastatur schafft. Oder wenn ich weiß, dass ich gleich losmuss, um mein Kind vom Turnen abzuholen, und jede andere Tätigkeit mir vorkommt, als lohne sie sich nicht mehr. Klar könnte ich in dieser Zeit auch einfach einen Tee trinken, drei bis fünf herabschauende Hunde machen oder den Abwasch wegräumen. Doch all das ist mit Aufwand und Anstrengung verbunden – zumindest in meinem Kopf. Diese Mechanismen verfolge ich, wenn ich alleine bin. Das Doofe ist nur, dass ich mittlerweile so darauf konditioniert bin, dass ich sie auch in Gesellschaft anwende.

Phubbing vs. Achtsamkeit

Vor ungefähr einem Jahr, als ich mein Buch zu Ende schreiben wollte, hatte ich einen hellen Moment. Wieviel Schreibzeit mir verdammt noch mal entging, weil ich ständig zwischendurch auf Social Media herumhopste. Für einen kompletten Monat habe ich mir dann ein Verbot aufgelegt. Den Shortcut auf dem Handy gelöscht und bewusst auf sämtliche Likes verzichtet. In diesem Monat habe ich ungefähr 100 Seiten Roman geschafft, neben Brotjob, Haushalt und Kind. Darum geht es also: um den hellen Moment. Das Begreifen, was Social Media mit uns macht. Sich selbst die Frage zu stellen, ob der kurze Belohnungs-Kick durch ein paar Likes alles andere wirklich ersetzen kann. Es geht um Achtsamkeit. Eine Zeitlang komplett verzichten oder sich – was mir persönlich alltagstauglicher erscheint – feste Zeiten zulegen. Wie früher bei Mutti, die unsere Fernsehzeit regulierte: „Nur ein Stündchen nach dem Abendbrot, sonst wirst Dein Gehirn Matsch und Du kriegst Stielaugen.“

Überlegen wir, was wir in unserer Handy-freien Zeit alles machen könnten. Den Roman schreiben. Mit Schatzi die Farben-Disko im Herbst genießen und gemeinsame Momente schaffen, die nachhaltiger sind als ein paar Likes. Die besten Gespräche unseres Lebens führen. Richtig und echt leben, anstatt nur als digitale Mogelpackung.

Photo: Smartphone von iko / Shutterstock