Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Soll die Welt doch erst mal mir helfen,
dachte ich lange Zeit, bevor ich mich zu guten Taten aufschwinge.

Einer Dame die Tür aufgehalten und so hab ich schon, so ist es nicht. Was darüber hinausging, ging jedoch an mir vorüber, wie ein Klagelaut an einem Gehörlosen. „Hilfsbereit“, dachte ich, so nennt man doch nur Menschen, an denen man sonst nichts Gutes findet, in der Schule zum Beispiel, wenn jeder die positiven Eigenschaften eines Klassenkameraden aufschreiben sollte, der eigentlich einfach nur nervt und zurecht keine Freunde hat.

Auch heute bin ich weit davon entfernt, ein Vater Theresa zu sein, aber die Richtung stimmt, denke ich. Ich öffne nicht für jeden Bettler mein Portemonnaie, manchmal teile ich so ungern wie das verzogenste Einzelkind (bin ja auch eins), und vermutlich entgehen mir noch immer gewollt oder ungewollt reichlich Gelegenheiten, zu helfen und Gutes zu tun.

Naja, jedenfalls setze ich mich schon länger auseinander mit dem Thema, und heute ist der Tag, an dem ich darüber schreibe, und ab dem Du und ich mehr Gutes tun können, wenn Du magst und es Dir möglich ist. Vielleicht helfen Dir die folgenden Gründe, einmal häufiger am Tag als bisher jemandem zu helfen, der Deine Unterstützung braucht.

Helfen ist außerdem längst nicht selbstlos, sondern auch für den Helfenden ein Rezept für mehr Gesundheit und Glück – sich selbst und anderen Gutes zu tun ist also gar kein Widerspruch. Das gilt umso mehr, je gestresster Du bist und je mehr Du glaubst, für so was gar keine Zeit zu haben.

#1 Helfen ist gesund

Die Natur hat’s so eingerichtet: wenn wir helfen, gibt unser Körper chemische Substanzen ins Blut ab, die sich nicht nur gut anfühlen und die Laune bessern, das Herz ruhiger schlagen lassen und Stress abbauen, sondern – wenn wir regelmäßig helfen – auch unser Leben verlängern.

Aber sieh selbst:

  • Wissenschaftler befragten 423 Ehepaare aus Detroit im Alter von über 65, ob sie im letzten Jahr jemand anderem als sich gegenseitig halfen, etwa dabei, die Kinder zu betreuen, einkaufen zu gehen, beim Umzug oder der Hausarbeit etc. Die Sterblichkeitsrate der Paare, die anderen halfen, war in den nächsten fünf Jahren war nur halb so hoch wie die der nicht-helfenden Paare.
  • Aus einer anderen Studie ist bekannt, dass Menschen, deren Ehepartner starben, sich deutlich schneller von den folgenden depressiven Stimmungen erholten.
  • Anonyme Alkoholiker, die sich gegenseitig beim Kampf gegen die Sucht halfen, waren mit doppelter Wahrscheinlichkeit ein Jahr später trocken und waren ebenfalls weniger depressiv.
  • Selbst bei Jugendlichen, die dazu verdonnert werden, „Freiwilligenarbeit“ zu leisten, zeigen sich solche Effekte, obwohl sie zu Beginn nur widerwillig mitmachten. Einer Studie der Uni Wisconsin zufolge bringt die Mitarbeit weiterhin geringeren Drogenmissbrauch, weniger Teenage-Schwangerschaften und bessere Schulnoten mit sich.
  • Wer regelmäßig spendet, so zeigen verschiedene Untersuchungen, fühlt sich ebenfalls glücklicher.
  • Kinder, die als fürsorglich beschrieben werden und ihren Mitmenschen Gutes tun, sind als Erwachsene mehr vor Herzerkrankungen und Depressionen.

Woran liegt das, warum ist helfen so gesund?

  • Wenn wir jemandem helfen, gehen wir ein Risiko ein und machen uns verletzbar, wir überwinden eine Angst, der Körper schüttet das Bindungshormon Oxytocin aus, das ebenso beim Orgasmus sowie beim Stillen eines Kindes aktiviert wird und sowohl Stress lindert als auch Vertrauen und Zuversicht stärkt.
  • Allein wer daran denkt, einem anderen zu helfen oder dabei zuschaut, kann zudem erleben, wie die körpereigene Droge Dopamin ausgeschüttet wird, die die Stimmung hebt und bei Depressionen auch von außen verabreicht wird. Bekannt ist dies unter anderem aus einer Studie mit Harvard-Studenten aus 1988. Die eine Hälfte der Studenten schaute ein Video an, in dem Mutter Theresa ihr großes Herz bewies, die andere ein Video von Leuten, die Kartoffeln schälten. Das Ergebnis: die erste Gruppe hatte eine stark positiv veränderte Biochemie im Blut. Mit einem ähnlichen Resultat wiederholte man die Studie, dieses Mal jedoch sollten die Studenten der Testgruppe nur daran denken, zu helfen. Beim tatsächlichen Helfen sind die Vorteile trotzdem größer.

Das alles heißt nicht, dass Du Dich selbstvergessen selbst vergessen und völlig verausgaben sollst. Helfen kann nämlich auch ungesund sein:

  • Bei schweren Depressionen hilft helfen nicht, nur bei leichten und mittelschweren.
  • Hilfe aus reiner Verpflichtung kann der Gesundheit schaden. Das gilt für Spenden wie für die Pflege bettlägeriger Eltern gleichermaßen.
  • Zu viel zu helfen – und zu viele Abstriche bei der eigenen Erholung zu machen – verstärkt den Stress und erhöht das Risiko stressbedingter Krankheiten. Wer mit den eigenen Kindern schon gut ausgelastet ist, sollte, die Forscher, lieber sein Mitgefühl ihnen gegenüber kultivieren und etwa lernen, den Familienmitgliedern besser zuzuhören.
  • Mehr als zwei Stunden wöchentlicher Freiwilligenarbeit bringen übrigens keine zusätzlichen gesundheitlichen Vorteile. Zwar kann natürlich auch die dritte Stunde in der Woche viel bewirken, nur scheint sich das eben nicht auf Körper und Seele niederzuschlagen.

#2 Helfen lässt uns wachsen

Helfen macht uns stärker. In unseren Fähigkeiten, weil wir diese trainieren. Emotional, weil wir uns öffnen. Und spirituell, weil wir das Ego überwinden und unsere Energie für Dinge einsetzen, die größer sind als wir selbst.

Besonders gilt das, wenn wir dabei unsere Erfahrungen und Stärken einbringen. Die beste Hilfe leisten Menschen, die ähnliche Situationen durchgemacht haben (oder durchmachen) wie die Hilfsbedürftigen – Wissenschaftler sprechen dabei vom „Wunderheiler-Prinzip“. So halfen in einer Studie Patienten mit Multipler Sklerose, anderen Betroffenen 15 Minuten pro Monat telefonisch zur Seite zu stehen, mit folgendem Resultat: die Helfer fühlten sich selbstbewusster, selbstwirksamer und weniger depressiv. Eine ähnliche Untersuchung dreht sich um Patienten mit chronischen Schmerzen, die ebenfalls Leidensgenossen halfen. Diese Helfer verfielen nicht nur seltener in Depressionen, sondern berichteten auch von gelinderten Schmerzen.

Bei ehrenamtlicher Arbeit sind persönliche Eignung und Überzeugung von der Sache, wie die Forschung zeigt, auch Voraussetzung dafür, länger am Ball zu bleiben und etwa dem Opa im Heim nicht nur die halbe Geschichte vorzulesen, bevor man nach Hause geht uns sich nie wieder blicken lässt. Das gilt für alle Farben und Formen guter Taten. Und gibt es uns nicht auch Selbstvertrauen, langfristig umzusetzen, was wir uns vornehmen?

#3 Helfen verbindet und schafft Sinn

Helfen stellt eine Verbindung her zwischen dem, der gibt, und dem, der empfängt. Dadurch können nicht nur tiefe Freundschaften entstehen, sondern auch Sinn. Als sinnvoll erleben wir schließlich das, was Beziehungen erkennen lässt. Ein Satz wird ja auch dann sinnvoll, wenn seine Worte miteinander in Beziehung stehen. Wie die Worte im sinnvollen Satz, so verbinden wir Menschen uns im sinnvollen Leben.

Wir fühlen uns außerdem mehr gebraucht auf und verwurzelt in der Welt. Mehr als jede Jagd nach Geld und Ruhm es je schaffen kann.

Gerade wenn Dich eine Leere plagt, wenn Du nicht geerdet bist, könnten ein paar gute Taten Wunder wirken.

#4 Helfen schafft Wert

Das Prinzip, das mich seit über zweieinhalb Jahren vom Internet leben lässt (nicht reich wie ein Scheich, dafür aber fast so frei wie ein Vogel), lautet: Wert schaffen. Meinen Text Wie Du Wert schaffen und von Deiner Leidenschaft leben kannst dazu kennst Du vielleicht schon.

Wer unterstützt, wo Unterstützung gebraucht und gewollt ist, der schafft Wert für einen anderen. Er macht ihm Freude oder nimmt ihm Leid. Wer oft genug unterstützt, schafft so viel Wert, dass auch welcher zurückfließt. Nicht unbedingt im Verhältnis 1:1 – darum geht es auch gar nicht. Doch bei genügend geschaffenem Wert fließt auch ausreichend Wert zurück, sei es emotional, spirituell oder finanziell, oder alles zusammen.

Wo echter Wert entsteht, entstehen Spuren. Deine Spuren, wenn Du magst.

„Aber Tim, aber Tim, was soll ich schon bewirken in dieser Welt voller Leid?“

Jeden Tag werden Leute gedemütigt, benutzt, gequält, verletzt, getötet. Jeden Tag sterben Menschen an Krankheiten und Hunger und dämlichen jungen Autorasern und senilen alten Autofahrern, die ihren Führerschein und ihre Karre auch noch dann behalten, wenn sie schon 103 Jahre alt sind und ebenso viele Dioprin haben (neulich wurde eine 35-jährige Mutter drei kleiner Kinder von einem Rentner auf einem Supermarktparkplatz angefahren, sie hatte es überlebt. Bis er noch mal zurücksetzte und sie zwischen seinem und einem anderen Auto zerquetschte).

„In dieser Welt voller Leid, was soll ich da schon bewirken?“, denken wir oft. Oder, wie Marie von Ebner-Eschenbach es ausdrückte: „Man kann nicht allen helfen! … sagte der Engherzige – und hilft keinem.“

Dazu eine kurze Geschichte:

Eines Morgens, nach einem heftigen Sturm, geht ein Mann am Strand spazieren. Auf dem Sand liegen hunderte Seesterne verstreut.

Wenig später sieht der Mann einen kleinen Jungen, der einen Seestern nach dem anderen aufsammelt und zurück ins Meer wirft. Der Mann sagt zu ihm: “Im Meer gibt es Millionen Seesterne, hunderte liegen hier am Strand und du bist ganz alleine. Es macht keinen Unterschied, ob du einige von hier zurückwirfst, du kannst ohnehin nicht viel bewirken.”

Da bückt sich der Junge erneut, hebt den nächsten Seestern hoch und sagt: “Es macht einen Unterschied für diesen hier!”

– Ursprung unbekannt

Mit den Worten Albert Schweitzers:

„Das Wenige, was du tun kannst, ist viel – wenn du nur irgendwie Schmerz, Weh und Angst von einem Wesen nimmst.“

 

Quelle für die Studien: Huffington Post  // Photo: David Robert Bliwas