Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Christina Fischer

Irgendwo in der Mittelstufe geriet mein Teenagerleben aus den Fugen. Plötzlich hagelte es Witze auf meine Kosten. Die wurden erst zu kleinen Gemeinheiten, später zu großen Gehässigkeiten. Das war mies, aber ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Also lachte ich mit. Und fühlte mich dabei immer mieser. Die ganze Bande hatte eine meiner Grenzen gewaltsam niedergetrampelt, ohne dass ich es rechtzeitig bemerkt hatte, und nun tat es richtig weh.

Nach einiger Zeit bot sich mir eine günstige Gelegenheit. Eine Freundin baute mir eine goldene Brücke aus meiner Misere: „Wir mögen jetzt die Tanja nicht mehr“, klärte sie mich auf. „Wenn Du Dich nicht mehr mit ihr triffst, lade ich dich wieder öfter ein.“ Im ersten Moment klang das verlockend. Endlich würde ich nicht mehr im Mittelpunkt des Shitstorms stehen – sondern Tanja. Aber sie der fiesen Meute zum Fraß vorzuwerfen, um meinen eigenen Hintern zu retten,das brachte ich nicht über mich. Da war wieder eine Grenze erreicht und zwar eine, die ich dieses Mal stehen ließ. Mein gesellschaftlicher Aufstieg in der Mittelstufe blieb somit aus. Aber ich war um eine „Grenzerfahrung“ reicher.

Jeder lebt innerhalb seiner eigenen Grenzen

Ob wir es wollen oder nicht, wir stoßen in unserem Leben immer wieder an Grenzen. Entweder geht es dabei um unsere eigenen oder die von anderen. Jeder baut seine Grenzzäune anders. Die einen stecken sie weiter, die anderen ziehen sie enger. Ins Fettnäpfchen treten, zu weit gegangen sein, jemandem auf die Füße oder auf den Schlips treten, sich die Zunge verbrennen … wir haben unzählige Redewendungen, um einen Grenzübertritt zu beschreiben.

Oft passiert der unabsichtlich, weil die Grenzen unseres Gegenübers selten genau mit unseren übereinstimmen.

Oft kennen wir aber auch unsere eigenen Grenzen nicht genau. Erst wenn sie überschritten wurden und uns das schmerzt, werden wir uns ihrer bewusst. Das macht die ganze Sache knifflig, denn wahren können wir nur, wessen wir uns bewusst sind.

Die sechs Arten persönlicher Grenzen

Man kann Grenzen in sechs Typen einteilen:

  1. Materielle Grenzen legen fest, in welchem Ausmaß Du bereit bist, Dein Hab und Gut zu verschenken oder zu verleihen. Leist Du jemandem Geld? Unter welchen Bedingungen? Und wie sieht es mit Deinem Auto aus? Büchern? Deiner Zahnbürste?
  1. Physikalische Grenzen legen fest, wie nah Dir jemand räumlich kommen darf. Wie stehst Du beispielsweise zu Umarmungen? Bei wem ist das okay, bei wem geht Dir das zu weit? Schließt Du Deine Zimmertür immer oder lässt Du sie offen?
  1. Bei den mentalen Grenzen wird es schon schwieriger. Hier geht es um Deine Gedanken, Werte und Prinzipien. Wie stark hältst Du an Deinen Ansichten fest? Bist Du offen für andere Meinungen? Wie gut kannst Du mit Kritik umgehen?
  1. Bei den emotionalen Grenzen stehen wir schon auf deutlich dünnerem Eis. Wie leicht kann Dich jemand verletzen? Gesunde und starke emotionale Grenzen können Dich gut vor persönlichen Angriffen anderer abschirmen. Sie helfen Dir dabei, Dinge nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Und das wiederum hat auch mit einem gesunden Selbstwertgefühl und der Fähigkeit zur Selbstliebe zu tun.
  1. Vom dünnen Eis zum heißen Eisen: Deine sexuellen Grenzen legen fest, wie Du in sexueller Hinsicht tickst. Wie weit gehst Du? Was ist okay bzw. gewünscht, was nicht?
  1. Die spirituellen Grenzen beziehen sich schließlich auf das, was du glaubst und die Erfahrungen, die Du in spiritueller Hinsicht suchst – oder eben nicht.

Dass wir die genauen Grenzen anderer Personen also nicht auf Anhieb kennen können, ist nur logisch, sie sind eben komplex und sehr häufig unsichtbar. Tragisch wird es dann, wenn wir über unsere eigenen Grenzen nicht im Bilde oder nicht fähig sind, sie zu schützen. Das kann verschiedene Gründe haben.

Warum es so schwer ist, Grenzen zu setzen und zu wahren

Grenzen genießen in unserer Gesellschaft einen schlechten Ruf. Anstatt sie zu wahren, reißen wir sie immer weiter ein. Wir arbeiten mehr, sind immer erreichbar, wollen alles haben können und zu jeder Zeit. Läden haben rund um die Uhr geöffnet, wir sind rund um die Uhr online, stellen Dinge aus unserem Privatleben ins Netz und konsumieren Privates von anderen über Social Media. Wer nicht mitmacht, fällt auf.

Die Rahmenbedingungen fürs Abgrenzen sind somit nicht ideal. Hinzu kommt, dass viele von uns gar nicht wissen, wie das richtig funktioniert. Denn Grenzen sind vor allem eines: erlernt. Manchmal reichen die Probleme bis in die Kindheit zurück, oder wie bei mir bis in die frühe Teenagerzeit. Immer, wenn jemand unseren persönlichen Raum verletzt und wir es zulassen, fühlen wir uns schwach und ausgeliefert und untergraben unser Selbstwertgefühl. Das kann sogar so weit gehen, dass wir glauben, kein Recht auf diese Grenze zu haben. Gut, dass wir Grenzen zu setzen lernen können.

So stärkst Du Deine Grenzen

Wer ein Königreich bewachen und regieren will, muss wissen, wo es beginnt und welche Regeln und Gesetze im Inneren gelten. Da über Dein Königreich natürlich niemand anderes als Du herrschen sollst, musst Du auch die Regeln festlegen. Am besten schriftlich.

Dafür ist Deine Aufmerksamkeit gefragt. Durchleuchte Deinen Alltag ganz genau:

  • Wo liegen Deine materiellen, physikalischen, mentalen, emotionalen, sexuellen und spirituellen Grenzen?
  • Was ist in Ordnung und was geht zu weit?
  • Wann sagst Du „ja“, obwohl Du „nein“ meinst?
  • Was muss passieren, damit eine dieser Grenzen fällt?

Nimm Dir die Zeit für diese Fragen, wenn Du magst. Sobald Du Dein Reich genau abgesteckt hast, wirst Du es viel besser verteidigen können. Oder wie der englische Dramatiker John Galsworthy sagte: „Wer seine Grenzen kennt, ist schon ein halber Weiser“.

Innerhalb Deiner Grenzen bist Du der Chef

Ein ausführliches Grenz- und Gesetzbuch ist gut und schön, aber jemand muss diese Gesetze auch durchsetzen: Du selbst. In Deinem Königreich bist Du der Chef. Du machst die Gesetze, Du führst sie aus und Du musst Verstöße ahnden.

Und all das aus einem einzigen Grund: Dir zu Liebe. Grenzen sind nicht dazu da, andere zu strafen oder böswillig auszuschließen. Sie sind da, um Dich zu beschützen und damit Du Dich zwischen ihnen wohl und sicher fühlen kannst. Auch wenn die grenzenlose Gesellschaft uns das Gegenteil vormachen mag: Das ist kein Zeichen von Selbstsucht, sondern von Selbstliebe.

Ein stabiler Schutz wächst nicht über Nacht in die Höhe. Die Sache erfordert Geduld, wir müssen ihn Stein für Stein aufbauen. Aber jeder Stein macht Dich ein bisschen stärker.

Und auch wenn es Dinge gibt, die alle Grenzen überwinden können – wie Liebe, Freundschaft oder auch Mitgefühl – ist es trotzdem gut, Grenzen zu haben, wenn Du sie brauchst: aus Liebe, Freundschaft und Mitgefühl Dir selbst gegenüber.

Mehr im myMONK-Buch Wie man die Dinge nicht mehr so persönlich nimmt und unter 5 Wege, Dich besser abzugrenzen von den Gefühlen anderer.

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