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Text von: Lena Schulte

Als Teenager war Familie für mich ziemlich selbstverständlich.

Jeder ist halt da, jeder hat seine Aufgaben. Oma und Opa sind alt, kochen das beste Essen und reden über Krankheiten. Die Eltern sind Taxi, Spielverderber und hinterher doch wieder der liebende Fels in der Brandung, wenn’s nach dem jugendlichen Hochflug dann doch plötzlich hart auf hart kommt. Die Onkel und Tanten sind diejenigen, die bei jedem Wiedersehen das Wunder der Zellteilung bestaunen und nicht glauben können, wie groß Du schon wieder geworden bist. Und die Geschwister sind diese Gestalten, die grundsätzlich immer bevorzugt werden, ab und zu ganz witzig sind und neugierig fragen, wieso Du Dich selbst haust.

Jetzt bin ich selbst erwachsen und in einem Alter, in dem nun eigene Familien gründet werden, oder (da man ja jetzt endgültig ganz schön groß geworden ist) von den Tanten und Onkeln gefragt wird, wann es denn bei einem selbst soweit ist. Und je mehr ich mich mit dem Thema Familie beschäftige, desto unbegreiflicher wird es für mich, für wie selbstverständlich ich sie als Teenager hingenommen habe. Denn eine funktionierende Familie ist vieles – aber ganz bestimmt nicht selbstverständlich. Und es gibt auch kein Naturgesetz, das vorschreibt, dass aus einem genetischen Ursprung zwangsläufig auch Harmonie wird. Stattdessen oft: Streit, Entfernung, ein Gegen- statt Miteinander.

Ein Patentrezept gibt es nicht, dafür allerdings ein paar Dinge, die sich positiv auf die Familiendynamik auswirken und vielleicht schon einmal ein guter Anfang sind:

1. Das Etablieren einer gemeinsamen Esskultur

Eines der wichtigsten Rituale, laut den Forschungsergebnissen aus dem Buch „The Secrets of Happy Families“, ist: Das gemeinsame Essen zu einer festgelegten Tageszeit. Was erst einmal ziemlich trivial klingt, hat jedoch weitreichende Auswirkungen:

Die Forschung zeigt, dass Kinder, die regelmäßig mit ihren Familien zu Abend essen, weniger Drogen konsumieren (inklusive Alkohol und Tabak), weniger ungewollt schwanger werden, weniger Essstörungen entwickeln und sogar weniger Selbstmorde begehen. Kinder, die gerne mit der Familie essen, haben zudem einen größeren Wortschatz, bessere Umgangsformen, eine gesündere Ernährung und ein höheres Selbstwertgefühl. Die University of Michigan untersuchte zwischen 1981 und 1997, wie amerikanische Kinder ihre Zeit verbrachten. Es kam heraus, dass die Menge der Zeit, die die Kinder zu Hause mit Essen verbrachten, der größte Indikator für bessere schulische Leistungen und weniger Verhaltensprobleme war. Die Essenszeit war einflussreicher als die Zeit in der Schule, beim Studium, beim Gottesdienst oder beim Sport.

2. Ein gemeinsames Familienziel verfolgen

Drei-Jahres-Pläne, Zehn-Jahres-Pläne – wir planen oft ganz penibel unsere Zukunft. Checklisten werden angelegt, Selbsthilfebücher gekauft, Erfolgsgurus aufgesucht. Und die Familie ist im besten Falle die Konstante, die stets mit dabei ist, das eigene Wachstum mitverfolgt und Rückhalt bietet. Aber warum den Gedanken an die Zukunft nicht mal auf die Familie ausweiten? Wo sollen wir als Familie in drei, zehn, zwanzig Jahren stehen? Was wollen wir (noch) gemeinsam erreichen? Unbedingt zusammen erleben? Wie wollen wir unsere gemeinsame Zeit nutzen? Was will ich unbedingt noch von meinen Eltern wissen? Ihnen sagen? Wie oft sollten wir Familientage einplanen, die nur uns gehören?

Der Autor Tim Urban  hat einmal ausgerechnet, wie viel Zeit ihm noch mit seinen Eltern geblieben ist, seitdem er aus dem Elternhaus ausgezogen ist: 10 Tage im Jahr. Das sind gerade mal drei Prozent von der Zeit, die er in seiner Kindheit mit seinen Eltern verbracht hat. Sollte alles so weitergehen und die Eltern noch dreißig Jahre gesund bleiben, dann hätte er noch 300 Tage mit ihnen übrig. Das ist nicht einmal ein Jahr, obwohl es schon optimistisch gerechnet ist…

3. Die Familienhistorie ergründen

Ob wir es nun wollen, oder nicht: Wir sind das Ergebnis einer ziemlich langen Geschichte. Als Kind fand ich es immer ziemlich staubig mir die Schilderungen von früher anzuhören, inzwischen finde ich es faszinierend herauszufinden, wie meine Vorfahren ihr Leben mit all ihren Höhen und Tiefen gemeistert haben, welche Entscheidungen sie getroffen haben und was ich vielleicht mit jemanden gemeinsam habe, den ich nie persönlich oder richtig kennen gelernt habe. Irgendwie gibt mir das ein Gefühl davon, mehr zu verstehen, wer ich wirklich bin und vielleicht auch warum ich so bin, wie ich bin.

Auch eine psychologische Auswertung aus dem Jahre 2001, veröffentlicht in „The Secrets of happy Families“, kommt zu dem Ergebnis: Wissen Kinder mehr über die Familiengeschichte, desto stärker ist das Gefühl der Kontrolle über ihr Leben und desto mehr glaubten sie, dass Familien funktionieren. Das Wissen, dass man zu etwas größerem als sich selbst gehört, dass es auch trotz Probleme in der Familiengeschichte weitergeht, kann sehr heilsam sein. Die Geschichten der Eltern zu hören, in denen ihre Gefühle und Sorgen thematisiert werden, erhöht bei den Kindern sogar um 31 Prozent das Gefühl der Verbundenheit zu ihnen.

4. Die Selbstbestimmung des Kindes fördern

Da ich viele Jahre im Prenzlauer Berg, also dem Epizentrum der Helikoptereltern, gelebt habe, weiß ich natürlich: Um es zum Vorstellungsgespräch für die vegane Waldorf-Asotria-Grundschule zu schaffen, muss die fünfjährige Frida mindesten einen AirbusA380 landen können, exzellente Didgeridoo-Sinfonien komponieren und in der Freizeit leidenschaftlich zu chinesischer Metal Musik steppen. Da ist ein von außen durchgetakteter Tagesablauf schwer zu umgehen. Wenn es nach den Wissenschaftlern der Universität Kalifornien geht, dann könnte es jedoch auch eine gute Idee sein, Kindern selbst das Steuer in die Hand zu geben.

Kinder, die ihre Zeit und ihre Freizeitaktivitäten selbst planen, sich selbst wöchentliche Ziele setzen und ihr Aktivitäten selbst evaluieren, tun ihrem präfrontalen Kortex und den Stellen im Gehirn einen Gefallen, die dafür da sind, kognitive Kontrolle und somit zum Beispiel Selbstdisziplin auszuüben. Man kann sogar noch weiter gehen und Kinder ihre eigenen pädagogischen Maßnahmen bei Fehlverhalten ausdenken lassen. Indem sie ihre Konsequenzen selbst wählen, treibt es die Kinder innerlich mehr an, sie zu vermeiden.

5. Wertschätzung, was wir haben

Es ist nicht unbedingt neu, dass der Fluss des Lebens immer mit Veränderungen einher geht, doch trotzdem ist es manchmal höchst erstaunlich, wenn es wirklich passiert. Alles ändert sich, unser Körper, unsere Beziehungsformen, unsere Rollen innerhalb der Familie. Kinder, die sich plötzlich um die Eltern kümmern müssen. Mütter, deren Söhne plötzlich von einer anderen bemuttert werden. Brüder, die plötzlich nicht mehr Dich fragen, warum Du Dich selbst haust, sondern den Typen, der Dir das Herz gebrochen hat. Kinder, die plötzlich das Taxi, Spielverderber und Fels in der Brandung sind. Großeltern, die Dich plötzlich nicht mehr mit dem besten Essen mästen – und sich nie mehr über irgendwas beschweren… Nichts bleibt, wie es ist, alles vergeht. Auch Deine Familie. Auch wenn es nicht immer einfach mit ihr ist, sie anstrengend ist, Dich einengt oder Dir Anforderungen stellt, denen kein Mensch gerecht werden kann: Selbst wenn man nur einigermaßen miteinander auskommt, ist das immerhin noch ein Hier und Jetzt das man der bloßen Erinnerung voraus hat.

Familie ist nicht selbstverständlich und obendrein auch noch hochkomplex. Aber da sie ein arbeitendes und lebendiges System ist, haben auch schon die kleinsten Veränderungen Auswirkungen. Und wer weiß, vielleicht sind diese kleinen Veränderungen ja auch der Startschuss für etwas ganz Großes.

Photo: families von Monkey Business Images / Shutterstock