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Text von: Lena Schulte

Wer gestresst ist, macht etwas falsch, sagt Karl Lagerfeld. Den amüsiert seine Arbeit nicht. Gut für Karl. Da Arbeit jedoch in erster Linie den Sinn verfolgt, die anfallenden Lebenskosten abzudecken, steht für die meisten Erwerbstätigen eben doch öfter Stress als inneres Blumenpflücken auf der Tagesordnung. Da wären Kunden, die ihre Hulk-Imitationen direkt morgens zum Besten geben. Kollegen, die unsere Ideen ganz bescheiden als ihre eigenen ausgeben. Oder die Meetings, die plötzlich doch noch am Freitagabend gehalten werden wollen. Selbst der größte Traumjob ist nicht frei von Momenten, in denen wir am liebsten wieder zurück ins Bett kriechen möchten.

Nach einem stressigen Arbeitstag einfach abzuschalten, ist leichter gesagt als getan. Und auch, wenn wir selbst das gut können, heißt das noch lange nicht, dass das auch für unseren Partner gilt. Oder wir von ihm verlangen können, keinen Stress mit heim zu bringen. Wie man seinem Partner in solchen Situationen gut beistehen kann, damit haben sich die Wissenschaftlerin Jennifer Petriglieri und John Coleman, Co-Autor des Buches Passion & Purpose, genauer beschäftigt.

Und nun ein Stuhlkreis und Erzählstunde, Kinder

In der Grundschule gab es am Montagmorgen immer eine Erzählstunde. Wer den Ball hatte, dem gehörten ein paar Minuten ganz allein und er konnte sich alles von der Seele reden, was ihn die letzte Woche beschäftigt hatte. Und alle hörten zu, ohne dazwischenzureden. Mann, war das geil! Ähnliches Prinzip schlagen Petriglieri und Coleman vor: Zuhören. Also das richtige, das, was zwischen Kindergeschrei, Wäsche und Abendessen machen ganz schnell verloren geht. Unser Partner braucht das Gefühl, dass sich die Person, die ihm am meisten bedeutet, wirklich auf das fokussiert, was ihn bedrückt. Es tut gut, sich sich ein paar Minuten lang einfach mal vorbehaltlos auskotzen zu dürfen.

Wir neigen oft dazu, sofort Lösungen parat haben zu wollen. Das setzt nicht nur uns unter Druck, sondern nimmt dem anderen auch die Möglichkeit, einfach Druck abzulassen. Ist die erste Brechwelle erst einmal verebbt, können wir in den konstruktiven Modus umschalten und unsere Unterstützerqualitäten unter Beweis stellen. Allerdings kenne ich es von mir selbst nur zu gut, dass ich beim Leid meines Partners schnell mal denke: Ja, ja, das ist gar nichts im Gegensatz zu dem, was ich heute erlebt habe! Inzwischen kann ich das einigermaßen gut für mich behalten, denn selbst wenn es so ist – es macht den Tag des anderen nicht besser. Es kein Wettbewerb, den beschisseneren Tag gehabt zu haben. Wir müssen schon oft genug die Ellenbogen anspitzen und uns profilieren – in unserer Partnerschaft muss das echt nicht sein.

Wir können anbieten, das Gespräch auf später zu verlegen, wenn wir gerade merken, dass wir noch nicht die nötige Empathie aufbringen können. Denn wir unterstützen unseren Partner viel besser, wenn wir die Source des Positiven sind, die ihm am heutigen Tag gefehlt hat.

Schatz, Du hast da einen Fleck

Die Autoren empfehlen zudem, unseren Partner auf eventuelle Wahrnehmungsverzerrungen hinzuweisen. Die können schnell geschehen, wenn wir im Stress sind. Das Gute an einer Partnerschaft ist ja schließlich, dass man den anderen gut kennt, manchmal sogar besser als er sich selbst. Wenn wir also mitbekommen, dass unser Partner eine Situation vielleicht etwas zu emotional oder mit zu wenig Abstand einschätzt, sollten wir ihn darauf hinweisen. Am besten eignen sich dafür Fragen, die die Perspektive wechseln oder erweitern, damit der andere die blinden Flecke seiner Wahrnehmung selbst entdeckt. Zudem gibt es verschiedene Arten von Stress, die wir durch geschickte Fragen voneinander unterscheiden können. Ist es der typische, alltägliche Stress, weil ein Meeting katastrophal lief? Oder ist es chronischer Stress, der auf eine tief gehende Unzufriedenheit hindeutet und wie in einem verschlossenen Topf brodelt? Fragen, die dafür hilfreich sein können:

Bist du beruflich gerade dort, wo du sein willst? Wenn nein, was glaubst Du, ist Dein Anteil und was der von anderen? Bist du im Großen und Ganzen zufrieden?

Mal wieder bei den Sarah Connor Ultras vorbeischauen

Wenn ein Paar gemeinsam gut Stress bewältigen kann, wirkt sich das, laut Petriglieri, auch positiv auf uns selbst aus – wir werden widerstandsfähiger. Allerdings kann ein Partner nicht alles abfedern oder sollte als Therapeut missverstanden werden. Nur darauf zu setzen, vom Partner aufgefangen zu werden, kann eine Partnerschaft schnell belasten und das Gleichgewicht durcheinanderbringen. Wir können unserem Partner stattdessen dazu ermuntern, einen Bereich jenseits der Beziehung und der Arbeit (weiter) zu pflegen. Dass er einen dritten Platz hat, der ihm gehört. Egal, ob Sportverein oder der Vorsitz im „Sarah Connor Ultras“ Club. Manchmal reicht auch einfach nur ein wenig Ablenkung, oder der Input von jemanden, der die Dinge aus einer gewissen Distanz bewerten kann.

Zuhause muss Zuhause sein

Zu guter Letzt muss irgendwann auch mal gut sein. Zuhause sollte es feste Zeiten geben, in denen definitiv keine Zeit für Arbeit ist. Und auch nicht drüber geredet wird. Diese Zeit sollte im besten Falle dann wirklich nur der Partnerschaft gehören und nicht noch zusätzlich dem Smartphone, der Zeitung oder dem Smart-TV. Diese gemeinsame Zeit kann die viertel Stunde vor dem Schlafen sein. Oder die Gewohnheit, direkt nach der Arbeit zusammen spazieren zu gehen. Oder, ganz altmodisch, gemeinsam auf der Couch zu liegen und sich ein spannendes Buch vorzulesen.

Wenn zwei Karrieren auch doppelt so viel Stress bedeuten können, können sie im Umkehrschluss auch doppelt so viel Verständnis und Empathie hervorbringen. Gänzlich stressfrei und immer nur amüsiert zu sein, wie bei Karl Lagerfeld, wird bei mir wohl nicht drin sein. Aber wenn man abends gemeinsam mit seinem Partner einen anstrengenden Tag verdauen kann und danach lachend das Tanzbein zu Sarah Connor schwingt, hat sich der Tag doch auch irgendwie gelohnt.

Photo: Couple von Antonio Guillem / Shutterstock