AKTUELL: myMONK sucht Werkstudenten +++ Kennst Du schon den neuen Podcast? Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Romy Hausmann

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“ – Epikur

Früher ging es mir mit dem Leben manchmal wie mit einem Sonntag an Omas Mittagstisch. Ich war längst satt, hatte mindestens drei selige Bäuerchen zum Besten gegeben, die Bluse spannte über meinem Bauch, als wäre ich in freudiger Erwartung („Oh, Glückwunsch! Was wird es denn?“ – „Ein Kuchen.“). Und dennoch war ich die Erste, die ihren Teller für den Nachschlag in Richtung Tischmitte unter Omas Kelle schob. Mit vollem Mund murmelte ich „Dankefön.“

Gründe dafür gab es viele. Mir schmeckte es. Wer wusste, wann ich wieder in den Genuss so eines feinen Essens kam. Wer wollte schon Oma enttäuschen, wo sie doch so lange am Herd gestanden hatte? Und, hey, mein Cousin hatte den fetteren Knödel bekommen, ich schwor gewaltige Fress-Rache, reinweg aus Prinzip.

Manchmal war ich unersättlich – aber eben leider nicht nur sonntags bei Oma.

Ich wollte mehr Anerkennung. Mehr Karriere. Mehr Erfolg. Mehr Geld. Mehr Liebe. Mehr Klamotten aus der neuen hotten Frühjahrskollektion. Und wenn ich all das hatte, dann wollte ich… was anderes. Was Besseres. Da wurde mir der Job langweilig. Da kniff die Beziehung, in der ich gestern noch ernstgemeint von Heirat sprach, plötzlich wie eine Zwangsjacke. Da kam die Herbstkollektion auf den Markt, die noch so viel neuer und hotter war als der Frühlings-Kram. Und das machte mich auf Dauer fertig. Ich hatte ständig das Gefühl, getrieben zu sein. War innerlich atemlos. Und hatte irgendwann schlichtweg keinen Bock mehr auf diese zermürbende Endlosschleife aus Mehr-wollen, Mehr-kriegen – und am Ende doch nur wieder mehr Unzufriedenheit. Denn wo immer ich es schaffte, ein Bedürfnis gestillt zu kriegen, ploppten am Horizont mindestens fünf neue auf und quäkten um Aufmerksamkeit. Kennt Wilhelm Busch übrigens auch, dieses Gefühl. Er schrieb schon um 1900 rum in seinem Gedicht „Niemals“:

Wonach Du sehnlich ausgeschaut,

Es wurde Dir beschieden.

Du triumphierst und jubelst laut:

„Jetzt hab ich endlich Frieden!“

Ach, Freundchen, rede nicht so wild,

Bezähme Deine Zunge!

Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,

Kriegt augenblicklich Junge.

Das Ende von „YOLO“?

Dass es offenbar nicht nur mir (und Wilhelm) so ging, beweist ein seit einigen Jahren ins Gegenteil umschlagender Mäßigungs-Trend. Gibt man zum Beispiel „Minimalismus“ bei Google ein, landet man bei über 6 Millionen (deutschsprachigen) Treffern. Viele von uns üben sich bereits darin. Wir entrümpeln unsere Kleiderschränke, unsere Email-Postfächer, unsere Köpfe und unsere Bedürfnisse. Wir wollen nicht mehr materialistische Marionetten sein und keine ausgebrannten Büro-Hengste (und -Stuten). Wir fangen an, uns zu fragen, was wir wirklich brauchen, anstatt uns fürs Wollen zu versklaven. Und die Vorteile scheinen überwältigend zu sein: Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Selbstbestimmung, mehr Ordnung. Moment mal, „mehr“? Ganz genau: Auch beim Minimalismus geht es um ein „Mehr“ – nur eben ein „Mehr“ durch ein „Weniger“.

Für viele von uns ist das ein richtiger und sinnvoller Schritt weg von der Völlerei in sämtlichen Lebensbereichen, hin zur Mitte, zur persönlichen Balance. Doch rutschen wir dabei manchmal glatt auch ans komplett andere Ende der Skala (dorthin, wo es statt Omas Sonntagsbraten nur noch leichtbekömmliches, trockenes Knäckebrot gibt.) So kritisch zumindest sieht es der österreichische Philosoph Robert Pfaller. Ihm zufolge mäßigen wir uns inzwischen bereits so sehr, dass selbst unsere Mäßigung schon wieder etwas Maßloses hat. Und darin, so Pfaller, liege eine neue Gefahr, ein neues Extrem: „Die Leute werden dazu angehalten, ihr Leben als Sparguthaben zu betrachten und eifersüchtig darauf zu achten, dass ihnen niemand etwas abknapst. Das ist eine Vorsicht gegenüber dem Leben, die das Leben selber tötet. Sie führt zu einer vorzeitigen Leichenstarre.“

Pfaller beschäftigt sich seit Jahren mit dieser neuen Art der asketischen Vernunft, die im gesellschaftlichen Rampenlicht heute dort trotzt, wo früher geklotzt und geprotzt wurde. Nichts mehr mit „Darf’s ein bisschen mehr sein?“, heute gehen wir freiwillig auf Diät. Nur sind wir dadurch unserer Mitte eben nicht zwangsläufig näher gekommen.

Warum „mehr“ nicht immer schlecht sein muss

Was wäre denn, wenn wir plötzlich alle satt und zufrieden wären? Wenn keiner mehr einen Schritt weitergehen würde, weil es dort, wo man steht, ja eigentlich auch schon ganz okay ist? Wo bliebe der Antrieb, etwas anzupacken, etwas zu verändern, wenn wir wunschlos glücklich wären mit uns und der Welt? Was, wenn keine Wünsche und Träume mehr in unserer Brust pochen würden? Dann würde das EKG nur noch eine durchgängige Linie anzeigen und das – gepaart mit einem monotonen Piepton – wäre doch das Ende, oder nicht?

Ja, vielleicht gibt es Dinge, bei denen wir weiterhin unersättlich sein dürfen. An denen wir uns weiterhin „überfressen“ dürfen, von denen wir niemals genug bekommen sollten. Wo immer ein Nachschlag geht. Liebe. Freundschaft. Miteinander. Träume. Spielzeit mit dem Kind. Omas Nachtisch.

Doch an anderer Stelle können auch gerne mal ein paar gefühlte Leerstellen bleiben. Müssen wir vielleicht sogar stets ein bisschen unzufrieden bleiben, allein schon, weil das eine rein biologische Angelegenheit ist, etwas genetisch Bedingtes, schlichtweg Menschliches. Entwicklung und Fortschritt entstehen nun mal nur aus Verbesserungsdrang.

Insofern eine gute Sache – wären da nicht eben auch immer diese unschönen Nebenwirkungen. Die Ellenbogen, die wir ausfahren, um andere vom Trog zu schubsen, bis wir schlimmstenfalls keine Freunde mehr haben oder die Kollegen Fotos von uns an die Bürowand hängen und mit Dartpfeilen bewerfen. Das Geld, das wir im Haben-wollen-Modus ausgeben für das zehnte IPhone, das dreißigste Paar Schuhe oder den Fünf-Quadratmeter-großen-HD-Fernseher. Investitionen, die uns kurzfristig mit Endorphinen berauschen und die Nachbarn neidisch machen. Geld, das uns dann an anderer Stelle aber schmerzhaft fehlt. Der Verlust der Perspektive auf die Dinge, die uns bereits jetzt zu glücklichen Menschen machen. Der Verlust von Dankbarkeit. Die ständigen Vergleiche (verdammt, der Nachbar hat jetzt den Sechs-Quadratmeter-großen-HD-Flat!). Die Vergrämung.

Aber ob wir dieser Art von Nebenwirkungen erliegen, ist doch glücklicherweise uns überlassen. Wir können immer noch ein bisschen „mehr“ wollen, ohne gleich zu egoistischen, undankbaren Arschlöchern zu werden – wenn wir achtsam bleiben. Uns daran erinnern, was wir bereits haben. Dass das, was wir jetzt haben und was uns manchmal unzureichend vorkommt, oft auch einmal etwas war, das wir uns lange gewünscht haben. Für das wir womöglich hart kämpfen mussten. Und das wir vielleicht sehr vermissen würden, würde man es uns wegnehmen. Vielleicht liegt allein darin ein kleiner Schritt in Richtung Balance, in Richtung Mitte. In Richtung mehr Zufriedenheit.

Photo: dreamy woman / Shutterstock