AKTUELL: myMONK sucht Werkstudenten +++ Kennst Du schon den neuen Podcast? Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Christina Fischer

Vor einigen Jahren träumte ich noch vom ganz großen Happy End wie im Liebesfilm. Wenn erst mal der Traumprinz am Start, der Diamantring am Finger und das Eigenheim im Grünen gekauft wäre, dann würde ich glücklich leben bis ans Ende meiner Tage, dachte ich. Ich hatte die Nase voll von durchfeierten Nächten, vom Stress, immer wieder neue Menschen kennenlernen und gegebenenfalls wieder loswerden zu müssen. Von der Ungewissheit, was nach dem Studium auf mich warten würde und der Frage, was ich eigentlich vom Leben wollte – oder das Leben von mir. Ich wollte nichts mehr als mich und mein Leben in möglichst trockene Tücher zu packen. Das Zauberwort war: Sicherheit.

Einige Jahre später war alles wie geplant gelaufen: Ich war glücklich verheiratet, die Urkunde mit Blumenstrauß für fünf Jahre Festanstellung war mir bereits überreicht worden und gerade rechneten wir aus, wie viel Eigenheim wir uns würden leisten können. Ich stand kurz vor dem Happy End namens „Sicherheit“, nach dem ich mich so gesehnt hatte. Aber als dieses „Ende“ da war, fühlte ich mich seltsamerweise gar nicht so happy wie gedacht. Ich wollte eigentlich gar kein „Ende“, fiel mir dann auf, und mochte dieses Ende auch noch so „happy“ wirken. Die trockenen Tücher, in die ich mein Leben gewickelt hatte, nahmen mir plötzlich die Luft zum Atmen. Nun wollte ich plötzlich nicht mehr vermeintliche Sicherheit und Beständigkeit. Nun wollte ich lieber etwas mehr Abenteuer, Freiheit, Unabhängigkeit.

Irgendetwas fehlt immer

Eigentlich scheinen wir in unserer Gesellschaft ja gerade Wege, rote Fäden und klare Linien zu lieben. Die Karriereleiter führt aufwärts, Fortschritt führt vorwärts und wir selbst optimieren uns im besten Fall stetig weiter zu einem immer besseren Ich. In der Jugend sollen wir uns austoben, über die Stränge schlagen und Dummheiten machen, damit wir im Erwachsenenalter ruhig, sesshaft und vernünftig werden können, bevor wir uns dann – noch ein bisschen älter – endgültig „zur Ruhe setzen“. Es könnte also alles eigentlich ganz einfach sein.

Warum aber hatte ich mit 30 dann keinen Bock auf Eigenheim? Warum hängt der Manager mit Ende 40 seinen Schlips an den Nagel und eröffnet eine vegane Cupcakebäckerei? Warum brennt die dreifache Mutter plötzlich mit dem Zirkus durch statt Socken für ihre zukünftigen Enkelkinder zu stricken? Auch für diese Ausreißer gibt es ein Etikett in unserer Gesellschaft: Wir reden dann gerne von der „Midlife-Crisis“ und meinen damit, dass einzelne Leute in der Mitte ihres Lebens plötzlich „verrückt“ werden und alles nochmal anders machen. Dass es die Midlife-Crisis jedoch überhaupt wirklich gibt, darüber ist man sich in der Wissenschaft gar nicht so sicher. Woran aber liegt es dann, dass sich so viele Menschen irgendwie gar nicht so entwickeln, wie es der vermeintlich natürliche Lauf der Dinge vorgibt?

Ich wage eine steile Vermutung: Vielleicht ist dieser Lauf des Lebens gar nicht wirklich natürlich, sondern passt nur zufällig gut in das große Leitmotiv der Leistungsgesellschaft, die eben immer höher hinauf und schneller vorwärts strebt.

Das Leben als Fieberkurve

Wenn wir uns einmal genauer umsehen in der Welt, dann könnte uns auffallen, dass die meisten Dinge ganz und gar nicht geradlinig sind, sondern eher kreis- oder wellenförmig. Dinge wiederholen sich: Die Jahreszeiten, Ebbe und Flut, aber auch menschengeschaffene Dinge wie der Wirtschaftskreislauf oder die Mode. Warum also sollte ausgerechnet unsere Entwicklung als Menschen geradlinig verlaufen, von schlecht zu besser, von Misserfolg zu Erfolg, von wild zu ruhig? Sind wir als Menschen wirklich die einzige Lebensform im Universum, das sich nur in eine Richtung bewegt?

Um es kurz zu machen: Sehr wahrscheinlich nicht. Allein wenn ich auf mein 30-jähriges, fast nach Gesellschaftsbilderbuch abgelaufenes Leben zurückblicke, stelle ich unzählige Kehrtwendungen, Richtungsänderungen und Umwege fest. Nach wilden Partyzeiten sehne ich mich nach Urlaub und Ruhe, nach Phasen der Routine will ich etwas Neues erleben, nach Zeit mit meinen Freunden sehne ich mich nach Alleinsein – und umgekehrt. Aus der Ferne mag mein Lebenslauf vielleicht geradlinig aussehen. Doch aus der Nähe betrachtet ähnelt er viel eher einer zittrigen Fieberkurve. Und sehr wahrscheinlich ist das nicht nur bei mir so.

Das Archaische Kreuz

In der Persönlichkeitsentwicklung gibt es ein Konzept, das dieses „Fieberkurvenphänomen“ zu erklären versucht: Das sogenannte Archaische Kreuz.

Stell’ Dir eine vertikale Linie vor. Die symbolisiert Deinen Lebensweg ab der Geburt, am untersten Punkt, bis zum Tod, dem obersten Punkt der Linie.

Auf der linken Seite dieser Linie befinden sich Ruhe, Sicherheit, Geborgenheit, Routine, feste Strukturen und Treue. Hier fühlen wir uns sicher und geborgen.

Auf der rechten Seite der mittleren Lebenslinie sind Abenteuer, Abwechslung, Freiheit, Wildheit und Unsicherheit.

Wenn die Gesellschaft recht hat, dann müssten wir uns in unseren jungen Jahren eher auf der rechten Seite aufhalten, wo Abenteuer und Freiheit locken, und uns im späteren Teil unseres Lebens langsam auf der linken Seite einordnen, wo es ruhiger zugeht. Doch oft entwickeln wir uns eben nicht haargenau so. Tatsächlich wechseln wir im Laufe unseres Lebens öfter mal die Seiten – die einen mehr, die anderen weniger. Wer in der Seele Rockstar, Weltenbummler oder Freigeist ist, wird sein Leben wahrscheinlich mehr auf der rechten Seite des Archaischen Kreuzes verbringen, während Liebhaber von Strukturen und Routine wohl eher ihre Kurve auf der linken Seite zeichnen würden.

Trotzdem verspüren fast alle früher oder später auch die Sehnsucht nach der anderen Seite. Vielleicht meldet sich im Rockstar irgendwann leise der Wunsch eine Familie zu gründen oder der Familienvater mit Bausparvertrag bekommt so großes Fernweh, dass er eine Weltreise plant.

Auch wenn wir im Großen und Ganzen eher auf eine Seite des Archaischen Kreuzes tendieren mögen, brauchen wir doch offenbar beide Seiten im Laufe unseres Lebens und das möglichst ausgewogen. Das hat seinen Grund.

Eine Frage der Balance

Wer immer nur auf Nummer sicher geht, wird seine Komfortzone nach Möglichkeit niemals verlassen. Er hält sich so sehr an seinem Leben fest, dass er jegliches Wachstum förmlich im Keim erstickt. Wer wiederum niemals Wurzeln schlägt, den kann das Leben leicht von den Füßen reißen – auch dann ist es mit dem Wachstum vorbei. Nach dem Konzept des Archaischen Kreuzes brauchen wir also beide Seiten – Sicherheit und Freiheit – um uns weiter zu entwickeln.

Neue Eindrücke erhalten wir nur außerhalb unserer Komfortzone, in der vermeintlichen Unsicherheit. Um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten, brauchen wir jedoch wiederum Ruhe, Sicherheit und Struktur. Auch der berühmte persische Dichter Rumi sagte: „Das Leben ist die Balance zwischen Festhalten und Loslassen“. Wir können unmöglich alles festhalten, dafür sorgen Zeit und Vergänglichkeit ohnehin. Wir können jedoch auch nicht alles loslassen, denn dann hätte nichts in unserem Leben auch nur irgendeinen Wert.

Wellen reiten statt brechen

Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass wir nicht verzweifeln müssen, wenn wir glauben, unsere Entwicklung sei aus irgendeinem Grund falsch gelaufen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dem nicht so, sondern wir stehen genau an dem Punkt, an dem wir stehen müssen, um weiter zu wachsen.

Ganz egal, wo die anderen stehen und egal, was die Gesellschaft dazu meinen mag. Kein Impuls, weder der nach mehr Freiheit oder der nach mehr Sicherheit, wäre falsch, sondern notwendig und gesund.

Wenn unser Leben sich tatsächlich in Wellen bewegt, dann könnten wir doch auch, statt uns ihnen auf unserem vermeintlich korrekten Weg entgegen zu stemmen, einfach unser Surfbrett auspacken und die Wellen reiten so lange sie da sind. Und dann schauen, wo hin sie uns tragen. Oder wie John Kabat-Zinn sagte: Du kannst die Wellen nicht aufhalten. Aber du kannst lernen zu surfen.“

Photo: Woman von  Galina Kovalenko / Shutterstock