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 Text von: Romy Hausmann

Mehr. Mehr. Mehr.

Noch ne Hose, noch ein Shirt. Die Türen vom Kleiderschrank lassen sich schon gar nicht mehr schließen. Klaffen auseinander wie ein riesiges Maul. Der Schrank knurrt: „Fütter mich“ – und ich gehorche. Die neue Frühjahrskollektion säuselt: „Trag mich, dann bist Du hip.“ In der Werbung versprechen mir ein Paar Turnschuhe, ich wäre auf Knopfdruck sportlich, gesund und in Form, wenn ich sie nur kaufe. Das neue iPhone brauche ich natürlich auch. Haben doch alle jetzt.

Ich lasse mich gerne verführen. Falle gerne darauf rein, dass dieses oder jenes Produkt mein Leben auf einen Schlag zum Besseren verändern würde. Mich schöner, schlauer, cooler macht. Ich will mithalten oder sogar noch einen draufsetzen. Schau mal her, Welt, was ich mir alles leisten kann! Das sieht mein Konto zwar meist ein bisschen anders, aber was soll’s: Dispo, Yolo, passt schon – das ist die typische Gedankenkette.

Also, was ist nun: Willst Du dieses Produkt zu Deinem Warenkorb hinzufügen? – Ja! Ja, ich will! In guten wie in schlechten Zeiten, von jetzt an bis in alle Ewigkeit. Konsum war lange Zeit meine Religion (manchmal ist sie’s noch immer). Und die Glaubensgemeinschaft ist riesengroß.

Warum ist das so? Und wie können wir uns davon befreien?

Konsum kompensiert

Da ist der Mann in den Fünfzigern, der morgens in den Spiegel blickt und erschrickt: Wo ist seine Jugend hin? Wo kommen auf einmal die ganzen Falten her? Wo ist das früher so volle Haar, in das sich jede Nacht die Hand einer anderen Frau gekrallt hat? (Dass die Haare inzwischen an anderer Stelle – Rücken, Nase, Ohren – weiterwachsen, ist dabei irgendwie auch kein Trost.)

Also kauft er sich einen Porsche 911 Turbo, Lederausstattung, 400 PS. Und er gibt Gas, fährt die Karre richtig aus. Überholspur statt rechts, wo er sonst mit dem Familien-Kombi rumtuckert. Fährt seiner Jugend hinterher – und merkt erst nach einer ganzen Weile, dass sie immer ein paar PS mehr unter der Haube zu haben scheint. Dass sie einfach nicht einzuholen ist. Und er fühlt sich wieder leer. Genau wie an dem Tag, als er in den Spiegel geschaut hat. Nichts hat sich verändert. Abgesehen davon, dass er jetzt pleite ist, denn der Porsche hat schlappe 100.000 gekostet.

Wenn wir ehrlich sind, dann geht es ja längst nicht mehr um reine Bedarfsdeckung. Die meisten von uns haben glücklicherweise ein Dach über dem Kopf, Essen im Kühlschrank und mindestens eine Garnitur an Klamotten, um nicht nackt herumlaufen zu müssen.

Viel öfter kaufen wir, weil wir „mehr haben“ gleichsetzen mit „mehr sein“. Weil wir glauben (oder uns durch die Werbung glauben machen lassen), andere Probleme damit wie auf Knopfdruck ausgleichen zu können. Emotionale Probleme: Unsicherheit, Unzufriedenheit, Schwierigkeiten mit unserem Selbstwertgefühl, Ängste, Schmerz. Wir leiden, wir shoppen. Wir müllen uns zu mit Sachen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Stopfen die zwanzigste schwarze Skinny Jeans in den Schrank (auch, wenn wir dafür überhaupt erst einmal „skinny“ werden müssten). Treiben dabei schlimmstenfalls unser Konto ins Minus und uns selbst in den Ruin. Ein scheinbar ewiger Kreislauf, der für immer mehr sogar im krankhaften Kaufzwang endet, wie eine Studie von Konsumforschern der Zeppelin Universität Friedrichhafen ergab.

Eine einfache Frage…

… und sie lautet NICHT: „Brauch ich das wirklich?“

Denn selbst wenn die Antwort (in den meisten Fällen) „Nein“ ist, werden wir so lange mit uns selbst herumdiskutieren (oder uns doch wieder bereitwillig von der Werbung überreden lassen), bis wir doch noch einen Grund finden, der diesen Kauf jetzt (scheinbar) lebenswichtig macht. Auch wenn er noch so abstrus ist: Ja, okay, ich hab schon elf Paar weiße Sneakers. Aber dieses zwölfte Paar ist halt genau das Modell, das Brad Pitt in seinem letzten Film trägt…

Die einfache Frage, die wir uns nach einer Idee von BecomingMinimalist stattdessen stellen können, lautet:

„Was passiert, wenn ich das jetzt nicht kaufe?“

Die Antwort, ganz simpel: Wir würden Geld sparen. Zugegeben klingt das im ersten Moment ziemlich fies nach Verzicht.

Doch das Geld, das wir sparen, können wir an anderer Stelle für etwas einsetzen, das uns (und unserer Seele) wirklich gut tut.

Der frustrierte Mitfünfziger könnte statt in den Porsche in eine schöne Reise investieren. Sich Erlebnisse und Erinnerungen schaffen, die ihm zeigen: Gut, das Haupthaar ist weg, aber die Welt kannst Du immer noch entdecken.

Die Workaholic-Frau (alias mein früheres Ich) könnte sich genug zusammensparen, um für eine Weile mal ganz auszusteigen aus ihrem Hamsterrad-Leben. Um Zeit zum Durchatmen zu haben. Zeit, um darüber nachzudenken, was sie wirklich will vom Leben.

Stell Dir nur mal vor, was alles möglich wäre, wenn wir nur ein paar Mal auf sinnlose Impulskäufe verzichten würden:

Statt des neuen Riesenzoll-Fernsehers ein bisschen was vom Hauskredit abtilgen.

Statt des neuen iPhones einen Studienfonds fürs Kind anlegen.

Statt des zwölften Paar weißer Sneakers was für den Tierschutz spenden. (Und wenn Du Dir schon was von Brad Pitt abgucken willst, dann statt der Schuhe lieber dieses Zitat aus „Fight Club“: Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich.)

Also: Willst Du dieses Produkt zu Deinem Warenkorb hinzufügen? – Nein, diesmal nicht. Ich könnte anfangen, ein bisschen Geld für den Sommerurlaub mit meinem Sohn zurückzulegen. Die gemeinsame Zeit mit meinem Kleinen wird mir sicher tausendmal besser stehen als eine neue Jeans.

Und selbst wenn es bis zum Sommer noch ein gutes halbes Jahr dauert: Die Entscheidung, mein Glück und mein Wohlbefinden nicht von einer Hose abhängig zu machen, gibt mir jetzt schon ein gutes Gefühl: Freiheit.

Mehr unter Weniger besitzen ist gut, weniger wollen ist besser und unter Du willst entrümpeln? Befreie Dich von diesen 10 Dingen zuerst.

Photo: Tossing cash von  AshTproductions / Shutterstock