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Text von: Christina Fischer

Wenn ich an Selbstdisziplin dachte, dann sah ich vor meinem inneren Auge Bilder, die mich ehrfürchtig staunen lassen. Ich sah Zen-Mönche in tiefer Versenkung. Ballerinen, die für den perfekten Auftritt von einer halben Grapefruit am Tag leben und sich die Füße blutig tanzen. Shaolin-Mönche, die durch eisernes Training mit einer einzigen Handbewegung ihre Gegner ausschalten und Yogis, die stundenlang in einer unmöglichen Position verharren können und dabei noch beiläufig Erleuchtung finden.

Kurz gesagt: Ich dachte an nichts, was auch nur im Entferntesten mit mir zu tun hat.

Zumindest bisher. Zum Glück ist aber Selbstdisziplin keine dieser Sachen, die man entweder in hohem Maße von Geburt an hat oder leider gar nicht. Um unsere Fähigkeit zur Selbstdisziplin aufzuspüren, müssen wir auch keine Lehre in einem Shaolin-Kloster absolvieren oder in den Hungerstreik treten.

„Hier hast Du einen Marshmallow …“

Beim „Marshmallow-Test“ in den 60er-Jahren wurde Kindern jeweils ein köstlicher Marshmallow vor die Nase gelegt. Sie konnten sich entscheiden:

  • ob sie die Süßigkeit sofort verspeisen oder
  • ob sie noch eine Weile warten wollten, um dann noch einen zweiten Marshmallow zu erhalten.

Den zweiten Marshmallow ergatterten also nur diejenigen, die ihre kurzfristige Befriedigung zugunsten des „langfristigen“ Ziels „Marshmallow 2“ hinten anstellen konnten. Die Fähigkeit dieser Impulskontrolle verorteten die Wissenschaftler damals im vorderen Teil des Gehirns – damit schien die Sache mit der Selbstdisziplin abgehakt, die einen hatten sie und die anderen nicht. Doch es gibt inzwischen Neuigkeiten.

Fähig zu Selbstdisziplin: Ein unerwarteter Einfluss

Der Wissenschaftler Alexander Soutschek von der Universität in Zürich fand heraus, dass unsere Fähigkeit zur Selbstdisziplin noch von einer anderen Hirnregion beeinflusst wird. Sie befindet sich etwa einen Fingerbreit diagonal hinter Deinem rechten Ohr und ist grundsätzlich zuständig für Empathie und Selbstlosigkeit.

Bei seinem Versuch schaltete Soutschek diese Hirnregion mit Hilfe von Magnetfeldern bei den Versuchspersonen aus und beobachtete sie in verschiedenen Situationen. Es zeigte sich, dass auch diese Hirnregion – neben ihrer Zuständigkeit für Empathie und Selbstlosigkeit – die Selbstdisziplin beeinflusst. War diese Stelle im Gehirn nämlich „ausgeschaltet“, handelten die Versuchspersonen deutlich impulsiver als zuvor.

In den frühen 2000er Jahren brachten Studien noch weitere Ergebnisse darüber ans Licht, welche Auswirkungen dieser „Empathie-Bereich“ im Gehirn auf unser Leben haben kann. Wenn dieser Hirnbereich beispielsweise besonders groß ist, sind Menschen eher uneigennützig veranlagt. Sind die Synapsen dort wiederum besonders gut verknüpft, so sind die jeweiligen Menschen weniger voreingenommen und wird dieses Hirn-Areal noch zusätzlich elektrisch stimuliert, fällt es der Person leichter, die Perspektive von anderen einzunehmen. Was aber hat das alles nun mit Selbstdisziplin zu tun?

Selbstdisziplin und Empathie: Zwei Seiten derselben Münze

Soutschek ging der Sache in verschiedenen Experimenten auf den Grund.

Er fand 43 Freiwillige, die sich dazu bereit erklärten, dass Soutschek ihr „Empathiezentrum“ im Gehirn ausbremste. Immer wenn dies der Fall war, neigten die Versuchspersonen beispielsweise eher dazu, eine bestimmte Summe Geld für sich zu behalten, statt sie mit jemand anderem zu teilen. Vor allem dann nicht, wenn der andere ein Fremder war.

Noch extremer waren die Ergebnisse, als Soutschek einen „Marshmallow-Test für Erwachsene“ durchführte. Er bot den Versuchspersonen Geld an. Entweder sie steckten den Betrag sofort ein oder sie warteten eine Weile und bekamen die doppelte Summe. War das Empathiezentrum ausgeknipst, griffen die Freiwilligen meist direkt zu ohne die Zeit abzuwarten und dafür mehr Geld einzusacken.

Beide Versuche zeigten, dass es eine deutliche Verbindung zwischen Selbstdisziplin und Selbstlosigkeit gibt – und zwischen fehlender Selbstdisziplin (Impulsivität) und Selbstsucht. Mit ausgebremstem Empathiezentrum verhielten sich die Versuchspersonen sowohl impulsiver als auch selbstbezogener. Wurde der Bereich im Gehirn hingegen stimuliert, zeigten die Teilnehmer mehr Selbstdisziplin und Einfühlungsvermögen.

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Wie kannst Du Dir diese Erkenntnisse zunutze machen?

Unsere Fähigkeit zur Empathie hängt also eng mit unserer Fähigkeit zur Selbstdisziplin zusammen.

Wir können uns also verabschieden vom Bild der asketischen Yogis und selbstgeißelnden Ballerinen, wenn wir an Selbstdisziplin denken.

Denn es ist so: Empathie lässt uns aus unserer eigenen Perspektive heraustreten und die Sichtweise von anderen einnehmen. Selbstdisziplin ist überraschenderweise genau dasselbe. Nur, dass wir in diesem Fall nicht die in die Schuhe eines anderen Menschen schlüpfen, sondern in die unseres eigenen zukünftigen Ichs. Auf dieser Grundlage entscheiden wir, was für dieses Zukunfts-Ich wohl das beste wäre (zum Beispiel zwei Marshmallows zu essen, statt nur einen). Selbstdisziplin bedeutet somit, dass sich Dein gegenwärtiges Ich zurücknimmt, um Deinem Zukunfts-Ich zu helfen.

Wo die Selbstliebe ins Spiel kommt

Als ich bei der Recherche zu diesem Artikel über diese Erkenntnis stolperte, musste ich kurz schlucken. Für mich hieß Selbstdisziplin einfach immer, dass ich etwas tun muss, das mir sehr unangenehm ist. So, als müsste ich einen harten Kampf gegen mich selbst führen.

Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Selbstdisziplin ist Selbstliebe. Denn wir agieren dabei ja empathisch – also mitfühlend – mit unserem Zukunfts-Ich. Wir wollen ihm (also uns) selbst helfen, ihm etwas Gutes tun.

Wenn ich mich bislang „disziplinierte“, dann habe ich das meistens als Kampf gegen mich selbst empfunden, sogar als Strafe. Ich zwang mich zum Sport, denn ich hatte mich ja gehen lassen. Ich fastete und verzichtete, denn ich hatte ja schon viel zu viele Süßigkeiten gegessen.. Und stets ließ mein Gegenwarts-Ich gefühlt den Kopf hängen wie ein gescholtenes Kind.

Dabei tue ich all das doch eigentlich nicht gegen mich, sondern für mich. Ich möchte in der Zukunft fitter sein und gesünder leben. Damit es mir gut geht. Weil ich mich mag. Diese Perspektive einzunehmen fällt mir manchmal immer noch schwer. Ich habe es eben lange genug anders gemacht. Aber immer wieder, wenn ich in die Schuhe meines Zukunfts-Ichs schlüpfe und mir bewusst mache, wie gut es ihm gehen wird, wenn ich ihm jetzt in der Gegenwart helfe, dann fühle ich mich gut.

Ich habe also noch Stück Weg vor mir. Wie praktisch aber, dass Empathie und Selbstdisziplin so nah beieinander liegen im Hirn – da haben es die Synapsen nicht weit.

Mehr unter Wie man die Selbstdisziplin eines Shaolin-Mönchs entwickelt und im myMONK-Buch 12 Gewohnheiten, die Dein Leben verändern.

Photo: Fit woman with salad von Shutterstock | Inspiriert von TheAtlantic