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Text von: Lena Schulte

Groß denken wollen wir. Und sollen wir. Einsatz zeigen, Wille! Ambitionierte Pläne parat haben, wenn uns ein gehypter Irgendwer aus der Chefetage mal wieder fragt, wo wir uns denn in zehn Jahren sehen. In dieser Zeitepoche können wir schließlich unsere eigene strahlende Biographie basteln. Theoretisch. Gut, ab und zu durchquert dann mal ein Burn-Outchen oder eine Depression den Weg. Aber etwas Verschleiß gibt es ja immer, wenn es nach Oben geht. Nur die Harten kommen im Garten… oder so ähnlich.

Bei den vielen To-Do-Listen, die wir zum Wohle unsere zukünftigen Lebensumstände abarbeiten, geraten wir oft selbst in Vergessenheit. Und manchmal erinnern wir uns gar nicht mehr, wie das eigentlich geht, bei sich selbst zu sein.

Vielleicht brauchen wir nicht noch mehr Ziele, die uns Dingen hinter hetzen lassen, was wir nicht haben. Sondern solche, die uns mehr genießen lassen, was wir schon haben. Ankommen lernen, statt noch schneller zu rennen. Nicht unsere Körper, Karrieren und Kontostände zu verändern, sondern unseren Fokus .

Hier sind sechs dieser Ziele.

1. Beziehungen pflegen wie den Intimbereich – mit großer Sorgfalt

Klingt profan, ist es auch. Doch laut dem Harvard Professor Robert Waldinger und der 75-jährigen Langzeitstudie ist Beziehungspflege einer der Schlüssel für ein erfülltes Leben. Gute Beziehungen, partnerschaftlich, freundschaftlich oder familiär machen uns nachweislich gesünder und glücklicher (nicht umsonst parshippe ich jetzt!). Dabei geht’s vor allem um die Qualität. Ein großes Netzwerk ist zwar eine gute Sache. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob man zwei Mal zwei Euro in der Tasche hat, oder dort vierhundert Centstücke rumklimpern.

Wie oft kümmern wir uns denn eigentlich aktiv um unsere Freundschaften? Sagen wir nur zu besonderen Anlässen, welche Eigenschaften wir am anderen mögen? Wann haben wir denn zum letzten Mal den besten Freund überrascht? Der Partnerin gesagt, dass sie (trotz der vielen Kilos mehr) wundervoll ist? Die Mama angerufen und ihr erzählt, wie froh sind, dass wir sie noch haben dürfen? Und wie viele tolle Freundschaften sind denn im Alltagsstress auf der Strecke geblieben, und: War es das wert?

2. Eine Zeile am Tag

„One Line a Day“ – eine Zeile am Tag. So heißt das grandiose Buch, das mir meine beste Freundin zum Geburtstag geschenkt hat. Ein Mini-Tagebuch für schwer beschäftigte (und vielleicht auch etwas faule) Menschen wie mich. Über einen Zeitraum von fünf Jahren kann man dort jeden Tag einen kurzen Satz hineinschreiben, um das Erinnerungswürdigste vom Tag zusammenzufassen. Das Gute dabei: Trotz der Kürze gibt’s die Würze in Form eines richtigen „Tagebuch-Effekts“, sodass beim Durchlesen vergessene Erinnerungen schnell zurückkommen. Ich nutze das Buch meistens, um etwas Positives aufzuschreiben, einen schönen Moment in der Natur, etwas Aufregendes, was ich neu gelernt habe, oder auch einen lieben Satz, den mir jemand gesagt hat. Es ist mein kleines, inneres Erfolgsjournal und wirkt beim Durchlesen besonders an schlechten Tagen wahre Wunder.

3. Den Körper feiern, ganz bewusst

Dein Körper leistet unglaubliche Arbeit für Dich. Jeden Tag. Er lässt Dich atmen, er lässt Dich das frisch gekochte Essen im Treppenhaus riechen, er trägt Deine Stimme in die Welt hinaus, er koordiniert Deine Bewegungen und selbst, wenn Du nur faul auf der Couch liegst, macht er weiter und vermehrt Deine Fettzellen. Meistens merkt man ja erst bei diversen Seuchen, was für ein fantastisch funktionales „Gerät“ der Körper doch ist. Und wie viel angenehmer das Leben noch zu den Zeiten war, in denen alles funktioniert hat, wie es sollte. Es fängt schon wenn mal beide Nasenlöcher erkältungsbedingt zu sind und normales Durchatmen in utopischer Ferne liegt. Sich und seine Gesundheit zu spüren ist nicht selbstverständlich. Überhaupt nicht. Es ist ein Privileg, um das uns die Kranken schmerzlich beneiden. Und das dürfen wir auch gern etwas häufiger wahrnehmen und schätzen: „Danke Körper, dass Du Dich so für mich ins Zeug legst!“.

4. Die harten Urteile loslassen

Andrew Carnegie hat mal gesagt:Gott wartet mit seinem Urteil über den Menschen bis zum letzten Tag. Warum sollten wir es anders halten?“ Gut, an einigen Tagen kann ich manche Menschen auch einfach nicht ertragen (Wie kann der oder die sich denn nur so benehmen!?) und muss an einen anderen Ausspruch denken, von Steven Wright: „Bakterien sind die einzigen Kulturen, die einige Leute haben.“ Doch wenn ich ständig verurteile, schärfe ich meinen Geist für die Suche nach dem, was uns voneinander trennt. Als Herdentier, das wir sind, ist es natürlich super, wenn die Welt für mich dann irgendwann voller inkompetenter Arschlöcher ist …

Außerdem: Übermäßige Verurteilungen lassen Rückschlüsse auf meine eigenen unerledigten Geschäfte zu. Je mehr ich mit mir im Reinen bin, desto weniger brauche ich das Überlegenheitsgefühl, das die meisten Verurteilungen erst so interessant macht. Also lasst lieber um uns selbst kümmern, beim nächsten rotzigen Teenager einfach mal locker bleiben und darauf vertrauen, dass Gott (oder Frau Karma) sich später um den Bengel kümmern werden.

5. Die kleinen Dinge schätzen

Ausgelutschte Standardfloskel für den aktiven Ratgeberleser. Und wie grausiger Hohn wirkend, wenn’s uns gerade schlecht geht. Dennoch. Es stimmt. Sich an dem beruhigenden Geräusch des Regens zu erfreuen kostet nichts. Den umwerfenden Duft des Sitznachbarn zu bewundern auch nicht. Wenn man sich traut aufmerksam zu sein, ist die Welt voller Schönheit, die es umsonst zu bestaunen gibt. Busfahrer, die sich grüßen; Leute, die in der Straßenbahn Musik machen; außergewöhnliche Tierfreundschaften in Internet-Videos.

Die Welt ist viel zu riesig, um nur scheiße zu sein. Es gibt so viel Besonderes und Wundervolles, wenn man bereit ist, sich faszinieren zu lassen. Eigentlich wissen wir es. Nichtsdestotrotz geht es im Alltag viel zu oft verloren, dass heute vielleicht der Tag ist, an dem wir etwas Bestimmtes zum letzten Mal erleben.

6. Mehr lachen

Im Film „Das Leben ist schön“ entdeckt ein KZ-Gefangener auf dem Weg zu seiner Hinrichtung seinen Sohn in dessen Versteck. Anders als in vielen anderen Filmen, spielt sich nun keine tränenreiche letzte Szene ab. Der Vater grinst stattdessen über beide Ohren und läuft in einem albernen Gang winkend aus dem Sichtfeld seines Sohnes, den er nie wieder sehen wird.

Es ist nur ein Film, aber diese Szene hat mich tief berührt. Mir wurde nie so intensiv vor Augen geführt, wie sehr unsere Entscheidungen zeigen, wer wir sind und welche Einstellung wir zum Leben haben. Diese Szene hat mir auch verdeutlicht, wie stark uns die Fähigkeit zu lachen macht.

Ich möchte lernen, trotzdem lachen zu können, wenn etwas oder vieles in Trümmern liegt. Vor allem aber möchte ich mehr lachen, wenn das Trotzdem gerade gar nicht so groß und mein Leben vielleicht nicht perfekt, aber doch eigentlich echt gut ist.

Ist das nicht viel besser, als immer verbissener nach dem Erfolg im Außen zu jagen?

Mehr dazu unter Warum die meisten Ziele sinnlos sind und unter Ein bedeutsames Leben braucht keine Karriere.

Photo: Bart Callebert