Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Text von: Christina Fischer

Eines Tages war der Platz einer Kollegin plötzlich leer. Erst fiel es niemandem so richtig auf. Sie war eine von den „Stillen“, die klaglos ihre Arbeit machen, solide Ergebnisse abliefern und nie wegen Krankheit zu Hause bleiben. Lang dauerte es nicht, da flüsterte man „Burnout“ durch die Flure und man fing an, sich zu fragen, wie es ihr wohl geht. Jeder fragte sich, aber niemand fragte sie, zu ihr nahm keiner Kontakt auf.

Gut möglich, dass sie erschöpft und überarbeitet war. Im Vergleich zum Stand von vor 20 Jahren, geben Menschen heute doppelt so häufig an, dass sie ständig erschöpft sind. Fast die Hälfte gibt der Arbeit die Schuld daran. Laut dem Münchener Institut für lösungsorientiertes Denken fühlt sich jeder dritte Berufstätige erschöpft oder sogar ausgebrannt (Münchner Institut für lösungsorientiertes Denken). Absurd daran ist, dass Überarbeitung in vielen Unternehmen fast schon zum guten Ton gehört. Wer keine Überstunden macht, erntet schiefe Blicke. Augenringe sind das äußere Zeichen für„so richtig reinknien“. Und der Burnout ist die „Königsklasse“. Ich habe schon Mitarbeiter nach einem Burnout wie Kriegshelden zu ihren Schreibtischen zurückkehren sehen, begleitet vom ehrfurchtsvollen Geflüster der Kollegen.

Neueste Erkenntnisse legen jedoch nahe, dass nicht ausschließlich Erschöpfung durch Überarbeitung zum Burnout führt. Sondern etwas, das deutlich weniger nach cool klingt: Einsamkeit.

Wie uns Einsamkeit die Kraft raubt

Manchmal kann uns auch die Gesellschaft anderer Menschen nicht das Gefühl von Einsamkeit nehmen. Ich erinnere mich an meine Oma, die nach dem Tod meines Opas allein im großen Haus lebte.  An ihre Augen, die selbst dann noch traurig blickten, wenn sie lächelte. An einen Freund aus Kindertagen, der krank wurde und sich „abgehängt“ und nicht mehr als Teil von allem fühlte. An den bitteren Ton in seiner Stimme, wenn er mal wieder absagte. Eine Freundin, die in einer unglücklichen Beziehung festzustecken schien.

Einsamkeit gehört zu den schlimmsten Gefühlen. Sie geht selten spurlos an uns vorüber: Studien haben gezeigt, dass Einsamkeit unsere Langlebigkeit zu 70 Prozent reduzieren kann. Sie erhöht unser Risiko, einen Schlaganfall oder schwere Herzkrankheiten zu erleiden, um 30 Prozent. Und unser Gehirn registriert Einsamkeit auf die gleiche Art wie physische Schmerzen. Einsamkeit ist also nicht einfach nur ein Gefühl in unserem Bauch oder unserem Kopf. Einsamkeit belastet unseren Körper auch physisch. Sie strengt uns an, als würden wir täglich ein schweres Gewicht auf unseren Schultern mit uns herumschleppen, das uns langsam aber sicher in die Knie zwingt. Die Energie lässt nach. Irgendwann können wir nicht mehr, unser Feuer erlischt. Burnout.

Warum Du nicht zum Partylöwen mutieren musst

Einsamkeit schert sich nicht darum, was um uns herum ist. Sondern um das, was in uns drin ist.

Wir können inmitten einer riesigen feuchtfröhlichen Party stehen und uns trotzdem so verloren und einsam fühlen, als wären wir alleine auf dem Mond. Für eher introvertierte Menschen wie mich ist das fast eine gute Nachricht. Es bedeutet nämlich, dass Du nicht bei jeder Teambuilding-Maßnahme bis zum Schluss bleiben, nicht jedes Feierabendbier mittrinken und Dich nicht mit jedem Kollegen auf Teufel komm raus gut stellen musst, um der Gefahr Burnout durch Einsamkeit zu entgehen.

Die schlechte Nachricht ist: Selbst wenn du’s tätest, würde das möglicherweise gar nichts bringen.  Der ganze Trubel um Dich herum wird dich nur völlig kalt lassen, wenn dir der kalte Klumpen „Einsamkeit“ im Magen liegt. Auftauen kann den nämlich nur eins: Menschliche Wärme, die durch echte Nähe entsteht. Die Klassiker unter diesen Menschliche-Wärme-Generatoren sind zwar Partnerschaft, Freundschaft und feste Familienbande. Doch letztendlich wärmt jede Art von Verbindung ein bisschen das Herz, solange sie auf der emotionalen Ebene verläuft und ein Quäntchen Empathie mitschwingt. Der rationale, kalte, leistungsgetriebene berufliche Kontext erscheint zwar auf den ersten Blick nicht gerade wie der perfekte Lebensraum für Emotionen, Nähe und Wärme. Aber es ist auch so: In einem stockfinsteren Zimmer wirkt selbst der kleinste Lichtschein umso heller. Das bedeutet, Du kannst mit einer kleinen Veränderung auch auf der Arbeit mitunter viel erreichen.

Zum Beispiel so:

Schritt 1: Durchbrich die Kette

Die negative Stimmung in vielen Unternehmen nährt sich von Kettenreaktionen. Lästerrunden, die ihre Wellen durch die Flure wabern lassen. Frust, der sich von oben nach unten von einem zum anderen überträgt. Schuld, die sich gegenseitig zugeschoben wird. Spitze Ellenbogen, die sich reihenweise in die Rücken der anderen bohren. All diese Ketten haben in der Regel nur einen Antrieb: Negatives auf andere schieben, um die eigene – scheinbar makellose – Fassade aufrecht zu erhalten. Diesen Kreislauf kannst Du unterbrechen, indem Du Dich da rausziehst und so wahrhaftig, ehrlich und verständnisvoll wie möglich bist. Das ist ansteckend. Wenn wir das Gefühl haben, dass unser Gegenüber authentisch ist, fühlen wir uns sicherer und öffnen uns selbst mehr. Dadurch kann dann möglicherweise eine Verbindung entstehen, die echt ist.

Schritt 2: Glaube wieder an das Team

Viele Unternehmen sind in Teams organisiert, auch wenn die Realität oft anders aussieht: Eine Gruppe Einzelkämpfer, die zusammen in ein Büro gepfercht ist und in der sich alle argwöhnisch beäugen. In manchen Unternehmen wird dieser Konkurrenzkampf zwar forciert, aber im Grunde ist der Teamgedanke gut. Während jeder einzelne leicht angreifbar ist, hat ein Team ein deutlich größeres Gewicht im Unternehmensgefüge. Du kannst Dich also fragen: Wer sind Deine Verbündeten? Wer könnte Dir helfen? Wem könntest Du helfen? Das bedeutet nicht, dass Du Dich ausnutzen lassen musst. Im Zweifelsfall ist ein offenes, klares Gespräch besser als der stille Frust, den Du mit Dir selbst ausmachst.

Schritt 3: Behalte das große Ganze im Blick

Wer sich zu sehr auf die Arbeit fokussiert, blendet alles andere aus. Zum Beispiel die Familie, die Freunde, den Partner oder anders gesagt: Das soziale Rettungsnetz. Diese Beziehungen halten wir oft viel zu schnell für selbstverständlich, dabei sind sie es, die uns besonders viel Halt geben können. Sie nehmen dem Kommentar des nervigen Kollegen die Schlagkraft. Sie halten uns aufrecht, wenn der Chef was zu meckern hat. Denn wir wissen, da gibt es Menschen, die hinter uns stehen. Auch wenn das Umsatzziel des Monats mal verfehlt wurde. Uns bei unangenehmen Gefühlen noch mehr in die Arbeit zu stürzen hilft uns nicht, es schadet uns.

Die Einsamkeit schleicht sich ohne Einladung ins Herz. Wenn sie über Deine Schwelle tritt, schlag die Tür nicht hinter ihr zu.

Mehr unter: Wenn wir aus dem Kontakt gehen – Die 3 Stufen sozialer Entfremdung.

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