Das Wort Lebensaufgabe (oder Bestimmung, oder Berufung) klingt in Deinen Ohren vielleicht zu abgehoben. Da ich selbst weder katholisch, noch evangelisch, noch sonst irgendwie religiös aufgewachsen bin, könnte ich das gut nachvollziehen. Einerseits fehlt mir jedoch ein besserer Ausdruck dafür, andererseits ist die Lebensaufgabe für mich wirklich etwas Abgehobenes: abgehoben von den Anforderungen, Bedürfnissen, Wünschen, Siegen und Niederlagen, die das alltägliche Leben anspült. Die Lebensaufgabe thront über dem Auf und Ab und Hin und Her des Alltags.

Es muss dabei nicht die eine Lebensaufgabe für jeden von uns geben, sie muss nicht von Gott oder jemand oder etwas anderem vorgegeben sein, auch wenn das ein romantischer Gedanke ist.

Für mich ist die Lebensaufgabe eine Antwort auf die Frage:

„Welchen Unterschied soll mein Leben machen?“

oder

„Wofür will ich meine Lebenszeit einsetzen?“

Die Antwort kann sich im Laufe der Jahre ausdehnen, eingrenzen oder verschieben. Ich möchte mir solche Veränderungen offen halten, weil mich eine feste Antwort so sehr unter Druck setzen würde, dass ich sie entweder nie finde oder nie für immer ihr leben möchte, da ich mich selbst ja auch weiterentwickle.

Natürlich musst Du Deine Lebensaufgabe nicht kennen. Es geht auch ohne. Dann verpasst Du aber vermutlich vieles.

Es gibt fünf Gründe, warum die Lebensaufgabe wichtig für Dich ist.

Die Lebensaufgabe befreit

Wer seine Lebensaufgabe nicht kennt, ist entweder Sklave seiner eigenen ständig wachsenden und sich wirr wandelnden Bedürfnisse, oder Sklave der Bedürfnisse und Lebensaufgaben anderer Menschen, die sein Leben für Ihre Zwecke verplanen, wenn er es nicht selbst für sich tut.

„Ich brauche keine Lebensaufgabe, ich habe doch Ziele“, wendest Du vielleicht ein. Wenn die Ziele keinen höheren Zweck haben, wonach wählst Du sie dann aus? Entweder zufällig, dann können sie völlig sinnlos sein. Oder nach Deinen Bedürfnissen. Du könntest Dir das Ziel setzen, heute Abend vier Stunden fernzusehen um Deinem Bedürfnis nachzukommen, abzuschalten. Du könntest auch zum Beispiel aus Angst vor der Armut schuften oder für ein neues dickes Auto oder eine Eigentumswohnung. Dein Ziel könnte auch sein, 20 Kilo abzunehmen oder einen neuen Partner zu finden. Dicke Autos und Eigentumswohnungen und Fitness und Beziehungen sind toll, aber wenn sich Dein Leben nur darum dreht … wie erfüllt wirst Du dann sein, wie zufrieden … wie versöhnt im Sterbebett liegen?

Ohne höheren Zweck geben uns die Bedürfnisse die Ziele vor. In der Regel stopfen wir mit solchen Zielen Löcher und wenn eins gestopft ist, taucht das anderes auf, und wir versuchen, dieses auszubessern, während hinter uns schon wieder ein neues entsteht. Wir hetzten hin und her. Anstatt etwas zu erschaffen, sind wir nur Sklaven mehr oder weniger niederer, wechselnder Bedürfnisse, die niemals Ruhe geben.

Und was ist, wenn man sich gar keine Ziele setzt? Dann setzen andere sie für einen. Die Werbeindustrie, die jährlich Billionen an Euros ausgibt, um neue Bedürfnisse in uns zu pflanzen. Der Chef, der vor seinem Chef glänzen oder sein Unternehmen wachsen sehen will und unsere Leistungsfähigkeit auspresst wie ein Entsafter. Und wofür? Damit wir an einem „spannenden Projekt“ teilnehmen, neue Karrierestufe erklimmen, einen neuen Eintrag im Lebenslauf haben, der uns ermöglicht, unser Leben für den nächsten Chef aufopfern zu können. Auch dann sind wir Sklaven, Sklaven der Bedürfnisse und Lebensaufgaben anderer. Auch dann werden wir kaum jemals wirklich erfüllt und zufrieden sein.

Soll das wirklich alles gewesen sein? Möchtest Du Dein Leben wirklich so verbringen?

Mit einer Lebensaufgabe kannst Du Dich befreien. Deine Bedürfnisse haben dann immer noch einen Platz, Du wirst weiterhin dafür sorgen, dass Du ein Dach überm Kopf, etwas zu Essen auf dem Tisch und etwas Geld auf dem Konto hast. Doch zusätzlich bist Du frei. Du bist frei, Ziele auszuwählen, die zu Deiner selbstgewählten Lebensaufgabe passen – anstatt nur zu Deinen momentanen Impulsen, zu den Zielen der Werbetreibenden oder denen Deines Chefs. Du wirst Dich frei entscheiden können, ob Deine aktuelle Arbeitsstelle mit Deiner Lebensaufgabe im Einklang oder ob sie ihr im Weg steht. Und Du wirst Dich frei entscheiden können, ob Du Deine Freizeit so verbringst, dass sie Dir dabei hilft, Deinen höheren Zweck zu erreichen.

Kennst Du Deine Lebensaufgabe, so wirst Du Deinen eigenen Weg wählen und beschreiten können – frei von den Plänen, die Andere für Dich haben, frei von einem Lebenslauf, den Andere für Dich schreiben.

Siehe auch 13 Gründe, niemals einen Job anzunehmen.

Die Lebensaufgabe ist ein Kompass

Die Lebensaufgabe ist ein Kompass, der Dir den richtigen Weg weisen kann. Wann immer Du vor großen und kleinen Entscheidungen stehst, kannst Du einen Blick auf ihn werfen und ihn um Führung bitten.

So kannst Du Dich fragen:

Hilft es mir, meine Lebensaufgabe zu erfüllen, wenn

  • ich mir diese Salami-Pizza einverleibe?
  • ich die 38 Staffeln meiner Lieblingsfernsehserie noch mal auf DVD anschaue?
  • ich jetzt zum Sport gehe, obwohl ich überhaupt keine Lust habe?
  • ich diesen Brief schreibe oder dieses Gespräch führe?
  • ich die nächsten sechs Monate an diesem Projekt arbeite?
  • ich in dieser Partnerschaft bleibe?

Diese Kompassnadel richtet sich nach höheren, beständigeren Zielen als denen Deiner akuten Bedürfnisse und Ängste oder den Meinungen der Mitmenschen.

Als ich mit dem Studium fertig war, wählte ich meinen nächsten Schritt nach meinen Bedürfnissen aus. Ich wollte gut verdienen um mir ein Auto, eine größere Wohnung und einen insgesamt höheren Lebensstandard leisten zu können, ich wollte mich dafür nicht totarbeiten müssen, möglichst wenig in Hotelzimmern übernachten müssen, die Arbeit schnell von zu Hause aus erreichen können, nette Kollegen haben und mich respektiert fühlen. Das waren meine Kriterien, und ich fand einen Job, der sie alle erfüllte. Schon nach kurzer Zeit verließ ich meine Wohnung morgens nur sehr unmotiviert, ich verbrachte viel unerfüllte Zeit im Büro und kam am Abend unzufrieden wieder nach Hause. Als ich in den Spiegel schaute, sah ich einen jungen Mann, der zwar besser angezogen war und einen höheren Lebensstandard hatte denn je, dessen Augen aber ungefähr genauso stark leuchteten wie stumpfe Steine.

Ich hatte meine Wahl nur nach meinen Bedürfnissen getroffen, und es war eine schlechte Wahl. Zu dieser Zeit war ich mir meiner Lebensaufgabe nicht bewusst, ich ahnte sie unterschwellig, machte sie mir jedoch nicht wirklich klar und stellte sie hinten an. Da ich zwar müde war, aber längst nicht tot, entschied ich mich als Angestellter, der gerade an einen großen Bonuspunkteprogramm-Anbieter als Berater ausgeliehen wurde, neu. Und dieses Mal bestimmten nicht nur meine Bedürfnisse, sondern auch – und allen voran – meine Lebensaufgabe über den Ausgang. Für mich bedeutete das: weniger Geld, und das auch noch unsicher einnehmen, gesunkener Lebensstandard, keine Kollegen mehr, weniger Respekt von außen. Und dennoch morgens aufstehen, mich auf den Tag freuen, mit Leidenschaft arbeiten und mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, etwas, wozu ich mich berufen fühle.

Hätte ich hingegen versucht, nur meine Bedürfnisse mit einem anderen Job noch besser zu erfüllen, wären Geld und Respekt vermutlich weiter gestiegen, meine Augen aber noch stumpfer geworden. Am Ende hätte ich bestenfalls auf ein mittelmäßiges, uninspiriertes Leben zurückschauen können. Ich hätte darauf verzichten müssen, über mich hinaus zu wachsen und einen echten Unterschied zu machen.

Die Lebensaufgabe kann Dich also nicht nur befreien, sie kann Dir auch die Hand reichen und Dir helfen, das Richtige zu tun.

Die Lebensaufgabe macht stark und gibt Halt

Strengst Du Dich an, um ein Ziel zu erreichen, das nur aktuellen, vergänglichen Bedürfnissen entspringt, raubst Du Dich einer tiefen, langanhaltenden Motivation.

Du wirst das Ziel vielleicht erreichen … obwohl, eigentlich ist es ja auch nicht so wichtig, das kann man ja nächstes Jahr noch angehen, jetzt gerade ist einem halt etwas dazwischen gekommen … aber selbst wenn Du es erreichst … dann wirst Du Dir ein neues Ziel setzen und Dich irgendwann fragen: wozu das alles, wozu das ganze Gehetze für diese Ziele, die mich ohnehin nur für sehr kurze Zeit zufrieden machen, wenn ich sie erreiche?

Ohne höheren Zweck bist Du anfällig für Deine Unlust. Schon kleine Hürden können Dich für immer abhalten könnne, weiter zu kämpfen.

Mit einem höheren Zweck wirst Du selbst in schwierigen Phasen und Lebenskrisen einen Rettungsanker haben. Es gibt einfach keine Alternative, als die Lebensaufgabe so gut es geht zu erfüllen, was da auch kommen möge. Du wirst Dich in ihr sicher fühlen, mit Dir sicher fühlen, und die Kraft haben, Hürden zu überspringen oder einfach umzutreten.

Die Lebensaufgabe macht erfolgreich

Die Lebensaufgabe gibt Dir etwas vor, an dem Du Dich und den Einsatz Deiner Zeit messen kannst.

Woran erkennst Du denn sonst, ob Du erfolgreich bist?

Ohne Lebensaufgabe ist Erfolg etwas, das andere für Dich definieren – die Gesellschaft, die Werbung, die Kollegen, die Familie, die Freunde. Kohle, Karren, Sex, Macht, Muskeln und andere oberflächlichen Dinge. Wie gesagt: ich habe nichts gegen all diese Sachen, nur glaube ich nicht, dass sie allein ausreichen, damit wir uns wirklich tief im Inneren gut fühlen und die Besten werden, die wir sein können.

Erfolgreich werden wir mit der Lebensaufgabe auch wegen allen oben genannten Gründen: wir befreien uns aus der Sklaverei, wir treffen die richtigen Entscheidungen und wir können Kraftquellen auch langfristig anzapfen, die wir nie kennen lernen, wenn wir nur materielle Träume erreichen und akute Bedürfnisse erfüllen wollen.

Die Lebensaufgabe macht attraktiv

„Jeder Mann weiß, dass sein höchstes Lebensziel nicht auf eine bestimmte Beziehung reduziert werden kann. Stellt ein Mann seine Beziehung höher als sein höchstes Ziel, schwächt er sich selbst. Er erweist dem Universum einen schlechten Dienst und betrügt seine Partnerin um einen wahrhaftigen Mann, der ihr seine volle, ungeteilte Gegenwart schenken kann.“

– David Deida

Das Zitat stammt aus einem Buch, das der Autor David Deida für Männer geschrieben hat (ich empfehle das englische Original „The Way of the Superior Man“). Ob es für Frauen genauso gültig ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass alle Menschen, die ein erfülltes Leben leben, attraktiver sind für andere als jene, die unerfüllt im Strudel eigener Bedürfnisse und fremder Absichten treiben.

Stellst Du einen anderen Menschen oder eine Beziehung zu ihm über Dich und Deine Lebensaufgabe, schwächst Du Dich – auch in den Augen des Anderen. Du wirst Dich an ihm orientieren, statt an Dir, oder es wird Dir komplett an Orientierung fehlen. Und ihn wird es abstoßen, wenn auch nur unbewusst und ohne, dass er unbedingt zugeben wird.

Wenn Du Deine Lebensaufgabe nicht kennst

Wenn Dich die Gründe überzeugt haben und Du noch nicht sicher bist, welche Deine Lebensaufgabe sein könnte, kann Dir dieser Artikel helfen: Wie man seine Lebensaufgabe findet in 30 Minuten.

 

Update: Das Konzept der Lebensaufgabe ist nicht für jeden und nicht in jeder Lebenssituation das richtige. Daher gibt es einen Nachfolger für diesen Text: 9 Gründe, warum Du KEINE Lebensaufgabe brauchst.

 

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