„Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen bauen Windmühlen.“

– Chinesische Weisheit

Gestern schien die Sonne, ich schrieb sonnig und ging anschließend im Park spazieren. Nun ist alles wieder weiß und ich weiß, dass der Schnee von heute der Matsch von morgen ist. Und dann taut auch der wieder weg und bald ist der Frühling da, und es wird wärmer und ich werde häufiger im Park spazieren und sobald ich mich an diese heitere Freiheit gewöhnt habe, wird es so heiß sein, dass ich nirgendwo mehr hin will und dann kommt der Herbst mit seinen trüben Regentagen und schon bald stehe ich wieder auf und schaue auf dem Fenster und alles ist wieder weiß.

So ist es nicht nur mit dem Wetter, sondern mit dem ganzen Leben, schätze ich. Die Dinge kommen und gehen, kommen und gehen, mal scheint alles pure Sonne zu sein und mal nichts als Matsch.

Hoffnungen blühen auf und fallen irgendwann tot herab, und dann blühen sie erneut auf.

Die Liebe auch, die Wut auch,
die Siege und die Niederlagen,
die Kämpfe und die Ruhephasen,
das Glück- und das Pechhaben.

Anders als bei den Jahreszeiten kommt mir und vielleicht auch Dir, lieber Leser, im Leben oft das Wissen ab, dass sich alles wandelt. Blüht das eigene Leben auf, dann halten wir für die Blüten für unsterblich, fallen die Blätter, dann glauben wir, dass sie ewig fallen werden.

Dabei gibt es keine aussichtslose Lage und keine für immer fließenden Tränen.

Aber genauso hat es sich schon oft angefühlt für mich. Dass ich für immer der viel zu dünne Junge bleiben würde, für immer verpickelt, für immer versteckt und vom Leben abgeschnitten. Vorrübergehende Niederlagen im Studium oder im Business oder hinsichtlich der Gesundheit oder wo auch immer schienen mir den Sargdeckel auf den Kopf zu schmettern und mich für immer handlungsunfähig im Dunkeln auf meinen Tod warten lassen müssen.

Ich weiß nicht, ob am Ende immer alles gut wird, vermutlich ist das nicht so. Aber dass sich alles wandelt, also nichts so bleibt, wie wir oft glauben, da bin ich mir sicher.

Das Geheimnis, das gar keins ist, heißt wohl: „loslassen“. Wenn „loslassen“ – sich nicht identifizieren – wie die Zen-Mönche es zu machen scheinen, für mich nicht funktioniert, dann versuche ich es so zu machen wie die Kinder: wenn ein Kind traurig ist, ist es richtig traurig, es schämt sich nicht, laut zu schreien und zu schluchzen und die Tränen fließen zu lassen, eben: richtig zu heulen, als würde die Welt gerade für alle Zeiten untergehen.

Es lässt nicht los, es lässt zu.

Dabei beruhigt es sich langsam, und dann schneller. Wenig später hat das Kind wieder etwas anderes im Sinn, ein neues Spiel oder Abenteuer.

Es hat die Traurigkeit nicht losgelassen, es wurde losgelassen. Das Kind hat seiner Traurigkeit, die ja nun mal da war, den Platz gelassen, die sie brauchte. Die Traurigkeit freute sich darüber, lebte sich aus, sang, was sie singen wollte, und verschwand wieder.

Genau, wie die Blüten und Blätter und Sonnenstrahlen und Regentropfen und Schneeflocken.

Ich möchte die Jahreszeiten gern auskosten, wie sie sind, sie zulassen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Und ich möchte, in der Natur und in meinem eigenen Leben wissen, dass ihre Lebenszeit beschränkt ist, sie aber immer wieder neu geboren werden. Dann kann ich mich auch erlauben, richtig zu weinen in den Momenten, in denen mir zum Weinen ist. Solange wie nötig eine verheulte Visage zu haben und dann wieder lachen, statt das ganze Jahr über einen Herbst aus stummen Tränen in mir herumzutragen.

 

Photo: Keith Hall