Text von: Christina Fischer

Wir sind It-Girls und -Boys, wir sind einsame Wölfe, „Lonely Rider“, Self-Made-Men und -women (oder wir wären es gerne). Wir haben spitze Ellenbogen und wissen sie einzusetzen (oder lassen uns dazu coachen). Wir haben das, was sonst keiner hat (oder wollen es haben). Wir wollen die letzte Cola in der Wüste sein – derjenige aus einer Million Menschen, der heraussticht.

Deswegen singen wir uns in Casting-Shows die Seele aus dem Leib. Deswegen optimieren wir uns in den Wahnsinn. Deswegen kultivieren wir unsere „Crazyness“, denken uns originelle Maschen und Macken aus, die eigentlich nur unsere wahren Macken verbergen und spielen Theater. Einfach nur Mensch sein – das ist nicht genug, vielleicht sogar beleidigend. Denn wir sind doch schließlich Individuen! Jeder von uns ganz einmalig und besonders.

Und: Das ist doch gut.

Oder?

Unsere Individualität macht uns einsam

Als ich ein junges Ding von etwa etwa 14 Jahren war, da wollte ich nichts lieber als in der Masse verschwinden. Bloß nicht unangenehm auffallen! Ich kaufte teure adidas-Turnschuhe, weil die „jetzt jeder hat“. Ich kaufte mir Hip-Hop-CDs, obwohl mir die Musik jetzt nicht so wirklich gefiel. Aber die coolen Kids hörten das eben – also auch ich. Erst als ich merkte, dass ich trotz meiner Bemühungen kurz davor war, den „Graues-Mäuschen-Stempel“ aufgedrückt zu bekommen, rüstete ich zur radikalen Gegenoffensive.

Jetzt wollte ich nicht mehr wie die anderen sein, sondern ganz, ganz anders. Ich kaufte mir quietschbunte Klamotten, machte mir seltsame Frisuren und schminkte mir die Augen schwarz. Ich wollte die sein, die auf alles pfiff – ein bisschen punkig und auf jeden Fall cool.

Das Resultat: Ich fiel auf, wurde angeschaut – manchmal mit Augenrollen, einem Grinsen oder unverhohlenem Entsetzen (aber darauf pfiff ich ja eh). Mehr aber auch nicht. Meine Auffälligkeit – meine ach so sehr gelebte Individualität – machte mich auch nicht glücklicher. Dafür aber einsamer.

Darum leben wir im Zeitalter der Einsamkeit

Tatsächlich haben wir in unserer heutigen Gesellschaft unser Leben so eingerichtet, dass wir so wenig wie möglich auf unsere „Artgenossen“ angewiesen sind, ja am besten gar nicht großartig mit ihnen zusammentreffen müssen. Wir streamen Filme auf YouTube und Co. oder hängen vor der heimischen Glotze, statt ins Kino zu gehen. Wir fahren lieber mit dem Auto als mit der Bahn. Wir „treffen“ uns lieber in Online-Spielen, statt leibhaftig neben anderen Menschen zu sitzen (und – Gott bewahre – miteinander zu reden). Wir schreiben uns per WhatsApp, anstatt zu telefonieren.

Und in Japan wurde sogar vor kurzem eine „Hologram-Ehefrau“ entwickelt, die einem nun auch die Mühen einer Liebesbeziehung zu einem echten Menschen ersparen kann. Auch wenn wir vielleicht trotzdem eine Ehefrau aus Fleisch und Blut vorziehen würden – so einfach ist das heutzutage gar nicht mehr. Mit dem Kennenlernen und so. Seltsam eigentlich. Denn nie zuvor in der Geschichte haben so viele Menschen auf so engem Raum zusammengelebt wie heutzutage. Müsste man denn da nicht zwangsläufig ständig mit anderen Menschen in Kontakt kommen?

Ja und nein. Der Soziologe Georg Simmel beschreibt den Menschen beispielsweise in seinem Werk „Die Großstädte und das Geistesleben“ als „Unterschiedswesen“, das stets bemüht ist, „die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft […] zu bewahren“.

Das würde bedeuten: Wir wollen gar keinen Kontakt mit anderen – wir wollen uns von ihnen abheben. Und je dichter gedrängt wir mit anderen Menschen zusammenleben, desto mehr Mühe müssen wir uns geben, auffallend anders zu sein. Eben um uns selbst versichern zu können, dass wir ganz individuell sind und aus der schieren Masse herausragen, in der wir unser Dasein fristen.

Aber es ist leider so: Genau dieses Verhalten bringt uns um.

Wie uns Einsamkeit umbringt

Studien haben belegt, dass uns soziale Isolation mit einer ebenso hohen Wahrscheinlichkeit frühzeitig ins Grab bringen kann, wie wenn wir täglich 15 Zigaretten rauchen würden. Außerdem ist Einsamkeit Studien zufolge etwa doppelt so tödlich wie extreme Fettleibigkeit. Auch andere Geißeln der Menschheit wie Demenz, Bluthochdruck, Alkoholismus, Depressionen, Angststörungen treffen eher Menschen, die einsam (oder klinisch ausgedrückt „sozial isoliert“) sind.

Warum also tun wir uns das an? Es liegt noch nicht einmal in unserer Natur, Einzelgänger zu sein. Schon in der Steinzeit organisierten sich die frühen Menschen in Horden. „Gemeinsam sind wir stark“ ist ja eigentlich das Erfolgsrezept unserer Existenz. Was bringt es uns also, uns mit spitzen Ellenbogen und auf den Rücken anderer Mitmenschen mit aller Macht „nach oben“ durchzuschlagen? Was würde uns „oben“ denn überhaupt erwarten? Glück? Erfüllung? Zufriedenheit?

Auch darauf haben Studien bereits eine ernüchternde Antwort gefunden: Wenn wir auf dem Gipfel angekommen sind, erwartet uns nur ein neuer Berg, den wir besteigen wollen. Denn wir suchen an der falschen Stelle. Die Erfüllung findet sich nicht auf dem Gipfel eines riesigen, einsamen (Geld)Berges.

Wenn wir beim Wettbewerb in unserer Gesellschaft mitmischen und ihn sogar „gewinnen“, werden wir vielleicht reicher. Aber nicht glücklicher, wie der Psychologe Robert A. Kenny in einer umfangreichen Studie herausfand. Tatsächlich zeigte sich dort, dass es für die meisten Befragten keinen Unterschied mehr machte, ob sie „fantastisch reich“ oder „lediglich wohlhabend“ waren.

Auf eine konkrete Zahl brachte es sogar Nobelpreisträger Angus Deaton: Demnach wächst das Glücksempfinden mit dem Gehalt exakt bis zu einem Jahreseinkommen von umgerechnet 61.000 Euro (75.000 Dollar) brutto – dann war es das.

Warum das Modell „gemeinsam einsam“ ausgedient haben sollte

Wir mögen nach Individualität streben, doch in Wahrheit fürchten sich viele von uns vor der Einsamkeit. Hast Du nicht auch schon mal den Fernseher angeschaltet, als Du alleine daheim warst, um wenigstens irgendwelche Stimmen zu hören? Ich schon.

Und schlimmer wird es, wenn wir ans Altwerden denken. Eine traurige Nebenwirkung unserer wachsenden Lebensdauer ist verstärkte Einsamkeit, wenn wir alt sind. Aber zu behaupten, erst mit dem Alter würde uns Einsamkeit drohen, ist ebenfalls zu kurz gegriffen. Studien belegen: Auch Jugendliche sind zunehmend einsam.

Das Problem ist längst da, es ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, wir stecken mittendrin. Kein Entkommen also? Vielleicht (hoffentlich) nicht ganz. Du allein hast zwar nicht die Macht die ganze Gesellschaft umzukrempeln, aber Du kannst im Rahmen Deiner Möglichkeiten der Einsamkeit den Kampf ansagen.

Suchen und geben wir also lieber Nähe, statt uns auf ein Podest zu stellen. Seien wir dankbar für die Menschen in unserem Leben und lassen sie es wissen. Sorgen wir dafür, dass keiner von ihnen einsam sein muss. Zieht sich ein Freund zurück, lass ihn uns fragen wie es ihm geht. Besuchen wir unsere Omas. Gehen wir auf die verdammte Geburtstagsparty und erfinden keine Ausreden, um daheim alleine zu zocken. Kurzum: Machen wir aus „einsam“ wieder „gemeinsam“. Das wäre im Zeitalter der Einsamkeit schließlich das wirklich Besondere.

Mehr unter Die 3 Stufen sozialer Entfremdung und unter 5 Wege, dem Leben mehr Sinn zu geben.

Photo: 火火 馬 | Inspiriert von: George Monbiot