Es folgt ein Text von Ulrike Hensel, Autorin des myMONK-Buchs Hochsensibel das Leben meistern.

Authentizität ist zu einem Modewort geworden. Allenthalben begegnen wir der Aufforderung „Sei du selbst und zeige dich, wie du bist!“ – doch das ist leichter gesagt als getan, erst recht für hochsensible Menschen (im Folgenden kurz HSP), die es mit ihrem Anderssein in der Gemeinschaft ohnehin nicht leicht haben.

Was genau macht uns eigentlich authentisch? Wofür ist Authentizität gut? Wie können HSP zu mehr Authentizität gelangen? Gibt es auch ein Zuviel an Authentizität?

Was es braucht, um authentisch zu wirken

Als Person authentisch zu sein, meint, sich so zu zeigen, wie man ist, sich nicht zu verbiegen und zu verleugnen, sich keine Maske aufzusetzen und keine täuschende Fassade aufzubauen. Eine als authentisch bezeichnete Person vermittelt ein Bild von sich, das beim Betrachter als unverstellt, ungeschönt und ungekünstelt, mit anderen Worten als ‚echt‘ wahrgenommen wird. Authentizität wird so verstanden, dass für Dritte die Übereinstimmung von innerem Wollen und äußerem Handeln feststellbar ist.

Bestimmte Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit wir uns selbst als authentisch erleben und von anderen als authentisch empfunden werden. Zunächst einmal müssen wir uns unserer generellen Wesensart, unserer Eigenheiten, Stärken und Schwächen, Vorlieben und Motive bewusst sein. Wir müssen selbst verstehen, was uns ausmacht und was uns antreibt. Ebenso braucht es die Bewusstheit über unsere momentanen Empfindungen, Gedanken und Bedürfnisse, um diese sichtbar machen und offen und ehrlich mitzuteilen zu können. Erst durch Selbstreflexion und Selbstklärung sind wir in der Lage, bewusst zu handeln sowie klar und kraftvoll zu kommunizieren.

Um authentisch zu wirken, muss eine Durchgängigkeit in den Meinungen und im Verhalten erkennbar sein, zum einen über die Zeit hinweg, zum anderen in verschiedenen Situationen und auch im Kontakt mit verschiedenen Personen. Das gilt auch für den Fall, dass andere nicht derselben Meinung sind oder ein bestimmtes Verhalten nicht befürworten. Jemand, der als authentisch gilt, handelt selbstbestimmt, konsequent in Übereinstimmung mit den eigenen Werten und den selbst gesetzten Prioritäten. Er behält seine Linie auch dann bei, wenn er auf Widerstand stößt, kritische Rückmeldungen zu hören bekommt und ihm womöglich Nachteile daraus erwachsen.

Es ist durchaus mit Authentizität vereinbar, dass sich jemand je nach Rolle, Situation und Umfeld ein Stück weit unterschiedlich verhält, Gefühlsregungen und Gedanken jeweils in angemessener Weise ausdrückt, solange er in seinem grundsätzlichen Charakter noch erkennbar bleibt und weiterhin der Aufrichtigkeit folgt. Zur Authentizität kann ebenfalls passen, Meinungen und Verhaltensweisen zu ändern, allerdings muss das für andere transparent und nachvollziehbar gemacht werden.

Sei nicht nett, sei echt!

Im sozialen Agieren stehen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit („Ich will kein Außenseiter sein“) und das nach Individualität („Ich will etwas Besonderes sein“) im Widerstreit; um nachhaltige Zufriedenheit zu erreichen, wollen beide Bestrebungen in einer guten Balance gehalten werden.

Wer um der Harmonie und des lieben Friedens willen gewohnheitsgemäß zurücksteckt und seine Gefühle und Gedanken versteckt, entfernt sich von sich selbst, wird sich untreu, verletzt seine Integrität. Wer stets in erster Linie versucht, tatsächlichen oder vermuteten Erwartungen zu entsprechen, um zu gefallen, beliebt zu sein und geliebt zu werden, verhält sich angepasst und im Grunde opportunistisch. Er ist weitgehend fremdbestimmt, unterwirft sich äußeren Einflüssen, lässt sich leicht manipulieren, folgt dem Gruppenzwang, geht faule Kompromisse ein.

Demgegenüber bedeutet authentisch zu sein, sich selbst weitestgehend treu zu bleiben, zu seinem Wesen, seinen Werten und Überzeugungen zu stehen und sich für seine eigenen Bedürfnisse stark zu machen. Der Familientherapeut Kelly Bryson bringt es in seinem Buch „Sei nicht nett, sei echt!“ (Junfermann, 2006) auf den Punkt: „Sich nicht für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse einzusetzen, ist eine Entscheidung, die darauf hinausläuft, dass man sich selbst im Stich lässt. […] Doch das bringt uns nie, was wir uns davon versprochen haben.“

Wer wahrhaftig und echt sein will, muss die Größe haben, auch seine (vermeintlich) negativen Seiten zu offenbaren; muss darauf verzichten, ein geschöntes Bild von sich zu präsentieren; muss den Mut aufbringen, sich zu zeigen, wie er ist; muss das Risiko eingehen, anzuecken. Dabei hilft die Einsicht, dass wir es sowieso nicht in der Hand haben, welche Meinung sich andere über uns bilden. Das hängt nämlich nicht nur von uns, sondern von deren Weltsicht, Vorerfahrungen, Vorurteilen und Erwartungen ab.

Im menschlichen Miteinander ist Authentizität wertvoll, weil Menschen dadurch füreinander erfahrbar und einschätzbar werden. Das gibt Sicherheit, weil jeder weiß, woran er ist, und kann sich darauf einstellen. Authentizität schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit – und ist damit Grundlage für tragfähige Beziehungen.

Wissen, was die eigene Person ausmacht

Sich als hochsensibel zu erkennen und sich anschließend eingehend mit den Facetten des Hochsensibelseins zu beschäftigen, ist für HSP sehr hilfreich im Hinblick auf die Selbstfindung und Selbstentfaltung und somit auch für den authentischen Selbstausdruck. Das umfassende Verständnis des Phänomens Hochsensibilität kann viel dazu beitragen, dass HSP Klarheit über ihr ‚wahres Selbst‘ und ihre Bedürfnisse gewinnen.

An der Stelle sei jedoch betont, dass niemand mit dem Charakteristikum Hochsensibilität auch nur annähernd vollständig charakterisiert ist und sich auch keinesfalls darauf reduzieren sollte. Die Hochsensibilität ist zwar ein grundlegendes, veranlagungsbedingtes Wesensmerkmal, ohne das sich kein schlüssiges Gesamtbild ergibt, aber doch nur eine von zahlreichen Eigenschaften, die die individuelle Persönlichkeit formen. Jeder Mensch – und ebenso jeder hochsensible Mensch – ist in erster Linie eine ganz einzigartige Persönlichkeit, ein Original. Insofern geht es für HSP darum, sich in ihrer Einzigartigkeit zu begreifen und dabei das Hochsensibelsein mit all seinen Licht- und Schattenseiten zu integrieren.

Eine Herausforderung: sich zu zeigen, wie man ist

Nicht wenige HSP sind im Laufe ihres Lebens durch den Vergleich mit anderen zu dem Schluss gekommen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, dass sie nicht okay sind, so wie sie sind. Zudem haben Zuschreibungen und Kommentare von anderen wie „Du bist überempfindlich!“, „Du bist schwierig!“, „Was hast du jetzt schon wieder?“ ihr Selbstbild geprägt und ihr Selbstwertgefühl geschwächt.

Grundlegende Selbstzweifel und eine tief sitzende Unsicherheit haben HSP in vielen Fällen dazu gebracht, den natürlichen Drang, Gefühle, Gedanken und Wünsche spontan zu äußern, in hohem Maße zu unterdrücken. Sie haben sich ihrem Umfeld angepasst und so gut wie möglich das Verhalten der Mehrheit kopiert, um nicht unangenehm aufzufallen und sich Abwertungen zu ersparen. Sich derart zu verstellen und die ureigene Wesensart zu verstecken, geht leider immer auf Kosten der Lebendigkeit und der Lebensfreude, was die Unsicherheit noch weiter verstärkt und die Authentizität weiter untergräbt. Man kann regelrecht von einem Teufelskreis sprechen.

In einem Beitrag des Sozialpsychologen und Philosophen Erich Fromm im Buch Authentisch leben (Herder, 2000) habe ich eine Passage gefunden, die genau den Zusammenhang beschreibt: „Die Unfähigkeit, spontan zu handeln und das zum Ausdruck zu bringen, was man genuin fühlt und denkt, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, andere und sich selbst ein Pseudo-Selbst zu präsentieren, sind die Wurzeln des Gefühls von Minderwertigkeit und Schwäche. Ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht, es gibt nichts, dessen wir uns mehr schämen, als nicht wir selbst zu sein, und es gibt nichts, was uns stolzer und glücklicher macht, als das zu denken, zu fühlen und zu sagen, was wirklich unser Eigentum ist.“

Durch Selbsterkenntnis mehr Souveränität gewinnen

Nach dem Entdecken des Terminus und des Konzepts Hochsensibilität erscheinen den HSP vergangene und gegenwärtige Erfahrungen in einem ganz neuen Licht, sie können umgedeutet und neu bewertet werden. Das Selbstverständnis kann sich mit den Benennungen wandeln: Hochsensibilität statt Hypersensibilität, Wahrnehmungsbegabung statt Wahrnehmungsstörung, Normvariante statt Anomalie, Besonderheit statt Unzulänglichkeit.

In der Folge liegt die Chance darin, das eigene Sosein – insbesondere das Hochsensibelsein – aus der Ecke des Problembeladenen (oder gar Pathologischen) und Beschämenden herauszuholen und grundsätzlich zu bejahen. Idealerweise mündet die wachsende Selbstakzeptanz mit der Zeit in mehr Selbstsicherheit im Auftreten, mehr Souveränität in der Kommunikation und in ein selbstverständlicheres Zu-sich-Stehen – mit anderen Worten: in mehr Authentizität.

Noch einmal Erich Fromm: „Der Mensch ist umso stärker, je mehr es ihm gelingt, seine Persönlichkeit zu integrieren, das heißt auch, je besser er sich selbst durchschaut. ‚Erkenne dich selbst‘ gehört zu den fundamentalen Geboten, deren Ziel Kraft und Glück des Menschen ist.“

Authentizität ist nichts Statisches

Sehr erhellend finde ich, wie sich der dänische Familientherapeut Jesper Juul über das Authentisch-Sein äußert (in einem Interview mit Ingeborg Szöllösi unter der Überschrift Beziehung schaffen in meiner Familie bei familylab. Ich zitiere teilweise und gebe ansonsten gekürzt den Inhalt wieder.

Authentisch zu sein bedeutet für Jesper Juul, sich mit all seinen Gefühlen, Werten und Gedanken zu zeigen. Menschen, die ihren Emotionen jederzeit freien Lauf lassen, sind für ihn jedoch keine authentischen Menschen. Juul: „Denn die meisten Emotionen sind ja auch produziert und nicht ursprünglich. Zu sagen, ich vertraue ausschließlich meinen Emotionen, denn sie allein sind wahr, das ist Wahnsinn. Woher soll denn einer wirklich wissen, ob diese oder jene Emotion wirklich ursprünglich und aus seinem eigenen wahren Selbst kommt?“ So sei zum Beispiel Schuld keine ursprüngliche Emotion, sondern etwas, was einem durch andere eingepflanzt wurde.

Authentizität sei nur möglich, wenn sie als Prozess aufgefasst wird. Juul: „Ich arbeite seit 40 Jahren daran, authentisch zu sein – und ich weiß, ich werde bis an mein Lebensende damit beschäftigt sein. Es wird nie eine Zeit kommen, in der ich sagen werde: Jetzt bin ich angekommen. […] Und ich meine, so etwas überhaupt anzustreben, ist völlig irrelevant. Was wirklich wesentlich ist – im Prozess zu bleiben! Es bedeutet, dass du dich stets hinterfragst – war das für mich stimmig, was ich gerade getan habe? Und Irrtum muss erlaubt sein.“ Weder solle man nach Standardglaubenssätzen leben, noch ‚Folge deinem Herz!‘ zum alleinigen Leitspruch erheben. Vielmehr gelte der Rat, das Denken und das Bewusstsein mit auf den Weg zu nehmen.

Es könne den Menschen nicht glücklich machen, nach vorgeschriebenen Mustern zu handeln, keine Ecken und Kanten aufzuweisen, stets danach zu streben, von allen gemocht zu werden, „dann irgendwann bricht sein eigenes Selbst hervor und möchte sich Gehör verschaffen. Und das geschieht meist in einer selbstzerstörerischen Art und ist ein schmerzhafter Prozess. Der Mensch kann erst danach authentisches Glück erfahren.“

Man könne nur sagen, was für einen hier und jetzt angemessen ist – nicht für morgen oder übermorgen. Juul: „Es ist ganz unmöglich, sein eigenes Selbst festzuhalten und es endgültig zu definieren, denn – es fließt. Alles fließt und verändert sich! Und gerade, wenn du mit Integrität in der Welt agierst, gerade dann veränderst du dich am meisten, weil du kontinuierlich wächst.“

Authentizität ist nicht das einzig relevante Prinzip

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun nimmt in seinem Buch Kommunikation als Lebenskunst zur gelegentlich anzutreffenden Überhöhung des Prinzips Authentizität Stellung. Er sagt, das Authentizitätsideal tauge „nicht als Leitstern für alle kommunikativen Lebenslagen, weil es unzählige Situationen gibt, in denen es gar nicht angebracht ist, sich selbst möglichst unverfälscht zum Ausdruck zu bringen oder gar alles ‚herauszulassen.‘“

Dennoch nimmt er das Authentizitätsideal gegen den Vorwurf, den Ego-Kult zu begünstigen, in Schutz. Schulz von Thun: „Authentizität und Kongruenz sind aus meiner Sicht wichtige Meilensteine der Menschwerdung, die dazu anregen, mit sich selbst in Kontakt zu treten, in sich hineinzuschauen und zur Sprache zu bringen, was in einem vorgeht. Man braucht diese Fähigkeit zur Selbstempathie, und es gilt, sich zu fragen: Wie ist mir ums Herz? Wofür stehe ich? Wogegen wende ich mich?“

Es gehe dabei aber nicht um maximale Authentizität und totale Offenheit ohne Taktgefühl und ohne Rücksicht auf andere. Optimale Authentizität ist eine ‚selektive Authentizität‘, was bedeutet, dass ich nicht alles sage, was in mir vorgeht, aber dass das, was ich sage, ehrlich und echt ist. Der geeignetere „Leitstern“ sei die Stimmigkeit: Was ich sage, soll wesensgemäß und situationsgerecht sein. Dazu gehört, dass ich der Rolle, in der ich mich in einer bestimmten Kommunikationssituation befinde, Rechnung trage.

Authentisch und echt zu sein, heißt folglich nicht, jedes Gefühl ungefiltert zu äußern, mit jeder Regung unbeherrscht herauszuplatzen, den anderen mit all seinen Problemen zu belasten. Gemeint ist vielmehr, sich grundsätzlich der Ehrlichkeit verpflichtet zu fühlen und bereit zu sein, wiederholt auftauchende bzw. anhaltende eigene Gefühle ernst zu nehmen, zu akzeptieren und in geeigneter Weise auszusprechen.

Aus all dem Gesagten ziehe ich für mich unter anderem die Schlussfolgerung, dass es auch gilt, in allen Lebensbereichen ein dem eigenen Sosein gut entsprechendes soziales Umfeld zu wählen (nur die Ursprungsfamilie kann man sich nicht aussuchen), in dem es einigermaßen leicht möglich ist, sich als der Mensch, der man ist, authentisch zu zeigen und mit seinen individuellen Gaben einzubringen. In eigneten Funktionen, Betätigungsfeldern und sozialen Kontexten werden an den Tag gelegte – kultivierte! – persönliche (im Falle von HSP: hochsensible) Eigenschaften nicht nur toleriert, sondern sind erwünscht und geschätzt. Dann macht Authentisch-Sein richtig Spaß!

Mehr zum Thema Hochsensibilität findest Du hier und hier sowie im myMONK-Buch Hochsensibel das Leben meistern.

 


Ulrike-Profilbild-2000pxUlrike Hensel

Die Autorin Ulrike Hensel studierte Angewandte Sprachwissenschaft und absolvierte später eine Coaching-Ausbildung. Sie arbeitet selbstständig als Textcoach für Trainer, Berater und Coaches sowie als Coach für Hochsensible.

Für myMONK hat sie das Buch Hochsensibel das Leben meistern geschrieben.


Photo (oben): RenaudPhoto