Text von: Romy Hausmann

Es ist Abend. Ich sitze auf dem Sofa, im Ofen brennt ein Feuer. Mein Kind liegt in seinem Bett und schläft, und zu allem – fast schon kitschigen – Überfluss fällt draußen der erste Schnee. Es sollte mir gut gehen an diesem Abend. Ich habe Texte geschrieben, mein Tagwerk vollbracht, ein Kunde hat früher als erwartet eine Rechnung überwiesen, und sogar im Haushalt ist heute etwas passiert. Es sollte mir gut gehen, ja. Es läuft.

Bis mir einfällt, dass ich für nächsten Monat noch keine Aufträge habe. Da stockt es. Da ist es plötzlich unerheblich, dass ich seit fünf Jahren selbständig bin und eigentlich daran gewöhnt sein sollte, dass Aufträge oftmals von heute auf morgen kommen. Da ist es plötzlich egal, dass es in den letzten fünf Jahren kaum einen Monat gab, in dem ich keinen Auftrag gehabt hätte. Jetzt denke ich nur: Was ist los? Was ist passiert? Mag man meine Arbeit nicht mehr? Mag man mich nicht mehr? Mit einem Mal drehen sich sämtliche Rädchen in meinem Kopf, immer schneller. Plötzlich fällt mir das Finanzamt ein, das bald die Steuernachzahlung abbucht. Dann die Hausrate, die fällig ist. Dann Weihnachten. Mein Sohn, dessen Wunschliste einen gefühlten Kilometer lang ist.

Mir wird richtig schlecht. Ich bin seit sieben Jahren alleinerziehend, ich trage eine Verantwortung. In meinem Kopf sehe ich uns bereits unter einem kläglichen Bäumchen sitzen, trocken Brot essen, und die Weihnachtslieder, die wir singen, hören sich traurig an.

Ich weiß, ich dramatisiere, es ist mir wohl bewusst, und trotzdem kann ich einfach nicht anders. Auf dem Sofa ist es jetzt richtig eng geworden. Neben mir haben Sorgen Platz genommen, haben sich breit gemacht. Und ich, ich sitze eingequetscht dazwischen und male mir rabenschwarze Szenarien aus. Das kleine Glück dieses eben noch friedlichen Abends hat sich unter dem Sofa verkrochen und lässt sich nicht mehr hervorlocken. Das war’s.

Und es ist so typisch. Wir könnten glücklich sein, zufrieden im Moment. Stattdessen füttern wir unsere Sorgenmonster so fett, dass sie dem Glück gar keinen Raum mehr lassen.

Hier sieben unnötige Glückskiller, die ich loslassen lernen möchte:

1. „Hätte ich mal…“

Hätte ich mir lieber mal einen anständigen Job gesucht. Was Sicheres. Ne fundierte Ausbildung bei der Bank, ein regelmäßiges Einkommen. Mein ganzes Leben kommt mir manchmal wie ein Fehler vor, lauter falsche Abzweigungen.

Doch dann wird mir klar, dass ich bei der Bank erst recht nicht glücklich geworden wäre. Dass mich Zinsberechnungen wahrscheinlich genauso interessieren wie Dich meine Schuhgröße. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich mich wohl wieder genauso entscheiden. Und überhaupt: Was bringt es, uns in Hätte-ich-mal’s zu suhlen? Nichts. Wir leben jetzt und heute. Die Situation ist, wie sie ist, und wir müssen das Beste daraus machen. Jetzt.

2. Versagen

Will keiner. Macht uns Angst. Ab und an sogar so große, dass wir es lieber gleich bleibenlassen mit der Selbständigkeit, der neuen Festanstellung, dem Studium, dem großen Traum von der Auswanderung oder der Idee, endlich ein Buch zu schreiben. Dabei ist Versagen oft nur eine Streckenmarke auf dem Weg zum Erfolg.

Apple-Guru Steve Jobs, dieser Versager, wurde mit 30 aus seiner eigenen Firma geworfen. Micky Maus-Erfinder Walt Disney, dieser Versager, wurde als Redakteur bei einer Zeitung gekündigt, weil es ihm angeblich an Kreativität fehlte. Basketball-Legende Michael Jordan flog aus dem Highschool-Basketballteam, weil er laut Trainer zu klein für diesen Sport sei. Er ging nach Hause und hat erst mal geheult. Bestseller-Autorin J.K. Rowling kassierte für ihr Harry Potter-Manuskript ein Dutzend Absagen, bis sich endlich ein kleiner Verlag erbarmte, mickrige 500 Exemplare aufzulegen.Die Beatles, vier Versager auf einen Haufen, bekamen anfangs keinen Plattendeal, weil man ihnen keine Chancen im Showbusiness einräumte.

Versagen ist also gar nicht das Problem – wenn dann, ist es das vorzeitige Aufgeben. Und so lange wir nicht aufgeben, haben wir auch nicht versagt.

3. Was Andere über uns denken

Ich weiß noch, wie jemand, der mir sehr nahe stand, mich ausgelacht hat, als ich ihm von meinem Vorhaben ein Buch zu schreiben erzählte. „Duuu?“ fragte er (mit unheimlich langem „u“ und hochgezogenen Augenbrauen). Und in diesem kleinen „Duuu?“ lag so vieles: Nie im Leben. Dafür bist du nicht schlau genug. Nicht diszipliniert genug. Nicht originell genug. Was hättest du schon zu erzählen? Und jetzt hör mal auf zu träumen und mach Abendessen.

Es ist leicht zu sagen: Scheiß drauf, was die Anderen von Dir halten und mach Dein Ding!

Fakt ist: Es tut nun mal weh, wenn Andere über uns urteilen, denn wir sind Menschen und damit verletzbar. Fakt ist aber auch: Wenn wir uns zu sehr von der Außenmeinung beeinflussen lassen, leben wir unser Leben irgendwann nicht mehr für uns selbst, sondern für die Anderen. Und verpassen unser eigenes Glück. (Falls es dich interessiert: Ja, ich habe mein Buch geschrieben. Ein zweites auch. Und ein drittes.)

4. Die Angst vor Zurückweisung

Manfred hat sich in die schöne Sonja verliebt, still und heimlich, denn er ist eher der schüchterne Typ. Er schmachtet aus der Ferne. Sie soll nicht denken, er wäre einer von denen, die jeder Frau gleich was von Liebe erzählen und es dabei gar nicht wirklich ernst meinen. Manfred ist anders. Aber Sonja wird das nie erfahren, denn er behält seine Gefühle für sich. Sie könnte ihn ja zurückweisen. Und Manfred … der wird nie erfahren, ob sie nicht vielleicht genauso empfindet.

Ist es nicht immer besser zu wissen, woran wir sind? Auch, wenn es Angst macht. Auch, wenn es vielleicht weh tut, im ersten Moment. Wir werden es überleben und damit umgehen können.

„Wie man Sorgen, Stress und Selbstzweifel loslässt“

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5. Was Du nicht hast

Klar kann man weinen, dass man sich keinen Porsche Cayenne leisten kann. Oder aber man freut sich, dass man mit dem ollen kleinen Polo immer einen Parkplatz findest. Man kann dem besten Freund den neuen, gut bezahlten Job neiden. Oder ihn zum Vorbild nehmen, dafür, was möglich ist. Man kann seiner Jugend hinterhertrauern. Oder dankbar sein für die Lebenserfahrung. Und ich kann mich über die Unsicherheiten meiner Freiberuflichkeit beklagen. Oder mich über die Flexibilität freuen, die es mir erlaubt, morgen beim Laternenumzug meines Sohnes dabei zu sein.

Es ist unsere bewusste Entscheidung, ob wir unseren Mangel betrauern oder all das schätzen, was wir schon haben (den Traum vom Porsche können wir ja trotzdem noch verfolgen, wenn er uns wichtig ist).

6. „Wenn erst…“

Wenn ich erst einen neuen Auftrag habe, dann werde ich aber sowas von glücklich sein. Zumindest bis ich nächsten Monat wieder hier sitze und mir die gleichen Schreckensszenarien ausmale. Wir neigen dazu, unser Glück an bestimmte Dinge (Porsche) oder Ereignisse (10 Kilo abgenommen, Traummann Manfred geheiratet) zu knüpfen und unser Leben solange in einer Art Warteschleife zu verbringen. Manchmal versauen wir uns dadurch nur einen Abend oder ein paar Tage. Aber was, wenn aus den Tagen und Abende Jahre werden, oder ein ganzes Leben?

7. Die Zukunft

Die Zukunft ist ein ungelegtes Ei. Also, lass uns aufhören darüber zu brüten, was möglicherweise, eventuell, irgendwann einmal passiert. Konzentrieren wir uns stattdessen lieber auf die Gegenwart. Hier können wir unser Bestes tun, um auf die Zukunft hinzuwirken – der Rest ist sowieso Improvisation.

Natürlich versuche ich meinem Sohn zu vermitteln, wie wichtig es ist, sich in der Schule anzustrengen. Aber er ist in der ersten Klasse! Weiß ich, ob er später mal das Abitur macht, studiert und ein hochbezahlter Chirurg wird, der seine alte Mutter durchfüttert? Vielleicht wird er ja Bäcker, Tänzer oder Straßenmusiker. Dann werde ich sein Brot essen oder seiner Vorstellung applaudieren oder ihm einen Euro in den Hut werfen. Ich werde mich auf die jeweilige Situation einlassen, so gut es geht, und ihn immer unterstützen. Das ist das einzige, was ich mir für die Zukunft vornehme.

Es gibt keinen Aus-Knopf, der uns für immer sämtliche Sorgen nimmt. Und sich um gar nichts mehr einen Kopf zu machen, ist auch nicht die Lösung. Aber heute Abend, nach einem guten Tag, in einem warmen Zuhause mit unseren Liebsten um uns herum, da haben wir es uns doch verdient: dieses kleine, ungetrübte Glücksgefühl.

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Photo: Diego Albero Román