Text von: Romy Hausmann

Streit mit dem Freund. Lautstärke: irgendwo zwischen Metal-Konzert und startendem Düsenjet. Die Teekanne greifbar, die Teekanne gegriffen. Die Teekanne fliegt und setzt einen krachenden Schlussakkord auf dem Fliesenboden. Das war ein Erbstück von Oma – eben noch. Jetzt sind es nur noch Scherben.

Was hab ich bloß getan?

Ein Kollege bittet mich, ihn bei einem Projekt unterstützen. Wie automatisch sage ich: „Klar, kein Problem“. Dabei habe ich weder die Zeit noch annähernd den Sachverstand, ihm zu helfen.

Was bitte hab ich mir denn dabei gedacht?

Damals, mit 18: Ein Samstagabend auf dem Volksfest, eine Maß Bier. „Bist Du sicher, dass Du noch fahren kannst?“ Ich, weil ich „cool“ sein wollte: „Logo, was soll schon passieren?“ und immerhin: ich schaffte es direkt beim ersten Versuch, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Das Ende: Ein Eichhörnchen, das über die Landstraße hechtete, musste meine „Coolness“ mit seinem Leben bezahlen.

Was hab ich getan?

Was hab ich mir bloß dabei gedacht?

Die Antwort ist jedes Mal dieselbe gewesen: Gar nichts habe ich mir gedacht. Ich habe meiner Impulsivität das Zepter überlassen. Und der Preis dafür ist meistens hoch.

Reue ist klebrig

Wie viele Türen haben wir aus Wut schon zugeknallt (echte und sprichwörtliche), ohne daran zu denken, dass sich manche Tür anschließend nicht mehr öffnen lässt? Wie oft haben wir im Zorn, aus Enttäuschung oder Überforderung die schlimmsten Sachen gesagt: „Ich hasse dich.“ „Dein Scheiß interessiert mich nicht.“ „Ja, ja, mimimi, wir haben alle unsere Probleme.“ Dinge, bei denen man vielleicht erst sehr viel später merkt, wie viel sie kaputtgemacht haben. Und die sich trotz tausendfacher Entschuldigung einfach nicht mehr zurücknehmen lassen.

Wie sehr habe ich da immer die Menschen bewundert, die keine Situation aus der Ruhe zu bringen schien. Die stets besonnen und bei sich blieben, während ich mich bei jedem Mist aufgeführt habe wie eine fremdgesteuerte Inkarnation von Klaus Kinski. Ich wollte auch so sein: besonnen, ruhig und reflektiert. Jemand, der weiterdenkt und weiß, dass auch eine Kleinigkeit Konsequenzen mit sich bringt. Jedes unachtsam ausgesprochene Wort. Jede Bewegung (egal, ob es der Griff nach Omas Teekanne ist, das Drehen des Zündschlüssels, ein ausgestreckter Mittelfinger oder die Hand, die zur Ohrfeige ausholt). Jemand, der weiß, dass manch spontane Kleinigkeit zu einer großen, vielleicht sogar schlimmen Sache wachsen kann. Und dass am Ende dann oft nur eines steht: Reue. Die klebrige, chronische Reue, die man nie mehr so richtig loswird. (Ich kann auch heute, fast zwanzig Jahre später, kein Eichhörnchen sehen, ohne an dieses eine zu denken – und mich sofort wieder schlecht zu fühlen.)

Der 3-Sekunden-Trick

Nachdem ich angefangen hatte, mich mit dem Thema „Achtsamkeit“ zu beschäftigen, habe ich mir einen ziemlich simplen Trick angewöhnt. Einer, der vielleicht auch Dir helfen kann:

Wenn ich merke, dass mich eine Situation (über-)fordert, mich ein Gespräch provoziert oder mich die Dinge sonst irgendwie überrumpeln – und ich daran denke – tue ich das Einfachste überhaupt: Ich atme einmal durch. Gebe mir diese drei kleinen Sekunden, die mein Gehirn braucht, um mögliche Konsequenzen zu bedenken. Nur drei Sekunden. Die Impulsivität wegatmen. Mir die Kontrolle zurückholen.

Drei Sekunden, in denen mir klar wird, dass es sich bei meinem „Wurf-Gerät“ um ein Erbstück handelt, das ich für den Rest meines Lebens vermissen würde.

Drei Sekunden, in denen mir bewusst wird, dass ich dem Kollegen mit meinen übermütigen, falschen Versprechungen mit Sicherheit keine Hilfe wäre.

Drei Sekunden, in denen ich mich daran erinnere, was passieren kann, wenn man sich im falschen Moment hinters Steuer setzt.

Drei Sekunden, bevor ich spreche oder handle.

Wie unsere Reaktionen uns definieren

Vielleicht kennst Du das auch: „Im Eifer des Gefechts habe ich…“, „In der Hitze des Augenblicks konnte ich gar nicht anders als…“ – so was sagt man gerne, um vor anderen (oder sich selbst) zu rechtfertigen, dass man wieder mal unüberlegt reagiert hat. So versuchen wir oft das eklige Reue-Gefühl loszuwerden, suhlen uns dabei förmlich in der Opfer-Rolle.

Aber wir sind keine Opfer. Wir tragen Verantwortung für alle unsere (Über-)Reaktionen. Unsere Reaktionen machen uns doch wie unsere Aktionen erst zu den Menschen, die wir sind, bzw.: die wir sein wollen oder auch eben nicht.

Drei Sekunden können uns von dem Choleriker unterscheiden, der dem anderen Autofahrer beim Überholvorgang den Stinkefinger zeigt, weil dieser anscheinend das Gaspedal nicht findet. Drei Sekunden können uns nachsichtiger machen.

Drei Sekunden können uns vom personifizierten HB-Männchen unterscheiden, das sein Kind wegen einer schlechten Note anschreit. Drei Sekunden können uns daran erinnern, ruhig zu bleiben und lieber nach den Gründen zu forschen.

Drei Sekunden können uns von einem stumpfen Ignoranten unterscheiden, der die heulende Freundin mit den Worten „Sorry, ich kann mich nicht auch noch um Deine Probleme kümmern“ abwatscht. Drei Sekunden können uns empathischer machen. Verlässlicher. Ehrlicher. Entspannter… Wenn wir uns angewöhnen, öfter einmal erst eins zu tun, bevor wir handeln:

Durch — At — Men.

Mehr unter 5 Mantras, um die Dinge nicht mehr so persönlich zu nehmen und unter Wie man aufhören kann, genervt und verletzt zu sein (in 60 Sekunden).

Photo: Alexis Gravel