Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Als ich 18 war und mein eigenes Auto bekam, fuhr ich damit überall hin. Etwa zum Bolzplatz, obwohl die Autofahrt einen großen Umweg bedeutete, länger dauerte und Benzin kostete. Ich mochte es, Auto zu fahren und vor allem hasste ich es, zu Fuß gehen zu müssen. Kann doch nicht sein, dass ICH irgendwohin laufen muss, ICH, der so etwas nun wirklich nicht nötig hatte, ICH, dem bitteschön jegliches Mühsal erspart werden sollte.

Als ich 20 war

Als ich 20 war und in meine erste eigene Wohnung zog, fuhr ich tagsüber noch immer gern überall mit dem Auto hin. In den Supermarkt, in die Uni (deutlich seltener als in den Supermarkt), in … naja, eigentlich war’s das schon, andere Orte kamen mir nicht in den Sinn. An den Abenden jedoch und in den Nächten, da begann ich, mich mit dem Zufußgehen anzufreunden, als mich die Einsamkeit nach draußen trieb, als ich befürchtete mich aufzulösen zu einem Mensch gewordenen, pickeligen Tränensack, in diesen vier Wänden, die mein Zuhause sein sollten. Also ging ich nach draußen, meine Aknehaut sah im Mondlicht ohnehin besser aus als am Tag. Mantel zu. Kapuze auf. Kopfhörer rein. Oft lief ich Völkerschlachtdenkmal, damals lebte ich nur zwei oder drei Kilometer entfernt davon in Leipzig. Mit jedem Schritt ging es mir ein winzig kleines Bisschen besser, nach jedem nächtlichen Spaziergang immerhin wieder gut genug, um irgendwann einschlafen zu können. Und mit jeder Woche und jedem Monat lief ich meiner Heilung entgegen. So begann sie langsam, eher im Tempo eines Wanderers als eines Hochgeschwindigkeitszugs, meine Liebe zum Gehen zu Fuß.

Heute

Heute überfällt mich die Einsamkeit viel seltener, doch das hat der Liebe keinen Abbruch getan. Vielleicht war es am Anfang eine Zweckgemeinschaft, heute jedoch gehören Spaziergänge zu mir wie das Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig. Ich hatte mir sogar meinen ehemaligen Arbeitgeber auch danach ausgesucht, ob ihn zu Fuß erreichen konnte und so jeden Morgen und Abend von mit Vollgestressten vollgequetschten öffentlichen Verkehrsmitteln verschont zu bleiben (ein Auto habe ich schon lange nicht mehr). Und ich bin sehr glücklich darüber, in nächster Nähe einen schönen Park zu haben, durch den ich in meinen Mittagspausen gehen kann.

Warum Du häufiger zu Fuß gehen solltest

Ich könnte Stapel voller Seiten füllen darüber, warum ich’s Dir ans Herz lege, häufiger zu Fuß zu gehen, sei es in Deiner Mittagspause, auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Friseur, oder ziellos an einem Sonntagmorgen, an denen die Stille singt. Ein paar Gründe, häufiger zu Fuß zu gehen:

  • Du hast Zeit für Stille, Zeit nur für Dich
  • Du kannst Zeit in der Natur verbringen (Wie selten tust Du das schon noch?)
  • Du atmest frische Luft
  • Frische Luft bringt Dich auf frische Gedanken
  • Frische Gedanken können Dich befreien, von Stress und einer als aussichtlos geglaubten Lage
  • Du tust etwas für Deine Gesundheit
  • Du lebst minimalistischer, machst Dich unabhängiger von Fahrplänen, Staus, Tanksäulen und Tickets – alles was Du dafür brauchst hast Du immer bei Dir (Deine Füße)
  • Du wirst produktiver – mir helfen Spaziergänge ungemein beim Schreiben, im Studium halfen sie mir sehr, den Stoff schneller zu lernen

Man muss nicht aus jeder Handlung eine Meditation machen, aber man kann. Aufs Gehen trifft das besonders zu. Vielleicht magst Du es mal ausprobieren:

Gehmeditation

Bei der Gehmeditation konzentrieren wir uns auf die Erfahrung des Gehens. Statt nur an das Ziel zu denken, auf das wir zugehen – und damit mit unseren Gedanken in der Zukunft zu sein mit all unseren Erwartungen und Sorgen und Ängsten – ist unser Geist dabei bei unserem Körper und in diesem Moment. Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh schreibt:

Zweck der Gehmeditation ist die Gehmeditation selbst. Entscheidend ist das Gehen, nicht das Ankommen, denn Gehmeditation ist kein Mittel, es ist das Ziel selbst. Jeder Schritt ist Leben; jeder Schritt ist Frieden. Das ist der Grund, warum wir nicht zu eilen brauchen; darum verlangsamen wir unsere Schritte. Gehen wir so, dass wir nur Frieden in unserem Fußabdruck hinterlassen. Das ist das Geheimnis der Gehmeditation.

Gehmeditation macht uns ruhig und klar. Sie lässt uns ankommen, wo wir uns sonst hetzen. Frieden finden, wo sonst alles ein Kampf ist um Noten, Abschlüsse, Bewerbungsgespräche und Beförderungen, Beliebtheit, Geld, Körpermaße und Sex. All das Schöne sehen, riechen, hören und fühlen, die Vögel, die Blätter an den Bäumen, die verspielten Hunde im Park, den Wind, die Farben und Sonnenstrahlen und Schatten und Regentropfen oder Schneeflocken. Vielen Menschen fällt die Gehmeditation zudem leichter als die im Sitzen auf einem Kissen. Sie funktioniert so:

  • Wenn möglich, suche Dir eine schöne Strecke aus, vielleicht im Park oder Wald oder entlang eines Flusses. Wenn nicht möglich, geht auch jede andere, sei es im Büro, im Supermarkt oder zuhause.
  • Ein halbwegs ebener Untergrund ist besser geeignet als ein wurzeliger Waldpfad
  • Bleib stehen
  • Halten Deinen Körper aufrecht und gerade, ohne Dich zu verkrampfen
  • Atme ruhig und tief ein und aus
  • Setze nun einen Fuß vor den anderen, in Deinem Tempo, aber eher langsam. Du kannst die Schritte auch an Deine Atmung anpassen (zum Beispiel zwei Schritte beim Einatmen, zwei Schritte beim Ausatmen)
  • Schaue dabei nach unten
  • Konzentriere Dich darauf, wie Dein Fuß friedlich die Erde berührt, wie Dein Fuß und die Erde sich verbinden … und wie Du den Fuß dann wieder anhebst, Dein Gewicht verlagerst, den Fuß nach vorn schiebst und erneut den Boden berühren lässt
  • Du kannst Dir bei Deinen Schritten vorstellen:
    • wie eine Lotusblume aufblüht, wenn Dein Fuß die Erde berührt (geht barfuß noch besser)
    • wie Du die Kraft der Erde in Dich aufnimmst, wie sie Dich nährt
    • Oder Du zählst Deine Schritte oder wiederholst ein Wort oder ein Mantra
  • Wenn Deine Gedanken von Deinen Schritten abschweifen, fang sie sanft wieder ein, konzentriere Dich einfach wieder auf das Gehen

Es reicht völlig aus, mit wenigen Schritten zu beginnen und die Gehmeditation langsam auszudehnen.

Wohin gehst Du zu Fuß?

 

Photo: Forrest Tanaka