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„In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz“ – Dalai Lama

Die meisten von uns haben in der Wut und im Streit schon Dinge gesagt und getan, die ihnen hinterher leid taten. Und wie bei einer alten, wertvollen Vase, die auf den Boden gefallen ist, lassen sie sich die Scherben hinterher oft nicht mehr zusammensetzen. Zumindest nicht ohne sichtbare Risse.

Deshalb sollten wir nichts entscheiden und möglichst wenig tun, wenn wir wütend sind. Weiß jeder. Und ist manchmal trotzdem verdammt schwer. Das hat auch einen Grund: die Art und Weise, wie unser Gehirn funktioniert. Denn in der Wut verlieren wir nicht nur unsere Intelligenz, wie es der Dalai Lama sagte, sondern auch die Kontrolle über uns und sogar über das, woran wir glauben.

Wir sehen die Dinge, wie wir (drauf) sind

Stell Dir vor, schreibt der Autor Garth Sundem, es ist Samstagnachmittag. Du fährst auf einen übervollen Supermarkt-Parkplatz. Unmengen von Autos und Menschen und alles geht tierisch langsam. Gerade willst Du wieder ein paar Meter vorfahren, da läuft plötzlich ein Mann vor Dein Auto, mit einem Handy am Ohr. Streckt Dir seine Hand entgegen, Handinnenflächen in Deine Richtung.

Was meint er mit dieser Geste? Und was erwartet er von Dir? Will er Dich warnen, Dir einen Befehl geben, Dich bitten, sich entschuldigen oder bedanken? Sollst Du ihn grüßen, ihm den Finger zeigen, aussteigen und ihm sein Handy irgendwo reinstecken?

Die Antwort – Deine Antwort – hängt zum größten Teil ab von Deiner Stimmung. Schlecht gelaunt wirst Du eher denken: So ein ignoranter, großkotziger Arsch, jetzt läuft der mir vors Auto und tut so, als müsste ich ihm gehorchen, nur weil er in Ruhe telefonieren will. Gut gelaunt wirst Du eher einer der anderen Varianten Raum geben können und seine erhobene Hand eher als Dank oder Entschuldigung dafür interpretieren, dass er Dir Umstände bereitet hat (und Du nicht aussteigst und ihm Ohren oder Hoden langziehst).

Psychologen nennen das den Mood Congruency Effect. Auf Deutsch: Wir formen unsere Realität nach unserer Gefühlslage. Wir gehen unbewusst davon aus, dass andere genauso drauf sind wie wir. Wenn wir uns schlecht und gemein, nehmen wir an, dem anderen würde es gerade genauso gehen.

Nicht alle negativen Emotionen funktionieren jedoch gleich. Während zum Beispiel Traurigkeit eher im kognitiven, denkenden Bereich des Gehirns stattfindet, dem Hippocampus (Abruf und Interpretation von alten Erfahrungen), und nicht unbedingt viel im Körper passieren muss, kommt bei Ärger das Reptiliengehirn an die Macht, die Amygdala, Adrenalin wird ausgeschüttet und unser Puls und Blutstruck steigen sofort.

Prof. Galen Bodenhausen von der Northwestern University hat untersucht, ob wir das Verhalten anderer Menschen unterschiedlich interpretieren, wenn wir traurig sind, als wenn wir wütend sind. Eine Gruppe von Studenten sollte sich zunächst so intensiv wie möglich an eine Situation aus ihrem Leben erinnern, die sie besonders wütend gemacht hat und diese dann detailliert beschreiben. Die zweite Gruppe sollte dasselbe mit einer traurigen Erinnerung machen. So wurden beide Gruppen in die entsprechenden Stimmungen versetzt. Bei der dritten Gruppe wurden keine bestimmten Gefühle hervorgerufen. Anschließend sollten sich alle vorstellen, wie sie in einer Jury sitzen, die über Schuld oder Unschuld von anderen (fiktiven) Studenten in Fällen von Fehlverhalten entscheiden sollte. Bei einem ging es um Prüfungsbetrug, beim anderen um einen körperlichen Angriff. Der Hälfte der fiktiven Missetäter wurde ein Latino-Name gegeben.

Das Ergebnis: Die wütenden Studenten – nicht jedoch die traurigen oder neutralen Studenten – verurteilten die fiktiven Studenten viel häufiger als schuldig, wenn diese einen Latino-Namen hatten als wenn sie einen Namen hatten, der keinen Hinweis auf einen Migrationshintergrund gab.

Der Grund: Sind wir wütend, nutzen wir nicht unser rationales Gehirn, sondern entscheiden nach Gefühl und teils rassistischen Stereotypen.

Wir verlieren in der Wut den Verstand – wortwörtlich. Wenn auch nur vorrübergehend. Es sei denn, wir sind sehr oft wütend. Dann werden die falschen Nervenbahnen immer weiter gestärkt, werden vom Trampelpfad zur Autobahn.

Plötzlich geht um die Person statt um die Sache

In einem zweiten Experiment versetzte Prof. Bodenhausen Studenten erneut in einen ärgerlichen, traurigen bzw. neutralen Zustand und ließ sie ein Essay lesen, in denen es um die Heraufsetzung des Alters für Fahranfänger in Amerika von 16 auf 18 Jahre ging. Einer Hälfte wurde gesagt, dass das Essay von einem „Verkehrsexperten der Princeton University“ sei, der anderen Hälfte, dass es eine „Gruppe von College-Studenten aus New Jersey“ verfasst habe.

Wie überzeugend fanden die Studenten die Argumente im Essay?

Das Ergebnis: Während die Neutralen und die Traurigen sich dem Inhalt des Essays widmeten und ihre Meinung größtenteils mit ihrem rationalen Gehirn und unabhängig von der Quelle bildeten, schauten die Verärgerten überwiegend auf die Quelle des Essays. Ihr Misstrauen gegenüber der „Gruppe von College-Studenten aus New Jersey“ siegte über die Stichhaltigkeit der Argumentation.

Der Grund: Sind wir wütend, drehen sich die Dinge weniger um das Objektive oder um die Situation. Und stattdessen viel mehr um die Person.

Wir verlieren in der Wut den Blick für das Wesentliche. Wir unterstellen einem anderen automatisch viel eher, dass an ihm als Person etwas verkehrt sei, wenn wir verärgert sind. Was auch immer er sagt oder tut, sobald wir ihn einmal als feindseligen oder ignoranten Idioten sehen, kann er nichts mehr richtig machen. Was auch immer er sagt oder tut: Es ist falsch.

Zehn tiefe Atemzüge …

… sind das Mindeste, was wir tun sollten, bevor wir wütend reagieren. Diese paar Sekunden können uns davor bewahren, Dinge zu sagen, die wir eigentlich gar nicht so meinen damit bleibenden Schaden anzurichten würden.

Wut ist, wie jedes Gefühl, an sich dennoch wichtig. Sie kann uns zeigen, dass jemand unsere Grenzen überschritten hat (oder wir das so interepretieren). Deshalb sollten wir sie achtsam wahrnehmen.

Nur unterwerfen sollten wir uns ihr eben nicht. Im Zorn sind wir schließlich nicht mehr wir selbst. Unser halbes Gehirn setzt aus und mit ihm unsere klaren Gedanken, und wohlüberlegten Einstellungen und unser Urteilsvermögen. Was von uns übrig bleibt ist in diesen Situationen oft nicht viel mehr als ein riesiges Reptil, nett verpackt in Menschenkleidung.

Siehe auch: Wie man Zorn loslassen kann ich 30 Sekunden sowie Wie man aufhören kann, genervt und verletzt zu sein.

Photo: Cuito Cuanavale