Neu im Podcast von myMONK: Ich schäme mich so. Und folgst Du myMONK schon bei Instagram?

Udo Haas ist Heilpraktiker für Psychotherapie mit vielfältigen Weiterbildungen und zudem Fachkrankenpfleger für Psychiatrie. Was er über Achtsamkeit gelernt hat und wie er über böse, verrückte und erschöpfte Menschen denkt? Lest selbst.

Hallo Herr Haas, herzlich willkommen bei myMONK und vielen Dank für Ihre Zeit! Ihr Motto, so erfährt man auf Ihrer Website, ist: Leben Lachen Lieben. Worüber haben Sie heute schon gelacht, wen oder was geliebt – und was erlebt?

Jeden Moment des Lebens als einen einmaligen Moment, als ein großes Ziel wahrzunehmen. Ich bin jedes Mal sehr dankbar, wenn ich im Innern solche Momente erleben darf. Übrigens ist Achtsamkeit hierbei sehr hilfreich.

Was wäre das Leben ohne Lachen? Auch das Lachen über sich selbst gehört dazu. Ein kleines Schmunzeln am Morgen, wenn ich mein Cappuccino zubereite und mich riesig darauf freue, ihn gleich genießen zu dürfen. Oder das Lächeln von einer Kollegin, die mich freundlich begrüßt oder der Autofahrer, der auf mich Rücksicht nimmt. Es ist wichtig, dass wir lernen, gerade diese Kleinigkeiten zu finden, denn die können unser Leben enorm bereichern. Und diese Kleinigkeiten sind alle schon da, wir nehmen sie häufig nicht wahr und das ist sehr schade. Und ist nicht jedes Leben in irgendeiner Weise mit der Liebe verbunden? Natürlich liebe ich meine Frau und meine Kinder. Ist es aber auch nicht Liebe, wenn ich der Welthungerhilfe eine Spende überweise und dadurch andere Menschen satt werden? Ist es nicht auch Liebe, wenn ich Klienten echt in der Beziehung begegne? Ist es nicht auch Liebe, wenn….

Sie sind ausgebildeter Fachkrankenpfleger für Psychiatrie. Welche Situationen in der Arbeit auf der psychiatrischen Station sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben – und was haben Sie aus diesen gelernt?

Oh, da gab es zahlreiche Situationen, in denen viel gelacht, geträumt und geweint wurde. Es gibt Situationen, die sehr witzig und lustig sind, wenn manische Menschen (Menschen die unter der Erkrankung Manie leiden) Späße machen, Witze erzählen und einfach glauben Sie könnten alles erreichen was Sie wollen. Es gibt aber auch dramatische Situationen. Ich kann mich an eine junge schizophrene Patientin erinnern, die ihr langes Haar anzündete.  Oder wenn man als Beschäftigter in der Psychiatrie die Information bekommt, dass sich ein anvertrauter Patient umgebracht hat. Eine solche Nachricht habe ich per Telefon an Weihnachten erhalten.

Solche Situationen möchte ich nicht wieder erleben. Und die Beschäftigten in der Psychiatrie / Psychotherapie tun alles, um diese Situationen zu verhindern. Ich habe zum Beispiel mehrere Weiterbildungen im Bereich Gesprächstherapie nach Carl Rogers und Körpertherapie nach Gene Gendlin absolviert. Danach kamen noch System- und Aufstellungsarbeit hinzu. Weiterbildung darf nie zu Ende gehen, wenn wir mit Menschen arbeiten. Deswegen bin ich seit einigen Jahren im Bereich der Achtsamkeit unterwegs. Das Ziel ist letztendlich immer das gleiche: dem Menschen die optimale Therapie bieten zu können.

Viele Menschen denken mehr oder weniger häufig „Ich werde hier noch verrückt!“. Woran erkennt man, dass es soweit ist?

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn der Übergang von Gesundheit zur Krankheit ist fließend und nicht immer klar zu trennen. Wenn wir das Wort „verrückt“ wörtlich nehmen wird schnell deutlich, dass jeder Mensch mal verrückt ist, im Sinne dass sein Stuhl auf dem er normalerweise sitzt nicht in der Reihe steht, sondern auf einem anderen Platz. Somit hat er einen anderen Blick auf eine Situation als die Menschen, die immer in der Reihe sitzen. Und somit hat auch jeder physisch Erkrankte für die „Gesunden“ eine wertvolle Funktion. Vielleicht sind die kranken Menschen nicht die Menschen, die in der Psychiatrie gehören oder die eine Psychotherapie machen sollten, sondern die Menschen die arrogant dem neuen Gott Geld und Macht hinterher laufen und dabei 80-100 Std. in der Woche arbeiten. Ist das normal? Oder wie bewertet unsere Gesellschaft normal und krank?

Gibt es böse Menschen?

In der Psychiatrie gibt es genauso viele böse Menschen wie in der Gesellschaft. Die Psychiatrie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, was wir auch darin erkennen können, dass immer mehr Menschen mit Depressionen in die Klinik kommen. Aber die Psychiatrie ist nicht aggressiver und Gewalttätiger als die Gesellschaft.  Wobei wir nun uns lange über das  Wort „böse“ unterhalten könnten. Darüber streiten sich ja gerade auch die Neurobiologen und Wissenschaftler, ob es sowas gibt wie Freiheit der Entscheidungen und wenn es keine Freiheit gibt dann gibt es auch kein böses Verhalten.

Ist Wut schlecht? Was halten Sie für den besten Umgang mit diesem unterschwelligen bis rasenden Gefühl?

Das Seminar „Wohin mit meiner Wut?“, das ich veranstalte, zeigt mir folgendes: Ein Teil der Menschen hat große Schwierigkeit seine Gefühle des Ärgers und der Wut mitzuteilen. Diese Energie wird aufgestaut und dann irgendwann explosionsartig entladen. Meist an einer Stelle, wo sie nicht hingehört.

Wir haben in unserer Sozialisation nicht gelernt mit unseren Gefühlen (Angst, Trauer, Neid usw.) umzugehen und so haben wir auch nicht gelernt, unsere Wut und die dahinterliegenden Bedürfnisse zu äußern. Denn die Wut kann auch ein Motor dafür sein, um Dinge (Ziele, Bedürfnisse) in Angriff zu nehmen. Wir sollten eigentlich schon in der Schulzeit lernen mit negativen Gefühlen umzugehen. Da dies häufig nicht der Fall ist, braucht es später Therapeuten und Berater, welche den Menschen dabei helfen, ihre Gefühle anzunehmen, zu spüren und auszudrücken.

Können Sie eine Achtsamkeitsübung empfehlen, die uns schnell in Kontakt mit unserem Inneren bringt?

Setzen Sie sich so hin, dass sie guten Bodenkontakt haben (also möglich auf jedem Stuhl). Der Rücken sollte gerade sein, damit Sie gut atmen können und Sie nichts beim Ein- und Ausatmen blockiert.

Schließen Sie Ihre Augen oder schauen auf einen Punkt, der ca. 2 Meter von Ihnen entfernt ist. Dann wandert ihre Wahrnehmung zu ihrer Sitzfläche, spüren ihren Gesäßbereich, dann wandern sie zu Ihren Füßen, spüren Ihre Fußsohlen und nehmen die Stabilität wahr die ihnen ihr Gesäß und die Füße geben können. Dann wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit zu ihrem Atem. Nehmen ihren Atem bewusst wahr, wie sie einatmen für einige Atemzüge und dann wie sie ausatmen für einige Atemzüge. Sie sollen ihren Atem nicht verändern. Es geht nur ums wahrnehmen  was ist. Dann spüren sie ihren Atem auch körperlich wie er den Bauchbereich und den Brustkorb mit jedem Atemzug hebt und senkt. Und auch dies nehmen sie für ein paar Atemzüge wahr. Spüren wie sich der Körper ausdehnt und wieder zusammensinkt. Dann suchen Sie die Stelle im Körper wo sie ihren Atem am deutlichsten spüren können. Das kann der Bauchbereich sein aber auch der Brustkorb, vielleicht auch die Nase oder eine andere Stelle Ihres Körpers. Wenn Sie die Stelle gefunden haben dann bleiben sie einfach dabei. Spüren sie für einige Atemzüge diese Stelle mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Atemzug für Atemzug. Von Augenblick zu Augenblick. Und wenn ihre Gedanken abschweifen dann nehmen Sie wahr wo sie sich gerade befunden haben, registrieren sie ihre Gedanken und bleiben bei ihrem Atem. Vielleicht können Sie auch wahrnehmen welche Gefühle in innen sind und diese Gefühle wahrnehmen und innerlich begrüßen ohne sich darin zu verlieren. Sei bleiben weiter bei Ihrem Atem.  Dann nehmen sie ihren ganzen Atem wahr ihre Einatmung, ihre Ausatmung und die Zeit zwischen den Atemzügen. Lassen dann die Aufmerksamkeit wieder größer werden. Spüren ihren Körper, Ihr Gesäß die Füße und bereiten sich vor die Übung bald zu beenden. Bevor Sie die Augen öffnen machen Sie sich kurz bewusst was sie wahrgenommen haben in ihrem Atem, in ihren Gedanken und in ihrer Gefühlswelt. Dies ist gelebt Bewusstseinsarbeit in 5-10 Minuten. Dann öffnen sie Ihre Augen und sind fit und können bewusst und zielgerichtet zu Handlungen schreiten.

Wie hängen Achtsamkeit und Entspannung zusammen?

Entspannungsverfahren sind gezielte Interventionsmethoden (Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Imaginationen..) um körperliche, mentale und psychische Entspannung zu erfahren. Dies ist in vielen Situationen sehr sinnvoll und hilfreich. Jeder Bürger sollte ein Entspannungsverfahren für sich anwenden können damit er besser und gezielter auf den persönlichen Stress reagieren kann.

Achtsamkeit geht oft einher mit Entspannungserlebnisse sind aber keine gezielte Wirkung sondern eher eine positive Nebenwirkung. Achtsamkeit hat nur ein Ziel –wahrnehmen was ist ohne zu bewerten. Das heißt sie dürfen in Achtsamkeit auch unruhig, ängstlich, ungeduldig und angespannt sein. Einfach dabei bleiben. Und siehe da, die beschriebenen Zustände verändern sich,  zum Beispiel tritt Entspannung ein, wo vorher Unruhe und Angespanntheit herrschte.  Dies ist eine sehr wertvolle Erfahrung, wenn wir etwas (uns) annehmen, so wie es ist, dann verändert es sich.(uns)

Was empfehlen Sie einem Patienten, der völlig erschöpft zu Ihnen kommt? Und wie kann man sich eine anschließende Behandlung vorstellen?

Es  kommt ganz auf die Diagnose des Menschen an. Erschöpfung kann sehr viele Ursachen haben. Somatische Diagnosen müssen genauso abgeklärt werden wie die Unterscheidung ist es „Nur“ Burnout oder steht hinter der Erschöpfung eine handfeste Depression. Erst nach einer klaren Diagnose die mittels einer Anamnese ermittelt wird kann gezielt eine Therapie eingeleitet werden. Auf der einen Seite müssen Ressourcen und Stärken des Menschen bewusst gemacht werden damit er wieder sich selbst finden kann. Andererseits ist es wichtig zu den Wurzeln der Erschöpfung vorzudringen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Die könnten zum Beispiel sein, kürzer treten, längerfristige Psychotherapie machen um innere Themen zu bearbeiten. Begleitet wird dies durch eine Ruhezeit indem der Mensch die Chance hat sich wiederzufinden und seine Lebensbedürfnisse zu entdecken. Denn eins kann ich auf jeden Fall sagen: Ein Mensch der unter Burnout oder Depression leitet hat bei zu vielen Lebenssituationen ja gesagt obwohl er nein gemeint hat.

Sie haben sich innerhalb von 12 Monaten von 0 auf einen Marathon vorbereitet. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse und Einstellungen, die sie dann bis zur Ziellinie getragen haben?

Oh, was einem während eines Marathonlaufes durch den Kopf und durch den Bauch geht ist sehr vielfältig und nicht beschreibbar. Es ist für mich aber eine wundervolle Erfahrung auf die ich auch etwas stolz bin ein hochgestecktes Ziel innerhalb eines Jahres erreicht zu haben. Dies gibt Selbstvertrauen, Mut und Stolz und die Gewissheit dass auch andere Ziele  erreicht werden können. Ich wünsche jedem menschen dass er sich große Ziele in seinem Leben steckt und dann auch hin und wieder welche Ziele erreicht auf die man am Lebensende mit Stolz zurückschauen kann.

Wo können die Leser mehr über Sie erfahren?

Einfach meine Homepage aufrufen unter www.Gesundheitspraxis-Haas.de bin ich erreichbar, auch gerne telefonisch unter: 06237/9760945.

Herzlichen Dank!

 

Photo (oben): Procsilas Moscas